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Feuilleton

Forschung zwischen Schein und Sein

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Bundesregierung sieht Österreichs Forschungs- und Technologieleistung im Aufschwung. Doch Experten diagnostizieren Stagnation und Mittelmaß.

Am 1. Juni hat der Nationalrat neuen Lesestoff bekommen. Gleich zwei Publikationen landeten auf den Schreibtischen der Parlamentarier. Beide behandeln den Themenkomplex Wissenschaft, Forschung und Technologie. Beide evaluieren den Status quo. Beide geben Empfehlungen für die Steuerung künftiger Entwicklungen ab. Im Ausmaß an kritischer Reflexion unterscheiden sie sich jedoch stark voneinander.

Der "Österreichische Forschungs- und Technologiebericht“ der Bundesregierung erscheint seit 1972 im Jahresabstand und wird im Auftrag der drei Ministerien für Wirtschaft, Wissenschaft und Infrastruktur erstellt. In diesem Jahr ist es ein 248 Seiten dicker Schmöker. Mit 64 Seiten vergleichsweise schmal präsentiert sich der "Bericht zur wissenschaftlichen und technologischen Leistungsfähigkeit Österreichs“, den der Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT) heuer zum ersten Mal erstellt hat. Während im Regierungsbericht explizite Selbstkritik rar gesät ist, legt der RFT seinen Finger schonungslos auf offene Wunden.

"Bestenfalls im Mittelfeld“

Die neue Usance, dem Nationalrat zwei unabhängig voneinander erhobene Berichte vorzulegen, bringt frischen Wind. Einerseits bereichert sie die öffentliche forschungs- und technologiepolitische Diskussion um lästige Fragen, die sich die Regierung selbst nicht offen stellen würde. Zum anderen trägt sie zu einer Profilschärfung des RFT bei, dessen Existenzberechtigung in der Vergangenheit nicht immer ganz klar erkennbar war.

RFT-Vorsitzender Hannes Androsch diagnostiziert in der heimischen Forschungspolitik Stagnation seit dem Krisenjahr 2008. "Wir liegen bestenfalls im Mittelfeld und sind in den letzten Jahren dramatisch zurückgefallen“, so sein Verdikt. "Wir haben die Stagnation überwunden, es gibt eine positive Steigerung“, konterte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) bei der Präsentation des Regierungsberichtes. So wird die diesjährige Forschungsquote bei geschätzten 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen, was 8,61 Milliarden Euro entspricht. Die Quote liegt damit sowohl über dem EU- als auch über dem OECD-Durchschnitt. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das eine Steigerung von 4,2 Prozent.

Von der hoch dynamischen Wachstumsperiode der Jahre 2000 bis 2008 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 8,16 Prozent ist man damit allerdings noch weit entfernt. Dass die Folgen der Wirtschaftskrise noch nicht überwunden sind, zeigt auch ein detaillierter Blick auf die Zusammensetzung der Forschungsausgaben: So erreicht der Anteil der öffentlichen Hand mit 3,38 Milliarden Euro (entspricht 39,9 Prozent) ein historisches Hoch. Den stärksten Finanzierungssektor bilden mit 3,84 Milliarden Euro (45 Prozent) nach wie vor die Unternehmen. Allerdings bleibt deren aktuelle Wachstumsrate mit 2,18 Prozent klar unter dem Durchschnitt. Besonders stark ist diese Diskrepanz im Bereich der Grundlagenforschung ausgeprägt, wo der staatliche Anteil sogar 89 Prozent beträgt. "Wir brauchen mehr Zusammenarbeit mit der Wirtschaft“, wünscht sich deshalb Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP). Immerhin habe der für die Abwicklung von Förderungen im Bereich der Grundlagenforschung zuständige Wissenschaftsfonds FWF eine Budgetsteigerung "in Aussicht“, wie Töchterle verriet.

Die für angewandte Forschung zuständige Ministerin Doris Bures (SPÖ) strich hervor, dass es in den vergangenen zehn Jahren gelungen sei, die unternehmerische Investitionsbereitschaft zu erhöhen. So sei die Anzahl an Beschäftigten in Forschung und Entwicklung um 45 Prozent gestiegen. Zudem liege Österreich bei den Patentanmeldungen innerhalb der EU an siebenter Stelle.

Der Anspruch, Leistung und Bedürfnisse der heimischen Forschungslandschaft mit Kennzahlen wie der Forschungsquote zu messen, ist kein Selbstzweck. Vielmehr steht er in engem Zusammenhang mit der im März 2011 beschlossenen Strategie der Bundesregierung für Forschung, Technologie und Innovation - kurz: FTI-Strategie. Diese hat zum erklärten Ziel, Österreich bis 2020 von der Gruppe der sogenannten "Innovation Follower“ in jene der "Innovation Leader“ zu bringen. Darunter werden jene Länder verstanden, die im Innovation Union Scoreboard (IUS), einem Leistungsranking der Europäischen Kommission, mehr als 20 Prozent über dem EU-Durchschnitt liegen. Derzeit sind das Schweden, Dänemark, Deutschland und Finnland. Österreich ist in den vergangenen zwei Jahren im IUS jeweils um einen Platz zurückgefallen und befindet sich derzeit auf Rang acht. Eine ähnliche Standortbestimmung zeigen auch andere Innovationsrankings. Stets liegt Österreich im soliden, vorderen Mittelfeld - aber eben nie ganz oben.

