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Was brauchen ungewollt schwangere Frauen?

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Schärfere Gesetze in den USA und Polen haben die hitzige Abtreibungs-Debatte weltweit neu angefacht. Zwei Meinungen darüber, wie man ungewollt schwangere Frauen unterstützen müsste.

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Schärfere Gesetze in den USA und Polen haben die hitzige Abtreibungs-Debatte weltweit neu angefacht. Zwei Meinungen darüber, wie man ungewollt schwangere Frauen unterstützen müsste.

Linda Biallas: Pro Choice

In den Debatten zum Schwangerschaftsabbruch werden mindestens seit den 1970er Jahren Argumente ausgetauscht. Die klassischen feministischen Forderungen sind etwa „Schwangerschaftsabbrüche raus aus dem Strafgesetzbuch“, weil Frauenkörper kein sanktionierbares Allgemeingut sind, und Frauen weltweit an illegalisierten Abbrüchen sterben. Unter „my body, my choice“, wird Frauen zugetraut, eigene Entscheidungen selbstbestimmt treffen zu können. So trivial das auch klingen mag, ist Selbstbestimmung in der Reproduktion für Frauen ja nun historisch betrachtet eine eher zeitgenössische Möglichkeit, die selbst heutzutage global nicht umfassend sichergestellt ist – man denke an die Vereinigten Staaten oder Polen, wo sich zuletzt jeweils die Situation für Frauen diesbezüglich sogar verschlechtert hat.

Auch in Ländern mit illegalem, aber durch die Fristenlösung straffreiem Schwangerschaftsabbruch wird dieser schwer gemacht. Dies ist der Fall, wenn Schwangerschaftsabbruch kein Teil der Ausbildung werdender Gynäkologinnen ist, so dass die Anzahl an in dieser Sache geschulten Ärztinnen nicht zum Bedarf passt. Oder wenn Kliniken diese medizinische Leistung gar nicht erst anbieten. Wenn wir Schwierigkeiten haben, überhaupt an die notwendigen Informationen über Ansprechpartner, Methoden, Kosten zu kommen. Wenn die Krankenkasse Schwangerschaftsabbrüche nicht bezahlt. Wenn Frauen Angst gemacht wird, sie könnten durch diese Eingriffe unfruchtbar werden, was nicht stimmt.

„Pro Choice“ bedeutet, dass die Möglichkeiten, sich für oder gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden, nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wenn sich eine Frau gegen eine Schwangerschaft entscheidet, können wir unsere eigene Moral nicht eins zu eins auf die Andere anwenden. Andere Frauen treffen andere Entscheidungen, als wir das selbst würden. Wenn wir nicht die Person sind, die gerade individuell und höchstpersönlich mit ihrem eigenen Körper schwanger ist, ist es ein Leichtes, davon zu reden, was man alles so machen würde. Aber die eigenen Maßstäbe passen oft der anderen nicht.

Linda Biallas: Pro Choice

In den Debatten zum Schwangerschaftsabbruch werden mindestens seit den 1970er Jahren Argumente ausgetauscht. Die klassischen feministischen Forderungen sind etwa „Schwangerschaftsabbrüche raus aus dem Strafgesetzbuch“, weil Frauenkörper kein sanktionierbares Allgemeingut sind, und Frauen weltweit an illegalisierten Abbrüchen sterben. Unter „my body, my choice“, wird Frauen zugetraut, eigene Entscheidungen selbstbestimmt treffen zu können. So trivial das auch klingen mag, ist Selbstbestimmung in der Reproduktion für Frauen ja nun historisch betrachtet eine eher zeitgenössische Möglichkeit, die selbst heutzutage global nicht umfassend sichergestellt ist – man denke an die Vereinigten Staaten oder Polen, wo sich zuletzt jeweils die Situation für Frauen diesbezüglich sogar verschlechtert hat.

Auch in Ländern mit illegalem, aber durch die Fristenlösung straffreiem Schwangerschaftsabbruch wird dieser schwer gemacht. Dies ist der Fall, wenn Schwangerschaftsabbruch kein Teil der Ausbildung werdender Gynäkologinnen ist, so dass die Anzahl an in dieser Sache geschulten Ärztinnen nicht zum Bedarf passt. Oder wenn Kliniken diese medizinische Leistung gar nicht erst anbieten. Wenn wir Schwierigkeiten haben, überhaupt an die notwendigen Informationen über Ansprechpartner, Methoden, Kosten zu kommen. Wenn die Krankenkasse Schwangerschaftsabbrüche nicht bezahlt. Wenn Frauen Angst gemacht wird, sie könnten durch diese Eingriffe unfruchtbar werden, was nicht stimmt.

„Pro Choice“ bedeutet, dass die Möglichkeiten, sich für oder gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden, nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wenn sich eine Frau gegen eine Schwangerschaft entscheidet, können wir unsere eigene Moral nicht eins zu eins auf die Andere anwenden. Andere Frauen treffen andere Entscheidungen, als wir das selbst würden. Wenn wir nicht die Person sind, die gerade individuell und höchstpersönlich mit ihrem eigenen Körper schwanger ist, ist es ein Leichtes, davon zu reden, was man alles so machen würde. Aber die eigenen Maßstäbe passen oft der anderen nicht.

Das Lächeln des Kindes entschädigt die Altersarmut nicht.

