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Feuilleton

Der Neurose eine Stimme geben

1945 1960 1980 2000 2020

Salzburg irrational: "Eros und Tod - Der belgische Symbolismus" im Rupertinum und "Kunst aus Gugging" in der Galerie Altnöder.

1945 1960 1980 2000 2020

Salzburg irrational: "Eros und Tod - Der belgische Symbolismus" im Rupertinum und "Kunst aus Gugging" in der Galerie Altnöder.

In Verbindung treten mit dem Ungewöhnlichen, das den Geist von der vertrauten Welt entfernt, der Neurose eine Stimme und der Angst eine Gestalt gibt, und dem tiefsten Traum, und sei er noch so bedrohlich, ein Gesicht verleiht." Diese Worte des Dichters Joris Karl Huysmans waren auf die Kunstrichtung des Symbolismus gemünzt, der visionären, manierierten Kunst des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts, die neurotische Ängste und obsessive Vorstellungen zum Ausdruck brachte. In einem gewissen Sinn trifft das Zitat aber auch die Art Brut - oder "Outsider Art", wie es im angloamerikanischen Raum heißt - zu, die in Österreich mit den Künstlern aus der Nervenklinik Gugging über herausragende Vertreter verfügt. Beiden Kunstrichtungen ist im Salzburg der Festspielzeit je eine Ausstellung gewidmet: "Eros und Tod - Der Belgische Symbolismus" im Rupertinum (bis 10. Oktober) und "Kunst aus Gugging" in der Galerie Altnöder (bis 11. September).

Die Welten des Traumes und der Fantasie wiederzugeben, das Geheimnisvolle aufzuspüren, ohne es gänzlich zu enthüllen, das waren erklärte Ziel der Symbolisten, Irrationalität, Subjektivität und Emotionalität die einzig gültigen Grundmaximen, Rationalismus und Realismus wurde eine Absage erteilt. Schon in seinen Anfängen im 18. Jahrhundert - Francisco de Goya, William Blake oder Johann Heinrich Füssli gelten als Pioniere - stand der Symbolismus im Widerspruch zu der jeweils anerkannten Kunstauffassung. Auch der das 19. Jahrhundert prägende Realismus kritisierte am Symbolismus die Verweigerung der Realität zugunsten der Imagination. Gustav Klimt, Edvard Munch oder Alfred Kubin huldigten dem stilistisch nicht einheitlichen Symbolismus, dessen Wirkung weit ins 20. Jahrhundert reichte und Jugendstil sowie Surrealismus maßgeblich beeinflußte.

"In keinem anderen Land hat sich der Symbolismus derart profiliert wie in Belgien", rechtfertigt Peter Weiermair, Direktor des Rupertinums, die Thematik seiner Ausstellung. Dennoch dauerte es lange, bis belgische Dichter wie Emile Verhaeren oder Georges Rodenbach und Maler wie Fernand Khnopff, Felicien Rops oder James Ensor gebührend gewürdigt wurden. Dabei läßt sich die Saat des Symbolismus über Rene Magritte und Paul Delvaux bis in die zeitgenössische bildende Kunst Belgiens verfolgen.

Visionen und Beschwörungen, nächtliche Szenen, kosmische Landschaftsbilder waren bevorzugte Motive der Symbolisten - und natürlich Eros und Tod, in Kombination oder jedes für sich genommen. Im Rupertinum beeindrucken in diesem Zusammenhang etwa Jean Delvilles Bild "Regeneration" (1900), auf dem ein animalischer Teufel die Weltkugel vergewaltigt oder Felicien Rops' "Pornokrates" (1878), das als Sinnbild der Dekadenz weit über seine Zeit hinausreicht: Eine nur mit Strümpfen und Handschuhen bekleidete Frau führt mit verbundenen Augen ein Schwein an der Leine spazieren. Wie die Ausstellung zeigt, verfügen die Werke des (belgischen) Symbolismus noch immer über eine beträchtliche Suggestionskraft, wenngleich heute vieles, was damals noch geheimnisumrankt war, heute trivial geworden ist - zum Beispiel Sexualität.

Während die Symbolisten bewußt und gewollt in ihr Innerstes blickten und es in Form von Kunst nach außen transferierten, geschieht dies bei den Künstlern von Gugging unbewußt und ungewollt. Daß Werke der Art Brut nicht nur Symptome von Geisteskrankheit, Dokumente psychopathologischer Störungen sind, sondern Kunst, die auch unabhängig ihres Entstehungszusammenhangs Geltung besitzt, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Wie sonst wäre zu erklären, daß die Galerie Altnöder das Bild "Frau mit vier Sternen" von Johann Hauser, das schon bei unzähligen Ausstellungen gezeigt wurde, um fast 400.000 Schilling zu verkaufen gedenkt?

In den fünfziger Jahren begann der Psychiater Leo Navratil das künstlerische Schaffen talentierter Patienten an seiner Abteilung der niederösterreichischen Landesnervenklinik in Maria Gugging zu fördern - primär aus wissenschaftlichem Interesse. Doch durch Navratils Publikationen wurden Künstler wie Arnulf Rainer, Adolf Frohner und sogar Jean Dubuffet auf Gugging aufmerksam - jener Dubuffet, der für eine ursprüngliche, von der Entwicklung der Kulturgeschichte unbeeinflußten Kunst den Namen "Art Brut" prägte. Die erste Ausstellung fand 1969 in der Galerie St. Stephan bei Otto Mauer statt und löste einen Flut an Präsentationen in aller Welt aus, die bis heute nicht verebbt ist. 1981 schließlich wurde in Gugging das "Haus der Künstler" als Wohnstätte, Atelier und Galerie gegründet.

Die Spekulationen über den Fortbestand des "Hauses der Künstler" scheinen vorerst beendet zu sein. Im Dezember 1997 alarmierte Johann Feilacher, der Nachfolger Navratils als Leiter des "Hauses der Künstler", die Öffentlichkeit, daß die einmalige Institution in ihrer Existenz bedroht sei, ein halbes Jahr später wurde der Arzt seiner Funktion enthoben. Hintergrund der Turbulenzen waren Vorwürfe, Feilacher betätige sich mehr als Kunstmanager denn als Therapeut. Vor allem sein Vorgänger Navratil prangerte die angebliche Kommerzialisierung der Kunst aus Gugging an - womit er, wie viele bedauern, sein eigenes Lebenswerk torpedierte. Mittlerweile jedoch soll die Einrichtung in ein Institut für österreichische Art Brut umgewandelt werden - unter der Leitung Feilachers.

Johann Hauser, der berühmteste Gugginger, der 1996 starb, ist bei der Ausstellung mit mehreren seiner kräftigen Bilder vertreten, ebenso August Walla, dessen monumentale, mit Wörtern gespickte Werke vor Symbolik geradezu überquellen. Eines der Ausstellungsstücke, eine bemalte Tür, stammt aus dem Haus, in dem Walla vor seiner Psychiatrierung mit seiner Mutter in Klosterneuburg wohnte. Als das Gebäude abgerissen wurde, durchstöberten gewitzte Kunstsammler die Trümmer nach Walla-Relikten. Auch Oswald Tschirtner ist mit einigen seiner allerersten Kopffüßler vertreten: Langgezogene, apathische Figuren, die nur aus Gliedmaßen zu bestehen scheinen, aber menschliche Grundstimmungen exemplarisch zum Ausdruck bringen. Der "Wiener Walzer" (1972), für den einer der Kopffüßler seinen Taktstock erhebt, ist sicher in Moll geschrieben.