"Es ist normal, liquid zu sein"

Ferdinand Herndler, Schuldenberater und Geschäftsführer des "Vereins für prophylaktische Sozialarbeit" in Linz, über die Freude der Banken am niedrig angesetzten Existenzminimum, private Kreditvermittler und die mögliche Prävention vor einer Schuldnerkarriere.

Die Furche: Bei der Schuldnerberatung Wien muss man mittlerweile mehrere Monate auf einen Beratungstermin warten. Wie lange wartet man bei Ihnen?

Ferdinand Herndler: Manchmal gibt es schon Stresszeiten, aber wir möchten erreichen, dass die Wartezeit nicht sehr viel mehr als 14 Tage beträgt. Sonst werden die Ausfälle zu groß. Für viele Personen ist es ja eine große Überwindung, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Schulden haben ist nach wie vor mit einem Tabu behaftet, weil es in unserer Gesellschaft normal ist, liquid zu sein. Wenn sich Leute an uns wenden, haben sie meist schon alles versucht, alle Ressourcen ausgeschöpft und sind auf Versandhäuser ausgewichen. Und das ist leider schon sehr, sehr spät.

Die Furche: Gibt es also in Wien zu wenige Schuldnerberater?

Herndler: Ja. Faktum ist, dass die Beraterdichte in den letzten Jahren nicht besonders aufgestockt worden ist, obwohl der Bedarf gestiegen ist.

Die Furche: Nach Expertenschätzungen stecken mittlerweile fast 900.000 Österreicherinnen und Österreicherer in der Schuldenfalle, 720.000 Lohn- und Gehaltspfändungen wurden 2001 registriert. Was ist schuld an diesem Negativrekord?

Herndler: Ein Hauptgrund liegt darin, dass eine Verhaltensänderung in der Gesellschaft festzustellen ist: Für die Generation nach dem Wiederaufbau war es ein großer Wert, schuldenfrei zu sein. Heute ist es der größte Wert, kreditwürdig zu sein - also das genaue Gegenteil. Ein Ausdruck dieser Kreditwürdigkeit ist das Plastikgeld: Es bedeutet ja nicht, dass ich so und so viel Geld zur Verfügung habe, sondern dass ich einen so und so großen Überziehungsrahmen habe. Der Schritt von der Ausschöpfung des Überziehungsrahmens bis zur Überschuldung ist aber sehr klein. Wenn ich schon im Minus bin und ein kleiner Auslöser hinzukommt, geht es schnell bergab.

Die Furche: Es sind also nicht die großen Kredite, sondern die ständigen Kontoüberziehungen, die viele in die Schuldenfalle treiben?

Herndler: Ja, vor allem aber die Vielzahl der Überziehungen. Wenn man sich schon in jungen Jahren antrainiert, mehr auszugeben, als man verdient, dann wird die Bank irgendwann den guten Vorschlag machen, die Summe auf einen billigeren Kredit umzuschulden - und die Rückzahlung ist geordnet. Das Problem ist aber, dass das antrainierte Verhaltensmuster aufrecht bleibt. Wenn das Konto auf null gestellt wird und man weiterhin mehr ausgibt, als man einnimmt, dann werden die Schulden ausgebaut statt reguliert.

Die Furche: Wie weit kann man Ihrer Erfahrung nach in Österreich das Konto überziehen?

Herndler: Hier gibt es je nach Bank unterschiedliche Richtwerte. Wir hatten schon Personen, die 7.000 Euro Kontoüberzug hatten bei einem Einkommen von 1.000 Euro. Die Zinsen hängen immer von der Bonität ab: Unsere Wahrnehmung ist die, dass viele sehr wenig über Zinsen verhandeln, weil sie froh darüber sind, überhaupt noch Geld zu bekommen.

Die Furche: Ihr Wiener Kollege Alexander Maly wirft den Banken vor, durch die rasche Kreditvergabe am Schuldendilemma mit schuld zu sein. Wo liegt das Problem?

Herndler: Das Problem ist, dass in Österreich das Existenzminimum in einer Größenordnung liegt, wo die Banken nur ein geringes Risiko tragen, ihr Geld zu verlieren. Die Vergabe von Krediten oder die Bonitätsprüfung würde viel sorgfältiger sein, wenn das Existenzminimum adäquat wäre und auf 1.000 Euro angehoben würde. Oft muss ja der Kreditnehmer gleich bei der Kreditvergabe eine Gehaltsverpfändungserklärung unterschreiben, die an den Arbeitgeber gesendet wird. Kann er die Raten nicht mehr zurückzahlen, wird das Gehalt bis zum Existenzminimum abgeschöpft. Der Sockelbetrag beträgt 643 Euro, dazu kommen noch 128 Euro pro Unterhaltspflichtigem, wobei nur Ehe-, nicht aber Lebensgemeinschaften berücksichtigt werden. Vom restlichen Betrag kann der Schuldner noch einmal 30 Prozent geltend machen und für jeden Unterhaltspflichtigen zehn Prozent. Viel bleibt da jedenfalls nicht übrig.

Die Furche: Wie hoch sollte Ihrer Meinung nach das Existenzminimum angesetzt werden?

Herndler: Wir fordern, dass der Grundbetrag von 630 Euro auf 1.000 Euro angehoben wird. Damit könnte man vorbeugen, dass immer wieder Menschen in die Schuldenfalle tappen. Es geht ja auch um Prävention. Bestimmte Personen würden damit konfrontiert, dass sie sich bestimmte Dinge einfach nicht kaufen können.

Die Furche: Manche versuchen dann wohl ihr Glück bei einem privaten Kreditvermittler ...

