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Das Geheimnis der guten Schüler

In modernen pädagogischen Konzepten ermöglichen Spiele Freude am Entdecken und Gestalten - und sie schaffen die beste Voraussetzung für erfolgreiches Lernen: Motivation.

Grüne Wiesen und einsames Gebirge, und mittendrin im Idyll: der außerirdische Forschungsroboter Ludwig. Auf der Suche nach alternativen Energieressourcen ist er im Jahre 2098 auf der Erde abgestürzt. "Mein Zentralschaltkreis (…), wo (…), brrrzzz“, so der erste Hilferuf des Bruchpiloten. Er richtet sich an die Schüler an derzeit über 500 österreichischen Schulen. "Ludwig“ ist ein Physik-Computerspiel zum Thema erneuerbare Energie und basiert auf dem Lehrplan.

Spielerisches Lernen gilt längst als effektiv. Freude am Entdecken und Gestalten sind wichtiger geworden als das gestrige Ideal strengen Gehorsams. Regelschulen, die mit Montessori-Materialien arbeiten, gelten als fortschrittlich. Auf Schulsportwochen stärken Kinder mit Methoden der Erlebnispädagogik im Klettergarten Persönlichkeit, soziale Kompetenzen und Selbstvertrauen. Selbst räumliches Vorstellungsvermögen können sie in naturwissenschaftlichen Fächern sinnlich erfahren.

Körpereigene Belohnung

Spielerischer Unterricht ist keineswegs Ausdruck einer "Kuschelpädagogik“, in der außer guter Stimmung nichts weiter vermittelt wird. "Im Spiel ahmen wir Situationen des Lebens nach. Das ist die natürlichste Form des Lernens“, erklärt Thomas Klausberger, Neurobiologe an der Medizinischen Universität Wien. "Wichtige Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen kommen hier zusammen: die Motivation und das Erfolgserlebnis. Im Gehirn kommt es dann zur Ausschüttung von körpereigenen Botenstoffen wie beispielsweise Dopamin - die beste Art der Belohnung.“

Auch Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Universität Wien, kennt die Vorteile von gezielt eingesetzten Spielen im Unterricht: "Die Schule sollte Lernmotivation als Prozess ansehen und diesen in allen Phasen unterstützen. Dazu können unterschiedliche didaktische Methoden zum Einsatz kommen - das Spiel ist sicher eine davon.“ Eine aktuelle Studie deutscher Universitäten hat ergeben, dass Motivation ein wichtigerer Faktor für Leistungszuwachs in Mathematik ist als Intelligenz: Auswendiglernen von Lösungswegen schade den Schülern in ihrer Entwicklung, gute Noten beeinflussen den Leistungszuwachs nur kurzfristig. Stark verbessert hingegen hätten sich Schüler, die sich für Mathematik begeistern konnten.

Kritik, Benotung und Vergleiche mit anderen fallen im Spiel weg - und das baut Ängste ab. Im Fremdsprachenunterricht etwa können Lernende in Rollenspielen ungehemmt fremde Laute ausprobieren, ohne Angst, sich zu blamieren. "Kikeriki“, "cock-a-doodle-doo“ und "cocorico“ kräht es dann auf einer Hühnerfarm, auf der Kinder in die Rollen eines deutschen, englischen und französischen Hahns schlüpfen. Hans-Jürgen Krumm, Germanist und Experte für "Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“, erklärt: "Die eigene Erstsprache ist eine Art Sicherheitsinsel, die man ungern verlässt. Mit einer neuen Sprache fühlt man sich unwohl, vielleicht ist man für Fehler mal ausgelacht worden. In Rollenspielen kann man sagen:, Mir wird mein Ich nicht genommen, ich spiele meine Rolle ja nur.‘“ Erwachsene, die strengere Unterrichtsformen gewöhnt sind, würden dem Spiel manchmal skeptisch gegenüberstehen und sich fragen: "Kann ich dem Spiel trauen? Es muss doch gelernt werden!“, so Krumm. Mittelfristig aber bereite das Spiel auf Prüfungen vor.

Eine Formel, wann spielerisches Lernen Erfolg versprechender ist als Büffeln, gibt es nicht. Häufig werden Spiele eingesetzt, wenn es nicht nur eine, sondern viele Lösungen gibt. Bildungspsychologin Spiel erklärt: "Die gewählte Didaktik und Methodik muss zum Lehrziel passen, zum Entwicklungsstand der Lernenden und zum Vorwissen im Lernbereich.“ Hirnforscher Klausberger sieht im Auswendig-Lernen von Vokabeln prinzipiell keine weniger nachhaltige Lernmethode, sofern man mit Assoziationen arbeitet: "Unser Gehirn filtert Wichtiges heraus. Relevant ist, was mit anderen Informationen verbunden wird. Hauptstädte dieser Erde lernt man besser mit der Weltkarte, ausgehend von einer Himmelsrichtung, als auswendig vom Zettel. Um Informationen langfristig zu speichern, ist permanente Wiederholung der beste Weg.“

Digitales Lernen

Dem Lernen mithilfe des Computers hat der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer den Kampf angesagt. In seinem Buch "Digitale Demenz“ (2012) warnt er vor einer "Verschlechterung des Gedächtnisses“, "verminderten Fähigkeiten zur Informationssuche“ und "Internetsucht“. Sein Urteil: "Bei digitalen Medien im Kindergarten und in der Grundschule handelt es sich in Wahrheit um nichts weiter als eine Art von Anfixen.“

Solchen Thesen kann Bildungspsychologin Spiel nichts abgewinnen. Als das Unterrichtsministerium vor über zehn Jahren Notebook-Klassen eingeführt hat, übernahm sie die Evaluation des Modellversuchs. Spitzers Befürchtungen konnten nicht bestätigt werden, im Gegenteil: "Die Schüler haben im Internet gelernt, gezielt zu recherchieren und im Projekt soziale Kompetenzen entwickelt, weil sie sich gegenseitig unterstützt haben.“ Die Gefahr der digitalen Verdummung sieht auch Hirnforscher Klausberger nicht: "Auf das Maß kommt es an. Schwimmen etwa ist eine tolle Sache: Wenn ein Kind aber sechs Stunden am Tag nur Längen im Pool trainiert, fehlen andere Reize für die geistige Entwicklung.“

Auch die Politik versteht unter Schule nicht mehr bloß den "Ernst des Lebens“: Das Physik-Game rund um Roboter Ludwig ist vor kurzem mit dem "Multimedia Staatspreis 2013“ ausgezeichnet worden.

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