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Mehr Zivilcourage!

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Unsere Umwelt: Das ist nicht nur die Natur, das ist auch das Milieu, in dem wir leben. Diese geistige Dimension, bisher aus der Umweltdiskussion ausgespart, bringt Kardinal König in einem FURCHE-In-terview zur Sprache. Und im Interesse des „geistigen Gemeinwohls” ruft er zum Gespräch auf, auch zu mehr Zivilcourage der katholischen Laien.

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Unsere Umwelt: Das ist nicht nur die Natur, das ist auch das Milieu, in dem wir leben. Diese geistige Dimension, bisher aus der Umweltdiskussion ausgespart, bringt Kardinal König in einem FURCHE-In-terview zur Sprache. Und im Interesse des „geistigen Gemeinwohls” ruft er zum Gespräch auf, auch zu mehr Zivilcourage der katholischen Laien.

FURCHE: Lange Zeit mußte sich der Mensch, um zu überleben, vor der Natur schützen. Nun treten wir in eine Phase, in der offenbar die Natur vor dem Menschen geschützt werden muß. Der Mensch ringt um ein neues Verhältnis zur Schöpfung. Teilweise ist das, was sich als grüne Bewegung formiert, religiös motiviert, andererseits wird aber auch die Kirche für die Umweltsituation mitverantwortlich gemacht, weil sie - vereinfacht gesagt-die Mißdeutung des Schöpfungsauftrages ,M&cht euch die Erde Untertan” geduldet hat.

KARDINAL FRANZ KÖNIG: Unter den vielen Formen, Religion zu mißbrauchen, gibt es auch die, ein Bibelwort aus dem Zusammenhang zu reißen, es so auszulegen, wie man es gerade braucht. Daher ist das „Macht euch die Erde Untertan” von den Technikern als Begründung benützt worden, diese Erde auszunützen, sie immer weiter auszubeuten. Dann darf man nicht vergessen, daß der wissenschaftlichtechnische Fortschritt mehr als 200 Jahre hindurch von Menschen getragen wurde, die sich wenig um Bibelzitate gekümmert haben. Was hätte die Kirche gegen die Fehlinterpretation von Bibelworten tun sollen? Wer konnte noch vor 20 oder 30 Jahren ahnen, was auf uns zukommt?

FURCHE: Auch ein Mangel an Weitsicht?

KÖNIG: Es gibt einen gewissen Mangel an Weitsicht, daß diese Ausdeutung des Schriftwortes nicht entsprechend korrigiert worden ist. Macht sie euch Untertan, das ist auch eine Mahnung: Ordnet sie auf menschliche Weise, damit sie sinnvoll dem Menschen dient. Sie kann dem Menschen nur dienen, wenn sie eine geordnete Natur ist. Dadurch, daß man nicht den Menschen und die richtige Ordnung des Menschenlebens, sondern einseitig den Nutzen und den materiellen Fortschritt in den Mittelpunkt der Wissenschaft gestellt hat, sind eben diese katastrophalen Entwicklungen eingetreten.

FURCHE: Paradox genug, daß einerseits der Kirche derartige Vorhaltungen gemacht werden, andererseits gerade heute engagierten Christen Technik- und Wirtschaftsfeindlichkeit vorgeworfen wird. Manche werden zu den Bannerträgern des Widerstandes gegen den ökonomischen Fortschritt gezählt.

KÖNIG: Zurück zur Natur, das ist auch ein etwas einseitiger Standpunkt. Wir brauchen den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, auch die Dritte Welt ist darauf angewiesen.

FURCHE: Darf das als Mahnung interpretiert werden, die sich gerade heute an engagierte Christen richtet?

KÖNIG: Ja, durchaus.

FURCHE: Positiv ist aber sicher anzumerken, daß materieller Fortschritt allein für viele Menschen heutzutage nicht mehr entscheidend ist. Der Verlust der Ehrfurcht vor der Schöpfung ist ins Bewußtsein gerückt. Aber der Verlust der Ehrfurcht vor dem Schöpfer? Dieser Problemkreis ist eigentlich aus der gegenwärtigen Diskussion — auch seitens der Kirche — ausgespart.

KÖNIG: Die Wiederentdek-kung der Schöpfung macht mir Hoffnung. Aber das ist ein ganz wichtiger Gesichtspunkt, daß man den Begriff der Umwelt, auch der Umweltverschmutzung, weiter faßt. Der Mensch, vor allem auch der junge Mensch, braucht auch eine gesunde geistige Umwelt; das Milieu der Wohlstandswelt bietet diese gesunde geistige Umwelt sicher nicht. Allzu oft geht es nur um Geld, Macht...

