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Lateinamerika — Missionsland

Die Lage des lateinamerikanischen Katholizismus hat, wie ein „Dossier de la Semaine“ des „Centre d'Informations Catholiques“ meldet, eine höchst bedenkliche Verschlechterung erfahren. Wenn diese Krise anhält und nicht schnelle Abhilfe erfolgt, werden Länder, die man ehedem als „katholisch“ zu bezeichnen pflegte, dem Glauben wiedergewonnen werden müssen. Die beiden Gefahren, die das katholische Lateinamerika bedrohen, sind der steile Rückgang, ja, man möchte fast sagen: das Ausbleiben der Priestervokationen und das Vordringen eines höchst aktiven Sektentums.

Wenige Ziffern genügen, um die Schwere des Problems deutlich zu machen: In Lateinamerika wohnen 33 Prozent aller Katholiken der Welt. Aber nur 7 Prozent der Gesamtzahl der katholischen Priester stehen zu ihrer geistlichen Betreuung zur Verfügung. Gewiß klagt man überall auf der Welt über Priestermangel. Aber das Auseinanderklaffen dieser beiden Ziffern zeigt, wie sehr dort der Priestermangel jenen in anderen katholischen Ländern noch übersteigt. Als untere Grenze für eine erfolgversprechende Seelenbetreuung pflegt man eine Verhältniszahl von je einem Priester auf tausend Gläubige anzunehmen. In Lateinamerika gibt es Länder — wie Guatemala — wo ein Priester auf je 27.000 Seelen kommt; der allgemeine Durchschnitt liegt bei 7000. Man halte dagegen, daß in Kanada je ein Priester auf 479, in den USA auf 622 Einwohner entfällt.

In diesen Zonen unzureichender geistlicher Betreuung sind verschiedene evangelische Sekten in erfolgreichem Fortschreiten. 1925 belief sich die Gesamtzahl der Protestanten in Lateinamerika auf 708.000, im Jahre 1952 war ihre Zahl bereits auf 4,700.000 gestiegen. Dieser Zuwachs übersteigt selbst den allgemein als sehr bedeutsam angesehenen der Katholiken in Großbritannien und den USA.

Die katholische Kirche ist nicht mehr in der Lage, eine regelmäßige geistliche Obsorge — nicht einmal die Abhaltung der Sonntagsmesse — zu gewährleisten, und in dieser geistigen Vereinsamung des Volkes haben die evangelischen Missionäre leichte Arbeit. Die Entwicklung des Protestantismus in Lateinamerika verläuft in der Tat gegenläufig zum Niedergang des Katholizismus. Die Protestanten verfügen bereits über 19.428 Kultstätten, 3655 ordinierte Pastoren und 48 theologische Kollegien. So ist es nicht verwunderlich, daß Brasilien — d-s Land, in dem der Protestantismus die größten Fortschritte erzielen konnte — bereits 1,650.000“ Evangelische zählt. Es sei ausdrücklich gesagt, daß es sich hier, wie alle Zeugen berichten, um eine echte religiöse Bewegung und nicht um durch irgendwelche weltliche Interessen hervorgerufene Bekehrungen handelt. Diese Entwicklung wird gefördert durch die mächtigen Hilfsmittel, über welche die evangelische Pastorisierung verfügt. Ihr steht unter anderem die Rundfunkstation in Quito, die stärkste Lateinamerikas, zur Verfügung, deren Aussendungen auch dank ihrer besonderen Höhenlage (2800 m über dem Meere) die größte Reichweite besitzen. Durch die Vertreibung der christlichen Glaubensboten aus China stehen ferner der evangelischen Glaubensverbreitung eine große Anzahl meist hochstehender Missionäre zur Verfügung, die, wie es scheint, zum größten Teile nach Lateinamerika entsendet werden. So erreicht die Zahl der dort verfügbaren evangelischen Missionäre beiläufig 10.000!

