Rad - © Illustration: Rainer Messerklinger
International

Das Rad neu erfinden

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz verschiedenster Kampagnen bleibt das Fahrrad in Österreich ein mäßig beliebtes Transportmittel. Ein Blick in die Vorzeigenation Niederlande zeigt, wie es anders gehen könnte.

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Trotz verschiedenster Kampagnen bleibt das Fahrrad in Österreich ein mäßig beliebtes Transportmittel. Ein Blick in die Vorzeigenation Niederlande zeigt, wie es anders gehen könnte.

Wie kommt man in den Niederlanden am schnellsten zu einem Fahrrad? Man wartet, bis sich ein paar Radler nähern, schreit laut: „Das ist ja meines!“ – und mindestens einer springt ab und läuft davon. Warum dieser Witz in den Niederlanden spielt, ist offensichtlich: Es ist das einzige Land der Welt, in dem es mehr Fahrräder als Menschen gibt. Jeder Niederländer besitzt im Durchschnitt 1,5 Exemplare. Von solchen Werten kann ein Land wie Österreich nur träumen. Hierzulande gibt es Schätzungen zufolge sieben Millionen Fahrräder, das entspricht ungefähr 0,8 Stück pro Person.

Die Gründe dafür sind vielfältig und haben nicht zuletzt mit der Geografie zu tun. Immerhin müssen fahrradaffine Niederländer auf ihren Touren keine Alpen überqueren. Stattdessen haben sie mit anderen Naturgewalten zu kämpfen, wie etwa starkem Gegenwind oder täglichen Regenschauern. Dass Radfahren in den Niederlanden so alltäglich ist, liegt eher an der Gewohnheit. Ab dem Kleinkindalter lernt man, das Fahrrad als ganz gewöhnliches Transportmittel zu verwenden. Nicht selten sieht man Businessdamen mit High Heels, Anzugträger sowie Eltern mit großen Einkaufstaschen und Kinderwägen in die Pedale treten. Egal ob es regnet oder schneit, für die meisten Schüler gibt es auch kein Mama-Taxi. Täglich bei jeder Witterung mehrere Kilometer in die Schule fahren, ist dort ganz normal.

Millionen an Investitionen

Diese Grundhaltung beeinflusst natürlich auch, in welchem Maße die Radwege ausgebaut werden. Die Niederlande durchzieht ein flächendeckendes Wegenetz abseits der Straßen, das anhand von Kreuzungspunkten gute Orientierung ermöglicht und viele Alternativen bietet. Auf ihren Touren steht Fahrradbegeisterten ein großes Angebot an billigen Unterkünften zur Verfügung. Der Verein „vrienden op de fiets“ (Freunde auf dem Fahrrad) bietet seinen Mitgliedern um nur 22,50 Euro pro Person über 6000 Übernachtungsmöglichkeiten. Österreich kann mit einigen sehr gut ausgebauten Fahrradwegen punkten, wie etwa dem Donau-
radweg. Wer jedoch abseits dieser Routen fahren will, landet schnell bei den Autos auf der Landstraße.

Ganz anders als auf dem Land ist die Situation im urbanen Gebiet. Sowohl in Österreich als auch in den Niederlanden versuchen die Städte durch millionenschwere Investitionen in die Infrastruktur das Radeln attraktiver zu machen. Die holländische Stadt Utrecht eröffnete im August eine dreistöckige Fahrradtiefgarage mit 12.500 Plätzen. Ein Tunnel führt von der Garage direkt zu den Bahnsteigen. Die ersten 24 Stunden parken die Fahrräder gratis, jeder weitere Tag kostet 1,25 Euro. Das Projekt ist ein großer Erfolg, ersichtlich an den gut gefüllten Abstellplätzen und den unzähligen Pendlern, die zu den Hauptverkehrszeiten die Tiefgarage frequentieren.

Wie kommt man in den Niederlanden am schnellsten zu einem Fahrrad? Man wartet, bis sich ein paar Radler nähern, schreit laut: „Das ist ja meines!“ – und mindestens einer springt ab und läuft davon. Warum dieser Witz in den Niederlanden spielt, ist offensichtlich: Es ist das einzige Land der Welt, in dem es mehr Fahrräder als Menschen gibt. Jeder Niederländer besitzt im Durchschnitt 1,5 Exemplare. Von solchen Werten kann ein Land wie Österreich nur träumen. Hierzulande gibt es Schätzungen zufolge sieben Millionen Fahrräder, das entspricht ungefähr 0,8 Stück pro Person.

