Gedanken zu 21,5 Jahren Präsentation klassischer Musik im Radio. Momentaufnahmen aus der sogenannten "Klassik": Musikmoderator Albert Hosp und die Chordirektoren von Wiener Singverein und Wiener Singakademie - beide Chöre sind 150 Jahre alt - erzählen von ihrer Arbeit. Walter Dobner würdigt Herbert von Karajan zum 100. Geburtstag und fragt, was von ihm bleibt. Martin Gross hat untersucht, ob sich das Repertoire in den Konzertsälen verändert hat. Ein Dossier über die Faszination der Musik wie über die Qualitäten und Defizite des Musiklandes Österreich. Redaktion: Cornelius Hell

Im Jahr 1987 war ich zum ersten Mal auf Sendung. Ein Jahrzehnt früher kaufte ich mir meine erste eigene Platte: "Jesus Christ Superstar". Dazu gesellten sich bald andere Helden: Jethro Tull, Queen, Sex Pistols. Mozart und Bach schlichen sich mit dem Geigenunterricht in mein Herz. Es folgten György Ligeti und Joe Zawinul und Leonard Bernstein und Youssou N'Dour und Nina Simone und und … Sie sind mir lieb und teuer. Ohne sie wäre ich nichts.

Freilich: Nur ein Bruchteil meiner Musiklieblinge (ich habe keinen Favoriten, alle stehen nebeneinander, ein emsiges Gedränge auf dem Siegesstockerl) tritt in meinen Sendungen auf. Denn ich präsentiere vor allem klassische Musik. (Je älter ich werde, desto weniger weiß ich, was klassisch eigentlich in diesem Zusammenhang umfasst oder ausschließt.)

Ein Liftboy der Musik

Ich bin Moderator. (Was kann das Wort Moderator nicht alles bedeuten! Das mittlere Pedal beim Klavier heißt so, weil es die Saiten dämpft. Bin ich ein Dämpfer zwischen den Musikstücken? Ein Besänftiger der aufeinanderprallenden CD-Beispiele?)

Ich bin Moderator, Präsentator, Gestalter, Ansager. "Ansager. Ein seltsamer Titel für einen bezahlten Job. (Was machen Sie so? - Ich bin Ansager.) Was hieß es schon mehr, als dass irgendein Esel ein paar Worte herunterlesen konnte, ohne dabei das obligate Glas Wasser umzustoßen. Das konnte doch jeder, aber es trafen tatsächlich Briefe von Fans ein, dass irgendjemand ihr Lieblingansager sei; als ob man einen Lieblings-Liftboy hätte, den man bewundert, weil er an den richtigen Stockwerken anhält." (nach: Garrison Keillor, "WLT: A Radio Romance", 1991)

Das Ansagen ist der eine Teil meines Berufes. Ich sage Musik natürlich auch ab, das ist zwar nicht der andere Teil, aber ich erlaube mir da schnell noch einen Exkurs (Wem das zu lange dauert: Sie können in diesem Text hin und her springen. Verfügen Sie über mich; ich bin ja nicht live on air, auf Sendung.): Musik absagen heißt, nach ihrem Verklingen zu verkünden, was das jetzt eben war. "Sie hörten die Symphonie Nr. XX von X.X." Absagen bedeutet hier also nicht, etwa das Nicht-stattfinden-Können einer Musik bekanntgeben zu müssen, sondern eher im Gegenteil, das eben Gespielte zu benennen. Eine Herausforderung, denn die Augenblicke nach dem Verklingen gehören zu den schönsten überhaupt. Oh herrliche Stille nach der Musik! "Wenn der Klang verschwunden ist, und die anschließende Stille - die immer noch Musik ist - unterbrochen wird, dann erst ist die Musik vorbei, und es beginnt die Erinnerung", vermutet der schwedische Lautenist Rolf Lislevand.

Der andere Teil meines Berufes besteht darin, Musik zusammezustellen. Er ist wichtiger, und chronologisch kommt er sogar vor den An-, Ab- und sonstigen -sagen.Aus der "unendlichen Vielfalt der Musik" (Leonard Bernstein) wähle ich aus; hier einen Sonatensatz, dort ein Lied, da eine Ouverture, und zwischendurch einen Tanz. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Musikstücke ohne Worte, ohne Ansage, hintereinander klingen würden. Eine besonders gut gelungene Reihenfolge braucht keine verbindenden Worte: Ein Idealfall, der sozusagen den Notfall (ich bin plötzlich krank, kann aus irgendeinem Grund nicht sprechen etc.) beinhaltet …

Ohne Worte am stärksten

Zum Teil entspricht diese Arbeit jenen Versuchen während der Schulzeit, Kassetten zusammenzustellen: Thematisch, um sich selbst eine Freude zu machen oder, in den allermeisten Fällen, um ein Mädchen zu beeindrucken bzw. für mich zu gewinnen. (Nicht zufällig ist, neben Garrison Keillors "A Radio Romance", Nick Hornbys "High Fidelity" eines meiner Lieblingsbücher, in dem das Zusammenstellen von "tapes", also Audiokassetten, mit dem Schreiben von Briefen verglichen wird.)

