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Diplomat im Dampfbad

1945 1960 1980 2000 2020

Otto Eiselsbergs Memoiren: Ein wichtiger Beitrag zur österreichischen Diplomatie nach '45.

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Otto Eiselsbergs Memoiren: Ein wichtiger Beitrag zur österreichischen Diplomatie nach '45.

Um die spannendste Geschichte aus Otto Eiselsbergs sehr lesbaren Memoiren eines Diplomaten vorwegzunehmen: Österreichs Staatsvertrag kam beim Schwitzen in einem Moskauer Dampfbad zustande. In der entscheidenden Phase der geheimen österreichisch-sowjetischen bilateralen Diplomatie, die zum kleinen bilateralen Gipfel im April und zum Abschluß des Staatvertrages im Mai 1955 führte, trafen nämlich der österreichische Botschafter Norbert Bischoff, der schon seit 1946 die Geschäfte in Moskau führte, regelmäßig mit Nikita Chruschtschows persönlichem Emmissär Alexej Alexejewitsch zusammen.

Über diesen "back channel" (im Sprachgebrauch von Kissingers Diplomatie) gelangten die vertraulichsten Informationen aus dem Kreml über Bischoff zu Kanzler Julius Raab nach Wien, und zwar mittels diplomatischer Berichte, die nicht an Außenminister Figl, sondern an Raab gingen, und zwar in einem an seine Bedienerin in Wien adressierten Überkuvert. Auf diese Weise schaltete Chruschtschow Molotov und sein Außenministerium aus, denen er mit Beginn des Jahres 1955 die Zügel über die Richtung der sowjetischen Außenpolitik aus der Hand nahm - wie auch Raab in Wien damit sein Außenamt umging, wohl, um damit die mögliche Einflußnahme des sozialistischen Koalitionspartners (und des übereifrigen Staatssekretärs Kreisky) einzubremsen.

Die Achse Bischoff-Raab ist ein Kabinettstück schlauer österreichischer Diplomatie im Kalten Krieg, das nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Eiselsberg ergänzt es mit seiner Dampfbadgeschichte, die ihm Bischoff auf dem Sterbebett in Moskau anvertraute.

Allerdings analysiert er dieses ungewöhnliche Paar österreichischer Koalitionsdiplomatie nicht näher. Hie der bauernschlaue, tiefschwarze Raab, der vor allem von den Amerikanern als in außenpolitischen Dingen naiver Privinzler total unterschätzt wurde - dort der weltgewandte, sprachbegabte Bischoff, dessen besondere Fähigkeit es war, sich mit seiner jeweiligen Umgebung voll zu identifizieren und ihr anzupassen.

Dabei lief Bischoff Gefahr, die für den Diplomaten so wichtige Distanz und Beobachtungsschärfe zu verlieren. Liest man heute im Staatsarchiv die Berichte des "roten Bischoff" (so Kreisky), errötet man ob seiner Naivität gegenüber dem totalitären Unrechtsstaat Stalins und auch ob seines tiefsitzenden Antiamerikanismus. Die westlichen Botschafter in Moskau mißtrauten ihm deshalb 1955 als "fellow traveller" der Kremlherren zutiefst, worüber man bei Eiselsberg allerdings nichts erfährt. Bischoffs Tätigkeit könnte jedenfalls auf den diplomatischen Akademien der Welt als Fallbeispiel für die diplomatische Kunst studiert werden, aber auch für die Probleme durch zu lange Präsenz an einem Ort.

Eiselsberg bestimmte die Geschicke der österreichischen Nachkriegsdiplomatie immer wieder in entscheidenden Positionen mit. Aus adeliger Familie aus der Welser Gegend stammend, absolvierte er in kürzester Zeit, noch vor dem Krieg, das Jusstudium und die Diplomatische Akademie. Im Krieg kam er wie sein Zeitgenosse Kurt als Artillerieoffizier und Batteriechef auf beinahe allen Kriegsschauplätzen Europas (Frankreich, Rußland, Italien) zum Einsatz und absolvierte darüber hinaus auch noch in wenigen Monaten ein Fernstudium an der Wiener Welthandels-Hochschule.