Vor allem aber bedeutet „Pro Choice“, dass Frauen gute Bedingungen und vor allem Wahlmöglichkeiten brauchen, wenn sie sich für eine Schwangerschaft entscheiden. Wenn die schlechten Bedingungen für Mutterschaft kritisiert werden, sind es häufig Argumente wie jenes, dass das Lächeln des Kindes die Mutter für all ihre Mühe entschädige, die angeführt werden. Für die Altersarmut, von der viele Mütter betroffen sein werden, entschädigt es aber nicht.

Dass die meisten Mütter sich für die Wahlmöglichkeit entscheiden, die viele von ihnen in die Altersarmut führen wird, liegt nicht daran, dass sie diese so gerne in Kauf nehmen möchten. Es liegt daran, dass ihnen das als die Möglichkeit mit den wenigsten Nachteilen erscheint. Für manche ist es eventuell sogar die einzige Option. Das passiert, wenn es keine Partner gibt, die aus Eigeninitiative Care-Arbeit machen; wenn es nicht genug Kindergartenplätze gibt; wenn jede Mutter für sich alleine in der Familienwohnung alles schaffen muss; wenn das Abweichen von der vorgesehenen Rolle gesellschaftlich sanktioniert wird.

Mütter sollten sich für Kinder entscheiden können, ohne dass ihre Care-Arbeit, also das notwendige Sich-um-jemanden-Kümmern, ausgebeutet wird. Für die Wahlfreiheit, ihr Leben zu gestalten, ist insbesondere nicht nur die Art relevant, wie die Lohnarbeit gestaltet ist, sondern vor allem auch die Aufteilung der Care-Arbeit. Wir können nicht einfach aufhören, uns um Kinder, Alte und Pflegebedürftige zu kümmern. Aber in einer Gesellschaft, in der die Zuständigkeit dafür bei Frauen liegt, braucht es dann eine andere Person, die sich kümmert.

Linda Biallas ist Sozialarbeiterin und Buchautorin in Berlin.

Mutter schafft - © Verlag: Haymon
© Verlag: Haymon
BUCH

Mutter, schafft

von Linda Biallas
Haymon 2022
280 S., geb,
€ 17,90

Martina Kronthaler: Pro Joy

Der Schwangerschaftskonflikt und die Frage der Abtreibung sind komplex, weil es mehrere einander widersprechende Interessen gibt und keine einfachen Lösungen. Viele Frauen sind nach einer Abtreibung erleichtert. Andere fühlten sich zum Abbruch gedrängt oder hätten das Kind gerne geboren, wären die Umstände anders gewesen. Die Tatsache, dass es immer um das Leben eines Kindes geht, macht das Thema so schwierig – für die Frauen selbst wie auch für den Gesetzgeber und in der öffentlichen Diskussion.

Es braucht viel Mut, um alle Beteiligten zu sehen, zu würdigen und auch Demut – so altmodisch das Wort klingt. Die Freiheit der Entscheidung über Fortsetzung oder Abbruch einer Schwangerschaft liegt bei der Frau, sie trägt in jeder Hinsicht die Konsequenzen. Viele Frauen wissen allerdings nach wie vor nicht, dass es ergebnisoffene Schwangerenberatung und Unterstützungen gibt und entscheiden unter Druck oder in Panik.

Die Debatte, wie sie seit über 40 Jahren bei uns geführt wird – mit Angriff, Gegenangriff und Reflex der Selbstverteidigung – hat zu einer politischen Resignation geführt. In Österreich gibt es nicht einmal eine anonyme Statistik über die jährlich durchgeführten Abbrüche. Diese wäre ein Handlungsauftrag, hinzuschauen: Warum lassen Frauen Abtreibungen durchführen? Wie kommt es zu ungewollten Schwangerschaften? Wo sind die Männer in dem Thema?

Die Tatsache, dass es immer um das Leben eines Kindes geht, macht das Thema so schwierig.

Ein Schwangerschaftsabbruch kann in Österreich unter bestimmten Voraussetzungen legal und sicher durchgeführt werden. Mit der Fristenregelung ermöglichte der Gesetzgeber zum einen den Frauen einen straflosen Zugang und wollte anderseits der Tatsache Rechnung tragen, dass bei einem Abbruch ein Leben beendet wird – ohne dies zu verurteilen. Ein Schwangerschaftsabbruch ist ein Eingriff, der mit keinem anderen zu vergleichen ist – denken wir bitte auch an Spätabbrüche. Erst wenn wir anerkennen, was dabei passiert, und gleichzeitig überzeugt sind, die Entscheidung der Frau zu überlassen, werden die rechtlichen Regelungen auch nicht als Stigmatisierung empfunden. Oberstes Ziel sollte zuerst die Prävention von ungewollten Schwangerschaften sein.

Ein Abbruch ist eine persönliche Entscheidung, aber keine private, weil viele Probleme gesellschaftspolitisch bedingt sind. Dringend plädiere ich dafür, Antworten zu geben: Wie kann Sexualität freudvoll und verantwortungsvoll gelebt werden? Wie gelingt das Reden über Verhütung für Frauen und Männer, die jetzt oder auch nie Eltern werden wollen? Wie gestalten wir die Bedingungen für das Leben mit Kindern so, dass Mütter und Väter finanziell sicher und in Freude leben können? Und was für eine Schande, dass Frauen dermaßen aus ihrer Existenz fallen können, wenn sie sich in Ausbildung, als Alleinerziehende oder Selbstständige für ein ungeplantes Kind entscheiden.

Martina Kronthaler ist Generalsekretärin von Aktion Leben Österreich.

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