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Philosophie am Bettrand

1945 1960 1980 2000 2020

Javier Marias erfüllt aus der Perspektive des Todes eine banale Realität wieder mit Sinn.

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Javier Marias erfüllt aus der Perspektive des Todes eine banale Realität wieder mit Sinn.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist nicht gerade Thema für Bestseller. Dem Spanier Javier Marias gelang auch mit seinem dritten Roman einer. Er beweist, daß nicht nur Action ohne Tiefgang ans verheißungsvolles Ziel zu bringen vermag. Wenn also ein philosophischer Roman nicht nur geschrieben, sondern auch verkauft und gelesen wird, so ist dies eine deutliche Absage an Kulturpessimisten, die in unserer Gesellschaft nur noch das Diktat der Quotenmoral am Werk sehen.

Marias hat einen spannenden Roman geschrieben, in dem die philosophischen Gedanken nicht abgehobene Konstrukte sind, sondern Ergebnis einer nur auf den ersten Umschlagblick voyeurhaften Perspektive. Victor hat ein Rendezvous mit einer Frau und verbringt die erste gemeinsame Nacht in ihrer Wohnung. Der zweijährige Sohn ist nur mit Mühe ins Bett zu bringen, der Ehemann in England. Doch das vorbereitete Liebesabenteuer endet letal. Martha wird plötzlich schlecht und sie stirbt in den Armen ihres möglichen Seitensprungs.

Das ist der Stoff der ersten hundert Seiten, wobei das Ergebnis, der Tod, von Anfang an feststeht. "Niemand denkt je daran, daß er irgendwann eine Tote in den Armen halten könnte und daß er nicht mehr ihr Gesicht sehen wird, an dessen Namen er sich erinnert." Philosophie am Bettrand, kein Bettgeflüster. Menschen reden nicht nur, dazwischen denken sie, bewußt oder unbewußt, auch wenn es oft nicht den Anschein hat.

Der Gedankenstrom fließt und kann nicht zum Stehen gebracht werden. Marias zapft eine unaufhörlich sprudelnde Quelle an, ein Wort ergibt das andere, eine Suada ohne Ende, Sätze, die kein Ende finden und eine halbe Seite beanspruchen. Ergebnis einer Hilflosigkeit im Umgang mit dem Sterben, mit einem mittelmäßigen Leben. Der Drehbuchautor, der für seine Entwürfe auch dann bezahlt wird, wenn sie nicht verwirklicht werden, entzieht sich angesichts seiner Durchschnittlichkeit allen Kategorien von Sympathie oder negativer Beurteilung. Die Welt ist ihm gleichgültig geworden, er findet keinen festen Boden, die unendlichen Sätzewerden zu Treibsand, der ihn zu verschlingen droht. Die Welt setzt sich aus vielen Vielleicht zusammen und ergeben ein So-wäre-es-möglich, So-könnte-es-sein.

Was bleibt von einem Menschen, welche Spuren hinterläßt er? Der Mensch tritt ab, die Kulissen bleiben: "Ich kann nicht aufhören, zu existieren, solange all die anderen Dinge und die Menschen hier bleiben und am Leben bleiben und auf dem Bildschirm eine andere Geschichte ihren Lauf nimmt". In Variationen solcher Art tröpfelt Marthas Bewußtseinsstrom, während sie auf dem Bett liegt und zu begreifen beginnt, daß sie sterben wird. "Es ist nicht nur so, daß in einem Augenblick die winzigkleine Geschichte der Gegenstände entschwindet, sondern auch alles, was ich kenne und gelernt habe und auch meine Erinnerung ... die genau wie so viele meiner Habseligkeiten allein mir nützen und nutzlos werden, wenn ich sterbe, es entschwindet nicht nur der, der ich bin, sondern auch der, der ich gewesen bin..."

Ein Roman über das Sterben, aber auch eine Auseinandersetzung mit Identitäten, mit dem, was einen Menschen ausmacht. So durchschnittlich Victor, so unspektakulär ist der Fortgang der Geschichte. Wie ein Mörder treibt es Victor an den Ort des Verbrechens zurück, Martha hat er zurückgelassen, er ist wie gelähmt, unfähig, jemanden anzurufen. Seine weiteren Versuche stehen unter dem Motto: "Wie wenig bleibt von jedem einzelnen Menschen, von wie wenig hat man Ahnung, und von diesem Wenigen, das bleibt, wird so vieles verschwiegen."

Aus lächerlichen Fragmenten wie der Kassette eines Anrufbeantworters versucht er Gewißheit über die Tote zu bekommen und schreckt auch nicht davor zurück, den Kontakt zur Familie zu suchen. Daß er dabei vom König selbst in Audienz empfangen wird und als "Neger", Ghostwriter, eine Rede des "Einzigen" zu schreiben hat, die dann letztlich nie gesprochen wird, paßt ins Mosaik geborgter Identitäten, zum Beispiel der von Staatsmännern, die in der Öffentlichkeit erst durch fremde Worte zu Menschen werden, die man liebt, haßt oder die gleichgültig lassen.

Ohne den unterirdischen Gedankenstrom könnte die Geschichte schal und abgeschmackt klingen, etwa, wenn Victor auf der Suche nach seiner früheren Frau eine Prostituierte ins Auto lädt, oder wenn sich herausstellt, daß Eduardo, der Witwer, nicht auf Geschäftsreise in England war, oder wenn Gechehnisse in der Erinnerung zum finalen Stakkato schrumpfen.

Wie schafft es der Autor also, eine starke Stimmung aufzubauen, die über mehr als 400 Seiten nicht müde werden läßt? Nicht mit schillernden Bildern oder witzigen Pointen, sondern einem langgezogenen Tonfall, einem Umkreisen des Unsagbaren. Durch ständige Wiederholung einzelner Zitate ("Morgen in der Schlacht denke an mich, und es falle dein Schwert ohne Schneide...") und Satzteilen ("Und wie wenig bleibt von jedem einzelnen Menschen") bekommt banale Realität eine Tiefe, die fast etwas Tröstliches an sich hat, eröffnet sie doch eine humanistische Perspektive, die angesichts des Todes dem Leben so etwas wie einen Sinn gibt: "Erzählen ist eine Art von Großzügigkeit, alles kann geschehen, und alles kann in Worte gefaßt und hingenommen werden, aus allem kann man straf- oder mehr noch, schadlos hervorgehen." Anders gesagt: "Man kann sogar Gnade finden, indem man erzählt."

Morgen in der Schlacht denk an mich Roman von Javier Marias. Aus dem Spanischen von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1998, 428 Seiten, geb., öS 321,

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