Die Gründe dafür sind vielfältig und haben nicht zuletzt mit der Geografie zu tun. Immerhin müssen fahrradaffine Niederländer auf ihren Touren keine Alpen überqueren. Stattdessen haben sie mit anderen Naturgewalten zu kämpfen, wie etwa starkem Gegenwind oder täglichen Regenschauern. Dass Radfahren in den Niederlanden so alltäglich ist, liegt eher an der Gewohnheit. Ab dem Kleinkindalter lernt man, das Fahrrad als ganz gewöhnliches Transportmittel zu verwenden. Nicht selten sieht man Businessdamen mit High Heels, Anzugträger sowie Eltern mit großen Einkaufstaschen und Kinderwägen in die Pedale treten. Egal ob es regnet oder schneit, für die meisten Schüler gibt es auch kein Mama-Taxi. Täglich bei jeder Witterung mehrere Kilometer in die Schule fahren, ist dort ganz normal.

Millionen an Investitionen

Diese Grundhaltung beeinflusst natürlich auch, in welchem Maße die Radwege ausgebaut werden. Die Niederlande durchzieht ein flächendeckendes Wegenetz abseits der Straßen, das anhand von Kreuzungspunkten gute Orientierung ermöglicht und viele Alternativen bietet. Auf ihren Touren steht Fahrradbegeisterten ein großes Angebot an billigen Unterkünften zur Verfügung. Der Verein „vrienden op de fiets“ (Freunde auf dem Fahrrad) bietet seinen Mitgliedern um nur 22,50 Euro pro Person über 6000 Übernachtungsmöglichkeiten. Österreich kann mit einigen sehr gut ausgebauten Fahrradwegen punkten, wie etwa dem Donau-
radweg. Wer jedoch abseits dieser Routen fahren will, landet schnell bei den Autos auf der Landstraße.

Ganz anders als auf dem Land ist die Situation im urbanen Gebiet. Sowohl in Österreich als auch in den Niederlanden versuchen die Städte durch millionenschwere Investitionen in die Infrastruktur das Radeln attraktiver zu machen. Die holländische Stadt Utrecht eröffnete im August eine dreistöckige Fahrradtiefgarage mit 12.500 Plätzen. Ein Tunnel führt von der Garage direkt zu den Bahnsteigen. Die ersten 24 Stunden parken die Fahrräder gratis, jeder weitere Tag kostet 1,25 Euro. Das Projekt ist ein großer Erfolg, ersichtlich an den gut gefüllten Abstellplätzen und den unzähligen Pendlern, die zu den Hauptverkehrszeiten die Tiefgarage frequentieren.

Fahrradhighways sollen es holländischen Pendlern schmackhafter machen, in die Pedale zu treten.

In Wien ist eine Garage in solchen Dimensionen sinnlos. Für Wiener Rad-Pendler stehen nur 250 bewachte Stellplätze zur Verfügung. „Grund dafür ist das gut ausgebaute Öffi-Netzwerk der Stadt Wien“, sagt Wiens Radverkehrsbeauftragter Martin Blum. Wiens U-Bahn-Netz ist etwa 30 Kilometer länger als jenes in Amsterdam. Dementsprechend befördert die Wiener U-Bahn mit 453,6 Millionen Fahrgästen im Jahr fast vier Mal so viele Passagiere wie die dortige Metro. „Trotz der wenigen Radfahrer gibt es in Wien daher nicht mehr Autofahrer als in niederländischen Städten“, sagt der Experte im Gespräch mit der FURCHE. Damit die Leute aufs Fahrrad steigen, brauche es vor allem gute und durchgehende Radwege. Darum werde heuer die Lücke am Naschmarkt geschlossen.

Um durchgehende Radwege zu ermöglichen, haben die Niederländer ein ganz neues Konzept entwickelt. Fahrradhighways (fietssnellwegen) sollen es Pendlern noch schmackhafter machen, in die Pedale zu treten. Es sind Radwege, die ganz ohne Kreuzungen und Ampeln auskommen, damit ermöglichen sie den Benutzern eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit. Ungefähr 20.000 Radler täglich verwenden einen dieser Highways, der die Stadt Utrecht mit ihren Vorstädten verbindet. In den meisten Ballungsräumen erleichtern solche „fietssnellwegen“ mit Längen von bis zu 15 Kilometern ihren Benutzern das tägliche Pendeln.

