Weil du  Indianer bist - <strong>Powwow</strong><br />
Zu den großen Versammlungen nordamerikanischer Indianer treffen sich Stämme, Familien, Generationen. - © Getty Images / NurPhoto / Artur Widak
Literatur

Weil du Indianer bist

1945 1960 1980 2000 2020

Die Geschichte hat sie verschwiegen, ihre Kultur wurde vernichtet, als Klischees wurden sie vermarktet: Tommy Orange erzählt in seinem Roman vom Leben urbaner Indianer der Gegenwart.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Geschichte hat sie verschwiegen, ihre Kultur wurde vernichtet, als Klischees wurden sie vermarktet: Tommy Orange erzählt in seinem Roman vom Leben urbaner Indianer der Gegenwart.

Als Filmfiguren wie Winnetou waren sie ja auch hierzulande bekannt. Allerdings wurden sie nicht von Indianern gespielt, sondern von Weißen. Die Indianer fehlten auch in der westlichen Geschichtsschreibung jenseits der Abenteuerfiktionen, jedenfalls bis in die 1960er-Jahre. Tatendurstige „Pionierfarmer“ drangen „wagemutig in die Weiten des Wes­tens“ vor, besiedelten diesen und verhalfen dem Land „durch ihrer Hände Arbeit zu beispiellosem Wohlstand“. So lautete die Geschichte, die sich die USA von sich selbst erzählten, wie Aram Mattioli in seiner aufschlussreichen Geschichte der Indianer Nordamerikas festhält („Verlorene Welten“, Klett-Cotta 2017).

Die Ureinwohner, die sogenannten Indianer, blieben in dieser Erzählung unsichtbar, als sei ein menschenleeres, kulturleeres Land besiedelt worden. Und sie wurden zum Verschwinden gebracht im Lauf der Jahrhunderte. Von bis zu zehn Millionen Indianern nördlich des Rio Grande im Jahr 1492, als Kolumbus meinte, Indien zu entdecken, schrumpfte ihre Zahl bis 1900 auf 237.000. Sie waren umgekommen durch Todesmärsche, Epidemien, Massaker (wie etwa jenes von Sand Creek), Kopfgeldjagden, Vernachlässigung in den Reservaten.

Mit der amerikanischen Unabhängigkeit 1776 begann zudem eine enorme gesellschaftliche Umwandlung. Die neuen Eliten bestimmten nun, wie die Native Americans ihr Leben zu leben hatten, an den Rändern der neu entstehenden Gesellschaft. Die Natives, Hunderte unterschiedlicher Völker mit eigenen Kulturen, verloren ihre Lebensräume, ihre wirtschaftliche Überlebensfähigkeit, ihre kulturelle Selbstbestimmung, bis sie im späten 19. Jahrhundert in Reservaten ihrer Kultur so sehr entfremdet wurden, dass sie sich in der Gesellschaft auflösten, so Mattioli. Die Wissenschaft spricht hier von Ethnozid: „vorsätzliche, von Staats wegen betriebene Zerstörung indigener Kulturen“.

Assimilierung, Auslöschung

„Uns in Städte zu bringen sollte der letzte Schritt unserer Assimilierung sein, unserer Absorption, Auslöschung, die Vollendung einer fünfhundertjährigen Völkermordkampagne“, schreibt Tommy Orange im Prolog zu seinem Romandebüt „There There“, das nun auf Deutsch erschienen ist: „Dort dort“. Indian Relocation Act nannte sich das, „der wiederum Teil der Indian Termination Policy war, die genau das war und ist, wonach sie sich anhört. Sollen sie aussehen und sich verhalten wie wir. Sollen sie wir werden. Und auf diese Weise verschwinden.“

Doch es gibt sie, die urbanen Indianer, sie haben überlebt. Man nannte sie „Bürgersteigindianer. Verstädterte, oberflächliche, unauthentische, kulturlose Flüchtlinge.“ Sie haben sich die Stadt angeeignet, besitzen aber auch die Erinnerungen und Traditionen ihrer Vorfahren. Selbst wenn diese von den Eltern oder Großeltern verschwiegen wurden – ein Merkmal enormen Assimilationsdrucks durch eine Gesellschaft –, kramen die jüngeren, denen die Blicke der Weißen sagen: „Ihr seid anders als wir“, sie wieder hervor, in teils hilflosen Versuchen der Selbstvergewisserung. So bringen sie sich etwa indianische Tänze per YouTube-Videos bei.

Wer bin ich? Wer sind wir? Diese typisch menschlichen Fragen stellen sich hier auf besondere Weise. Was heißt es, „Indianer“ zu sein? Wer definiert das und wozu? Muss man sich verkleiden, um ein echter Indianer zu sein? Kann man noch von Medizinkisten schreiben und von der Kraft von Dachsfellen und Glückslöffeln, oder geht man damit schon der Klischeemaschine auf den Leim?