In dieser bedrängten Lage geht es vor allem darum, in der katholischen Kirche den Glaubenseifer neu zu beleben, die Organisation zu verstärken. In Lateinamerika, das bis in die neueste Zeit nicht in einem wirklichen religiösen Wettstreit stand, hat die geschilderte Entwicklung gemeinsam mit verschiedenen soziologischen Erscheinungen zu einer gewissen Erstarrung und zu einem Verlust an jener geistlichen Substanz geführt, die auch die Priesterberufungen zu speisen hat. Durch ihr Nachlassen ergibt sich, daß selbst von der geringen Zahl der noch vorhandenen katholischen Priester eine große Zahl bereits hochbetagt, durch langjährige schwere Arbeit erkrankt oder geschwächt ist. In Kostarika beläuft'sich diese Gruppe auf etwa die Hälfte. Auch die Verteilung der Bevölkerung und die Erdgestaltung verhindern eine ausgeglichene Verteilung des Priesterstandes. In Venezuela ist ein volles Viertel der katholischen Geistlichkeit in der Diözese der Hauptstadt Caracas tätig, auf den übrigen Teil des

Landes, der sechsmal so groß ist wie Frankreich, entfallen dadurch nur 640 Priester. Die Diözese Esmeraldas im Norden von Ekuador zählt nur drei katholische Priester bei 30.000 Einwohnern! In Guatemala wieder wird der Bischofssitz Quezaltenang von bloß zwei Priestern betreut. Der Erzbischof von La Paz in Bolivien hat in den 20 Jahren seines ober-hirtlichen Wirkens nur neun Neupriester weihen können, während in der gleichen Zeit fünfzehn verstarben.

Die politische Lage in Lateinamerika ist keineswegs stabil. Auch dies wirkt sich im religiösen Leben aus. Die Kirchenverfolgungen in Mexiko etwa hatten ernste Auswirkungen auf die religiöse Erziehung der Jugend und dadurch auf die Priesterberufungen. Der Laizismus übt auf das lateinamerikanische Bildungswesen großen Einfluß aus und findet auf katholischer Seite kein entsprechendes Gegengewicht. In der ganzen Stadt Rio de Janeiro gibt es zum Beispiel nur eine einzige katholische Pfarrschule.

Nicht minder bedrückend ist die völlige Verarmung der Kirche, die krasse Armut der Priester, die häufig geradezu in die Stellung von Parias zurückgedrängt werden. Dadurch betrachten die „bürgerlichen“ Schichten den geistlichen Stand mit Geringschätzung, ja geradezu als» entehrend. Nicht zuletzt hat auch diese Zerstörung des Ansehens des Klerus die wachsende Entfremdung der Jugend vom katholischen Leben mitverschuldet. Dabei fehlt es an jeder Zusammenarbeit zwischen Geistlichkeit und Laien. Gewiß, es besteht eine „katholische Aktion“, und sie zeigt sich manchmal dynamisch, aber es gibt gewiß in der ganzen Welt keine Zone, wo die moderne Form des Laienapostolats so wenig entwickelt ist wie in Lateinamerika.

Hundert Millionen katholische Seelen sind in Lateinamerika ohne geistliche Betreuung. Diese erschütternde Tatsache hat bereits die ersten Hilfsmaßnahmen ausgelöst. Eine Anzahl katholischer Missionäre ist aus Kanada, aus den USA, vereinzelt auch aus Europa, zu Hilfe geeilt. Sie müssen mit großem Takt ans Werk gehen, denn die nationalen Empfindlichkeiten sind in Lateinamerika groß, und es gilt jeden Vorwurf des

„Imperialismus“ zu vermeiden. Sonst würde das Heilmittel das Uebel noch verschlechtern. Ermutigende Beispiele, wie das Kleine katholische Seminar in Punto, das Große Seminar in Cuzco, liegen bereits vor.

Auf sich allein gestellt, vermag Lateinamerika sich in dieser Bedrängnis nicht zu helfen. Hier liegt eine große, ehrenvolle Aufgabe für alle Katholiken der Welt bereit. Der Heilige Stuhl widmet der Lage in Südamerika seine ernste Sorge. Die Congregatio de Propaganda fide hat sich an mehrere geistliche Orden mit der Aufforderung gewendet, Glaubensboten nach Lateinamerika zu entsenden. Lateinamerika steht in der ersten Reihe der Anliegen des Katholizismus.

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