Die FTI-Strategie beinhaltet ein Bündel an Maßnahmen, um diesen Umstand zu ändern. Am stärksten kommuniziert werden das Ziel einer Forschungsquote von 3,76 Prozent des BIP bis 2020 sowie ein Unternehmensanteil von zwei Dritteln an den Gesamtforschungsausgaben. Das hierfür nötige zusätzliche Budget bis zum Ende des Jahrzehnts beziffert Wirtschaftsminister Mitterlehner auf fünf Milliarden Euro.

Zu wenig Transparenz

Ein Problem ist, dass in Österreich zu wenig Risikokapital vorhanden ist, um innovative Jungunternehmen zu unterstützen. Risikokapital wird laut Mitterlehner künftig an Bedeutung gewinnen - vor allem deshalb, weil mit dem Bankenregulierungpaket Basel 3 die Bereitschaft von Banken, Kredite an riskante Unternehmungen zu vergeben, weiter sinken wird. Der Minister kündigte deshalb Maßnahmen an, um Gründungs- und Frühphaseninvestitionen zu erhöhen. Insbesondere sollen die Verfahren bei Seed-Finanzierungen vereinfacht werden.

Während sich Regierung und RFT bei der Diagnose der Stärken des heimischen Innovationssystems weitgehend einig sind, streicht der Rat auch die Schwächen hervor. So seien die Hochschulzugangs- und Abschlussquoten zu gering, insbesondere in den Natur- und Ingenieurswissenschaften. An den Unis werde außerdem zu wenig in Infrastruktur investiert. Das reduziere die Attraktivität Österreichs als Standort für ausländische Wissenschaftler, was sich wiederum in schlechten Resultaten bei Hochschulrankings niederschlage. Dem Fördersystem mangle es an Transparenz und Flexibilität, weiters fehle ein klarer Finanzierungspfad, der langfristige Investitionssicherheit garantiere. Zudem kritisiert der RFT, dass die Umsetzung der FTI-Strategie nicht ausreichend mit messbaren Indikatoren nachverfolgt werde. Dies wäre bei mehr als der Hälfte aller Maßnahmen möglich. Tatsächlich passiert es jedoch nur bei etwas mehr als zehn Prozent.

Die Bundesregierung sieht Österreichs Forschungs- und Technologieleistung im Aufschwung. Doch Experten diagnostizieren Stagnation und Mittelmaß.

Am 1. Juni hat der Nationalrat neuen Lesestoff bekommen. Gleich zwei Publikationen landeten auf den Schreibtischen der Parlamentarier. Beide behandeln den Themenkomplex Wissenschaft, Forschung und Technologie. Beide evaluieren den Status quo. Beide geben Empfehlungen für die Steuerung künftiger Entwicklungen ab. Im Ausmaß an kritischer Reflexion unterscheiden sie sich jedoch stark voneinander.

Der "Österreichische Forschungs- und Technologiebericht“ der Bundesregierung erscheint seit 1972 im Jahresabstand und wird im Auftrag der drei Ministerien für Wirtschaft, Wissenschaft und Infrastruktur erstellt. In diesem Jahr ist es ein 248 Seiten dicker Schmöker. Mit 64 Seiten vergleichsweise schmal präsentiert sich der "Bericht zur wissenschaftlichen und technologischen Leistungsfähigkeit Österreichs“, den der Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT) heuer zum ersten Mal erstellt hat. Während im Regierungsbericht explizite Selbstkritik rar gesät ist, legt der RFT seinen Finger schonungslos auf offene Wunden.

"Bestenfalls im Mittelfeld“

Die neue Usance, dem Nationalrat zwei unabhängig voneinander erhobene Berichte vorzulegen, bringt frischen Wind. Einerseits bereichert sie die öffentliche forschungs- und technologiepolitische Diskussion um lästige Fragen, die sich die Regierung selbst nicht offen stellen würde. Zum anderen trägt sie zu einer Profilschärfung des RFT bei, dessen Existenzberechtigung in der Vergangenheit nicht immer ganz klar erkennbar war.

RFT-Vorsitzender Hannes Androsch diagnostiziert in der heimischen Forschungspolitik Stagnation seit dem Krisenjahr 2008. "Wir liegen bestenfalls im Mittelfeld und sind in den letzten Jahren dramatisch zurückgefallen“, so sein Verdikt. "Wir haben die Stagnation überwunden, es gibt eine positive Steigerung“, konterte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) bei der Präsentation des Regierungsberichtes. So wird die diesjährige Forschungsquote bei geschätzten 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen, was 8,61 Milliarden Euro entspricht. Die Quote liegt damit sowohl über dem EU- als auch über dem OECD-Durchschnitt. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das eine Steigerung von 4,2 Prozent.