Herndler: Wir warnen sehr davor. Das Geld stellt ja nicht der Kreditvermittler zur Verfügung, sondern Menschen, die bei der Bank keinen Kredit mehr bekommen, versuchen es nun über so ein Büro - nur zu weitaus schlechteren Konditionen. Auch wenn der Kredit nicht zustande kommt, werden für die Vermittlertätigkeit enorme Kosten verrechnet. Diese Büros kooperieren meist mit bestimmten Banken, die aggressiver am Markt auftreten. Oft kommt es zu richtigen Nonsens-Aktionen: ohne Bürgen, ohne Sicherheiten und mit ganz geringen Rückzahlungsraten. Da müsste man schon 130 Jahre alt werden, um den Kredit zurückzuzahlen.

Die Furche: Bemerken auch Sie den Trend, dass vor allem die Zahl der Konsumkredite zugenommen hat?

Herndler: Ja, bei unserem Klientel ist genau das der Punkt. Es kann schon sein, dass sich manche beim Hausbau übernommen haben. Aber der Großteil der Klienten ist durch Konsumkredite in die Verschuldung geraten. Hier kann es so weit kommen, dass die Gegenständeschon längst kaputt sind, wenn noch immer zurückgezahlt wird: Handy, Fernseher, Möbel, Einrichtungsgegenstände, Kühlgeräte, Autos. Oft wird an der Leasingrate gezahlt, wenn es das Auto schon längst nicht mehr gibt.

Die Furche: Vor allem das Handy wird mehr und mehr als Auslöser der Schuldenspirale bezeichnet ...

Herndler: Vor fünf Jahren war es eine Ausnahme, wenn ein Mobilnetzbetreiber in der Gläubigersammlung aufgetaucht ist. Heute ist es eine Ausnahme, wenn er nicht auftaucht. In der Regel haben wir zwei bis drei Anbieter drinnen. Bei einem Mobilnetzbetreiber wird oft ein Handy angemeldet, nicht bezahlt, und dann besorgt man sich einfach von einem zweiten Netzbetreiber ein neues Handy.

Die Furche: Ihrem Verein ist auch eine Familienberatung angeschlossen. Wie eng sind Ihrer Erfahrung nach Geld- und Familienprobleme miteinander gekoppelt?

Herndler: Hier muss man die Frage stellen: Was war zuerst: Die Henne oder das Ei? Faktum ist, dass es hier einen sehr engen Zusammenhang gibt. Vor allem Scheidung ist ein Auslöser für Finanzprobleme. Allein deshalb, weil danach zwei Wohnungen notwendig sind und Unterhaltszahlungen vorgeschrieben sein können, die nicht in das Haushaltsbudget passen. Scheidung kann auch der Grund sein, die Arbeit zu verlieren, weil man völlig aus dem Gleichgewicht gerät. Oft werden auch Schulden aufgeteilt. Doch wenn sich einer nicht an die Rückzahlung hält, kommt der andere zum Handkuss. Und das betrifft vor allem Frauen.

Die Furche: Wovon offenbar auch überwiegend Frauen betroffen sind, sind Bürgschaften ...

Herndler: Ja. Oft besteht zwischen dem Kreditnehmer und dem Bürgen ein emotionales Naheverhältnis oder eine reelle Abhängigkeit. Es gibt mehrere Urteile wegen Sittenwidrigkeit bei Bürgschaften, nur haben die Banken schnell reagiert und sprechen nicht mehr von Bürgen, sondern von Mitkreditnehmern. Überhaupt sagen Banken oft, dass eine Bürgschaft nur pro forma ist, dass eh nichts passieren kann. Aber unserer Erfahrung nach gibt es keine pro-forma-Unterschrift. Wenn ich eine Bürgschaft unterzeichne, muss ich mir im klaren sein, dass ich auch belangt werden kann und tatsächlich belangt werde. Die Bank verlangt ja eine Bürgschaft dann, wenn jemand eigentlich nicht kreditwürdig ist und das Risiko groß ist, ihm Geld zu geben.

Die Furche: Sie nennen sich "Verein für prophylaktische Sozialarbeit". Ist bei der Schuldenproblematik überhaupt Prophylaxe möglich, oder braucht es nicht einfach bessere Gesetze?

Herndler: Wir sagen immer, nur Prophylaxe oder nur bessere gesetzliche Rahmenbedingungen sind zu wenig. Die Gesetze sollten so sein, dass mit Schulden nicht zusätzlich Geschäft gemacht werden kann. Derzeit machen aber viele ihr Geschäft damit: die Inkassobüros, die Rechtsanwälte und auch die Gerichte. Es gibt eine ganze Industrie, die gut verdient. Hier braucht es klare Rahmenbedingungen. Mindestens so wichtig ist aber auch, dass schon junge Leute aufgeklärt werden. Es muss thematisiert werden, dass sich nicht jeder alles leisten kann. Wir machen das durch Projekte im Kultur- und Medienbereich, etwa durch das Theaterstück "Cashbox", das Schulspielgruppen zur Verfügung gestellt wird, oder durch den Kinospot "Finanzinfarkt". Wir haben auch einen Handy-Ratgeber für Schulen entwickelt, der bei Lehrern auf großes Interesse gestoßen ist. Schließlich geben wir seit Jahren die "Geizhalszeitung" heraus. Damit wollen wir thematisieren, dass es in Österreich sehr viele Menschen gibt, die am Existenzminimum leben und mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Das ist eine Tatsache, nur traut sich das niemand laut zu sagen.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

Nähere Informationen beim "Verein für prophylaktische Sozialarbeit" unter (0732) 77 77 34-0 und unter

www.schulden.at.

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