Gefühl der Unsicherheit

In Wien sind auch Rad-Langstrecken-Verbindungen geplant. Experte Blum erklärt, dass zukünftig ein Fahrradweg nach holländischem Vorbild vom Karlsplatz bis an die Stadtgrenze nach Leopoldsdorf führen soll. „Von der Straße getrennte Radwege auszubauen, ist eine Methode, das Radfahren noch sicherer und damit attraktiver zu machen“, sagt Blum. Seiner Meinung nach pendeln viele Menschen nicht mit dem Rad, weil sie sich zu unsicher fühlen. Daher sei das Verbot für LKWs ohne Abbiegeassistent eindeutig zu befürworten.
Sicherheit ist auch ein großes Thema in den Niederlanden, vor allem in der aktuellen Debatte rund um die Einführung einer Helmpflicht. Während in der Politik Stimmen nach einer Helm­pflicht lauter werden, nimmt der niederländische Radfahrerverein „fietsersbond“ eine ablehnende Haltung ein. Die Verantwortlichen befürchten, dass durch die Helmpflicht die Anzahl der Radler drastisch abnehmen wird.

Dies war der Fall in anderen Ländern und in gewisser Weise auch in Amsterdam. Die Stadt ist im April mit einer Helmpflicht für Kleinkrafträder vorgeprescht. Darunter fallen Mopeds und Roller, die maximal 25 km/h fahren. Seitdem greifen viele, vor allem jüngere Fahrer und Fahrerinnen, nicht mehr zu ihren Mopeds. Sie wollen lieber ordentlich frisiert in der Arbeit ankommen.

Dass Pendler ihr Rad zu Hause stehen lassen, weil sie sich mit Helm unwohl fühlen, will der niederländische Radfahrerverein auf jeden Fall verhindern. Denn je mehr Fahrräder am Verkehr teilnehmen, desto sicherer ist es für den Einzelnen. Die Autos sind dementsprechend zu mehr Rücksicht gezwungen. Dennoch sei ein Helm grundsätzlich zu befürworten, wenn sich der Träger dadurch sicherer fühlt.

Die 81-jährige Elisabeth Tilanus aus Woerden in der Provinz Utrecht ist ihr ganzes Leben lang mit dem Fahrrad gefahren. Einen Helm verwendet sie nur, wenn sie besonders lange Fahrradtouren unternimmt. Wie zum Beispiel vergangenen Mittwoch, als sie von Woerden über Leiden nach Pijnacker ca. 60 Kilometer gefahren ist, um ihre Enkerl zu besuchen. Obwohl es eine gute Zugverbindung gibt, tritt die Pensionistin lieber in die Pedale. Sie denkt nicht daran, auf ein Elektrofahrrad umzusteigen. Diese werden in den Niederlanden, auch von Seiten der Regierung sehr stark stimuliert. Wer mit dem E-Rad in die Arbeit kommt, erhält einen finanziellen Bonus von der Firma. So versucht die Regierung, den Autoverkehr einzudämmen und noch mehr Pendler zu motivieren, sich auf den Sattel zu schwingen.

81 Jahre und sechs Fahrräder

In Österreich haben sich solche Job-Rad-Modelle noch nicht durchgesetzt. Der Fahrradbeauftragte Blum kritisiert, dass es noch kein extra Benzin- oder Kilometergeld für Radfahrer gebe. In vielen Branchen sei es üblich, dass Dienstwege Bestandteil des Gehaltes sind. Blum schlägt vor, dies auch auf Radler auszuweiten, da die Unternehmen ebenfalls davon profitieren. Durchs Radln nehme der Krankenstand ab und die Arbeitnehmer werden fitter.

Elisabeth Tilanus ist auch ohne Rad-Pendler-Zuschlag mit dem Fahrrad unterwegs. „Ich bin zehn Jahre lang jeden Tag in die Arbeit geradelt. 17 Kilomenter hin und zurück, bei jedem Wetter“, erzählt die rüstige Pensionistin der FURCHE. Sie hat sich 1983 mit ihrem Mann dazu entschlossen, ihr Auto zu verkaufen. Seither stehen in der Garage nur mehr Fahrräder und keine PKWs. Alle Wege in der Stadt erledigt sie mit dem Rad, und für längere Reisen nimmt sie den Zug. „Ich habe zwei Einkaufsfahrräder mit gro­ßen Seitentaschen, zwei Sporträder, ein Klapprad und ein Reservefahrrad“, zählt die Witwe ihre stolze Sammlung auf. Ihr ist bewusst, dass das nicht sehr repräsentativ ist. Sechs Räder zu besitzen ist, sogar in den Niederlanden sehr ungewöhnlich.