Von der hoch dynamischen Wachstumsperiode der Jahre 2000 bis 2008 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 8,16 Prozent ist man damit allerdings noch weit entfernt. Dass die Folgen der Wirtschaftskrise noch nicht überwunden sind, zeigt auch ein detaillierter Blick auf die Zusammensetzung der Forschungsausgaben: So erreicht der Anteil der öffentlichen Hand mit 3,38 Milliarden Euro (entspricht 39,9 Prozent) ein historisches Hoch. Den stärksten Finanzierungssektor bilden mit 3,84 Milliarden Euro (45 Prozent) nach wie vor die Unternehmen. Allerdings bleibt deren aktuelle Wachstumsrate mit 2,18 Prozent klar unter dem Durchschnitt. Besonders stark ist diese Diskrepanz im Bereich der Grundlagenforschung ausgeprägt, wo der staatliche Anteil sogar 89 Prozent beträgt. "Wir brauchen mehr Zusammenarbeit mit der Wirtschaft“, wünscht sich deshalb Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP). Immerhin habe der für die Abwicklung von Förderungen im Bereich der Grundlagenforschung zuständige Wissenschaftsfonds FWF eine Budgetsteigerung "in Aussicht“, wie Töchterle verriet.

Die für angewandte Forschung zuständige Ministerin Doris Bures (SPÖ) strich hervor, dass es in den vergangenen zehn Jahren gelungen sei, die unternehmerische Investitionsbereitschaft zu erhöhen. So sei die Anzahl an Beschäftigten in Forschung und Entwicklung um 45 Prozent gestiegen. Zudem liege Österreich bei den Patentanmeldungen innerhalb der EU an siebenter Stelle.

Der Anspruch, Leistung und Bedürfnisse der heimischen Forschungslandschaft mit Kennzahlen wie der Forschungsquote zu messen, ist kein Selbstzweck. Vielmehr steht er in engem Zusammenhang mit der im März 2011 beschlossenen Strategie der Bundesregierung für Forschung, Technologie und Innovation - kurz: FTI-Strategie. Diese hat zum erklärten Ziel, Österreich bis 2020 von der Gruppe der sogenannten "Innovation Follower“ in jene der "Innovation Leader“ zu bringen. Darunter werden jene Länder verstanden, die im Innovation Union Scoreboard (IUS), einem Leistungsranking der Europäischen Kommission, mehr als 20 Prozent über dem EU-Durchschnitt liegen. Derzeit sind das Schweden, Dänemark, Deutschland und Finnland. Österreich ist in den vergangenen zwei Jahren im IUS jeweils um einen Platz zurückgefallen und befindet sich derzeit auf Rang acht. Eine ähnliche Standortbestimmung zeigen auch andere Innovationsrankings. Stets liegt Österreich im soliden, vorderen Mittelfeld - aber eben nie ganz oben.

Die FTI-Strategie beinhaltet ein Bündel an Maßnahmen, um diesen Umstand zu ändern. Am stärksten kommuniziert werden das Ziel einer Forschungsquote von 3,76 Prozent des BIP bis 2020 sowie ein Unternehmensanteil von zwei Dritteln an den Gesamtforschungsausgaben. Das hierfür nötige zusätzliche Budget bis zum Ende des Jahrzehnts beziffert Wirtschaftsminister Mitterlehner auf fünf Milliarden Euro.

Zu wenig Transparenz

Ein Problem ist, dass in Österreich zu wenig Risikokapital vorhanden ist, um innovative Jungunternehmen zu unterstützen. Risikokapital wird laut Mitterlehner künftig an Bedeutung gewinnen - vor allem deshalb, weil mit dem Bankenregulierungpaket Basel 3 die Bereitschaft von Banken, Kredite an riskante Unternehmungen zu vergeben, weiter sinken wird. Der Minister kündigte deshalb Maßnahmen an, um Gründungs- und Frühphaseninvestitionen zu erhöhen. Insbesondere sollen die Verfahren bei Seed-Finanzierungen vereinfacht werden.

Während sich Regierung und RFT bei der Diagnose der Stärken des heimischen Innovationssystems weitgehend einig sind, streicht der Rat auch die Schwächen hervor. So seien die Hochschulzugangs- und Abschlussquoten zu gering, insbesondere in den Natur- und Ingenieurswissenschaften. An den Unis werde außerdem zu wenig in Infrastruktur investiert. Das reduziere die Attraktivität Österreichs als Standort für ausländische Wissenschaftler, was sich wiederum in schlechten Resultaten bei Hochschulrankings niederschlage. Dem Fördersystem mangle es an Transparenz und Flexibilität, weiters fehle ein klarer Finanzierungspfad, der langfristige Investitionssicherheit garantiere. Zudem kritisiert der RFT, dass die Umsetzung der FTI-Strategie nicht ausreichend mit messbaren Indikatoren nachverfolgt werde. Dies wäre bei mehr als der Hälfte aller Maßnahmen möglich. Tatsächlich passiert es jedoch nur bei etwas mehr als zehn Prozent.