Mit Stolz berichtet er einerseits über die Erfolge der Deutschen Wehrmacht in Frankreich, über den Partisaneneinsatz im Raume Istrien-Krain und über den persönlichen Erfolg. ein EK I ergattert zu haben, stellt aber andererseits - wie auch einige Zeitzeugen aus dem Widerstand - fest, daß man "als Nichtnazi am besten bei der Wehrmacht überleben konnte".

Ende 1949 wurde er ins Bundeskanzleramt, Auswärtige Angelegenheiten, aufgenommen und dem Außenminister Karl Gruber als Sekretär zugeteilt, nachdem sich das Tiroler Energiebündel versichert hatte, daß Eiselsberg weder Jude noch Graf war. Über Gruber kann man geteilter Meinung sein, ein besonderes Verdienst ist dem Tiroler jedenfalls ganz hoch anzurechnen: Er nahm während seiner Dienstzeit als Minister eine ganze Generation junger Leute wie Eiselsberg aus beiden politischen Lagern ins Außenamt auf, die die Diplomatie und Außenpolitik der Zweiten Republik für mehr als eine Generation entscheidend mitbestimmten. Man denke an Bruno Kreisky,Walter Wodak und Hans Thalberg, aber auch an Kurt Waldheim und Wolfgang Schallenberg.

Gruber gab dem agilen Eiselsberg als 35-jährigem die Chance, die erste Vertretung in Australien aufzubauen und den riesigen westpazifischen Raum mit zu betreuen. Er hatte für den umsichtigen Gruber das Kriegsgeschehen in Korea und Vietnam zu daraufhin zu beobachten, was auf die festgefahrene Situation in der Staatsvertragsfrage Auswirkungen zeitigen könnte. In den sechziger Jahren war Eiselsberg dann Botschafter in Japan und Korea, bevor er seine schillernde Laufbahn in Paris (ab 1974) beendete, wo er hundert Monate lang als Botschafter Österreich vertrat.

Eiselsberg konnte sich offensichtlich gut und schnell in Kulturen und Menschen einfühlen. Die analytische Schärfe eines George Kennan oder Henry Kissinger geht ihm allerdings ab. Er vergibt in seinem Buch die Chance, auf die in der täglichen Arbeit sicher aufreibenden Probleme der "Zweiparteienaußenpolitik" der Zweiten Republik einzugehen, indem er etwa seine Differenzen mit Wodak im größeren Zusammenhang einer großkoalitionären Außenpolitik analysiert hätte. Er überschätzt die Rolle Frankreichs als atomare Großmacht und ergeht sich in typisch österreichischen nationalen Stereotypen wie etwa "Tradition der Treulosigkeit in der italienischen Politik". Könnte es nicht etwa so sein, daß die Italiener mit ihren diplomatischen Frontwechseln virtuose Realpolitiker waren, eine Qualität, die sonst am Ballhausplatz durchaus geschätzt wird? Andersrum: Führte nicht auch die fatale Bündnistreue Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg zum Untergang der Monarchie?

Unverständlich ist auch Eiselsbergs wiederholte Verwendung des Begriffss "rassisch Verfolgte" (für Juden). Seine fehlende Dekonstruktion dieses Terminus zeichnet ihn als ein Kind seiner Generation aus, die als Aufbaugeneration Großartiges für die Zweite Republik geleistet hat.

Als Diplomatiehistoriker kann man sich nur wünschen, daß noch viele seiner Weggefährten am Ballhausplatz seinem Beispiel folgen mögen und ihre Zeit als Pensionäre dazu verwenden, zur Feder zu greifen. Dem Böhlau-Verlag ist nach den Memorien von Hans Thalberg mit den Eiselsberg-Memoiren ein weiterer großer Wurf gelungen.

Günter Bischof ist Associate Director des neuen Center for Austrian Culture and Commerce an der University of New Orleans und im laufenden Sommersemester Gastprofessor an der Universität Salzburg, wo er die internationale Geschichte des Kalten Krieges lehrt.

Erlebte Geschichte 1917-1997, Von Otto Eiselsberg, Böhlau Verlag, Wien 1997, 448 Seiten, Ln., öS 498,-

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