Überhaupt: Musik, die unmittelbarste von allen Künsten, wirkt dann am stärksten, wenn sie ohne Vorbereitung - man könnte sagen: ohne Vorwarnung - zu uns klingt.

Ein großer, zumindest sehr auffallender Teil meiner Arbeit - zwischen den Stücken zu sprechen - ist also im Idealfall nicht notwendig? Stört er am Ende gar? Manchmal spiele ich wirklich ein Stück direkt nach dem vorangegangenen und melde mich erst etwas später, während dieses neue Stück im Hintergrund weiterläuft. Ich finde, dass dadurch die Stimmung der Musik verdeutlicht wird, dass ein Stück stärker wirkt, ich ihm also größere Wichtigkeit zukommen lasse. Ich gehe über die Musik drüber, wie man so sagt. Dieses über der Musik sprechen ist ja in der Popmusik, bei meinen Nachbarsendern, gang und gäbe. Im Kultur-Programm hingegen werde ich von meinem Publikum dafür bisweilen gescholten.

Womit wir bei einem zentralen Punkt sind. Was darf der Mensch, der Musik im Radio präsentiert, mit ihr tun? Darf klassische Musik in Portionen zerteilt werden? Das geschieht nun schon seit mindestens 40 Jahren, und noch immer gibt es viele, denen es ein Dorn im Ohr ist.

Gegenfrage: Hat Radio den Zweck, Musik abzubilden? Soll Radio die Musik so wiedergeben, wie sie ursprünglich gemeint war? Ich bin der Überzeugung: Radio kann Musik, so wie sie "ist", nie und nimmer wiedergeben. Musik im Radio ist eine eigene Sache. Musik "ist" überhaupt immer anders, in jedem Moment radikal anders; ob ich sie nun selbst aus den Noten heraus spielen kann oder im Konzert höre, ruhig dasitzend und konzentriert; ob sie aus dem Küchenradio den Morgen begleitet, aus dem Autoradio den Stau verkürzt, oder aus dem mp3-Player die Jogging-Runde erleichtert. (Die Verben in den letzten drei Nebensätzen lassen sich nach Belieben vertauschen.)

Hier ist die Chance, wie das Radio der Musik dienen kann: Schon ein einziger Satz (und immer gilt: Eher weniger als mehr reden!) über das Leben des Komponisten, den Ort, an dem er komponierte, oder die Instrumente, die er liebte, kann den Hörgenuss vergrößern, oder ihn überhaupt erst entfachen. Voraussetzung: Meine Begeisterung für die Musik muss überspringen, ohne dass meine Befindlichkeit die Musik übergießt.

Musikvermittlung ist eines der Schlüsselworte der heutigen Klassikszene. Im Radio war sie es schon immer.

Die Zeit vergeht

Musik - die unmittelbarste Kunst. Auch das Radio kann, auf eine ganz eigene Art, unmittelbar sein: Im Live-Betrieb. Die Sendezeit vergeht in Wirklichkeit, und wenn mir ein Fehler passiert, dann kann ich ihn nicht mehr korrigieren, er ist "draußen". Das gibt mir eine gewisse Ruhe; die Zeit vergeht, darum muss ich mich nicht kümmern. Ich habe das Gefühl, von der Zeit getragen zu werden, wie auf einem fliegenden Teppich. Im englischen heißt "auf Sendung sein" "to be on air". Ich übersetze das gerne wörtlich: Auf Luft sein. Das ist natürlich falsch, hat aber etwas Wahres: Die Luft trägt mich durch die Sendung. Und etwa die Momente der Stille nach der Musik - sind live im Radio atemberaubend. Da sehen Sie, wie therapeutisch Radiomachen sein kann.

Der Autor ist Musik-Redakteur beim ORF-Radio Ö1, kuratiert das Festival Glatt&Verkehrt und ist als Sprecher in Werken zeitgenössischer Musik tätig.

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