FURCHE: Im Laufe der Jahre wurde auch viel über die Grundrechte diskutiert, aber von den Grundwerten, die ihnen zugrunde liegen, wurde wenig gesprochen. Wer wäre berufener gewesen als die Kirche, das zu tun? Liegt da nicht auch ein Versäumnis vor?

KÖNIG: Sicher. Man tut es wohl im Religionsunterricht, besonders in den Oberstufen. Aber haben wir die Möglichkeit, über die Medien darauf aufmerksam zu machen? Ich würde dafür plädieren, daß die Kirche und Journalisten, die sich dafür verantwortlich wissen, gemeinsam diese Fragen aufwerfen. Es kommt darauf an, die Probleme durch griffige Formulierungen bewußt zu machen, die unmittelbare Lebensnähe zu erfassen. Dieses Gespräch scheint mir im Interesse des geistigen Gemeinwohls und im Dienst für unser Land notwendig.

FURCHE: Hat die Sprachlosigkeit der Kirche nicht auch andere Ursachen? Der Wiener Vizebürgermeister hat zuletzt einmal gemeint, daß in der Kirche zuviel Ängstlichkeit herrsche.

KÖNIG: Wenn wir von der Kirche reden, wäre ich dafür, daß man nicht nur auf die Bischöfe schaut, sondern auch auf das Glaubensbewußtsein des ganzen „Volkes Gottes”. Doch zur Frage selbst: Da gibt es die Schwierigkeit, das Tagespolitische nicht unmittelbar mit dem Parteipolitischen zu verbinden. Sonst heißt es gleich: Da sieht man's wieder, der „rote Kardinal”. Oder umgekehrt: Der will der ÖVP die Stange halten.

FURCHE: Die begründete Zurückhaltung steht aber doch im Kontrast zum Motto des Katholikentages '83 ,Jioffnung leben — Hoffnung geben”.

KÖNIG: Die große Gemeinschaft der Glaubenden wartet zu sehr, was der Bischof sagt, anstatt zu fragen, was tun wir jetzt. Ja, es gibt das Mißverständnis, Kirche, das sind die Bischöfe, die Pfarrer. Ebenso aber gibt es auch einen

Mangel an Zivilcourage im katholischen Laienvolk.

FURCHE: Wurden die Laien in ausreichendem Maß ermuntert?

KÖNIG: Man versucht es, aber noch in ungenügendem Ausmaß. Das Laienapostolat ist jedoch das Thema der nächsten Bischofssynode; dabei geht es darum, das Konzilsdokument über das Laienapostolat in die konkrete Wirklichkeit von heute zu übersetzen.

FURCHE: Was dürfen denn die Laien von der kommenden Synode erwarten?

KÖNIG: Möglichst viel. Aber sie sollen sich jetzt schon mit ihren Wünschen zu Wort melden, sollen Anregungen vorbereiten, sollen sie entweder ihrem Bischof oder mir schicken. Und sie sollen das, was sie bewegt, auch in der Öffentlichkeit diskutieren.

FURCHE: Ohne Tabuthemen?

KÖNIG: Ja, warum nicht?

FURCHE: Ein Thema, das im Vorjahr zu Auseinandersetzungen führte, war die Feiertagsfrage, konkret der 8. Dezember. Einmal unabhängig vom Datum: Ist nicht das Verständnis der Feste und das Vermögen, sie zu feiern, abhanden gekommen?

KÖNIG: Das hängt mit der allgemeinen religiösen Indifferenz zusammen. Aber man ist bereits etwas nachdenklich geworden über die Art, wie man heute Feiertage und vor allem auch Sonntage verbringt: viele Kilometer, Ärger, Streß. Man muß den Sonn- und Feiertag wieder ins Familienleben einbauen. Die Christen müssen den Sonntag wieder zur Mitte ihres Lebens machen.

FURCHE: Wer gegen eine Ver-zweckung des Sonntags ist, gegen seine „Veranstaltung”, müßte doch mit gutem Beispiel vorangehen. Werden das kirchliche Organisationen tun?

KONIG: Das ist richtig. Da bedarf es einiger Überlegungen.

FURCHE: Aus wirtschaftlichen Gründen blieben am 8. Dezember in Salzburg die Geschäfte offen. Aus wirtschaftlichen Gründen wird auch von der Flexibilisierung der Arbeitszeit gesprochen. In letzter Konsequenz könnte das — bei flexibler Arbeitswoche —die A bschaffung des Sonntags bedeuten.

KÖNIG: Wir können, was wirtschaftliche Planungen angeht, keinen unmittelbaren Einfluß nehmen, aber wir müssen aufmerksam machen, daß es Grenzen gibt, die im Interesse des Menschen und des Glaubens wohl zu beachten sind.

Das Gespräch mit Kardinal Franz König führte Hannes Schopf.

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