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Perfekte Abwehr bleibt Illusion

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Die Rüstungspolitik der USA ist endlich in Bewegung geraten. Präsident Reagan schlug eine Neuorientierung der Strategie vor. Weniger futuristisch, aber mehr realistisch tat dies auch der einstige US- Außenminister, obwohl sein Wort derzeit natürlich weniger Gewicht hat.

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Die Rüstungspolitik der USA ist endlich in Bewegung geraten. Präsident Reagan schlug eine Neuorientierung der Strategie vor. Weniger futuristisch, aber mehr realistisch tat dies auch der einstige US- Außenminister, obwohl sein Wort derzeit natürlich weniger Gewicht hat.

Sind die Passagen aus einer der letzten Reden US-Präsident Ronald Reagans, wonach es in Zukunft möglich sein könnte, ein perfektes Abwehrsystem zu entwickeln, das die Atomwaffen-Ar- senale beider Supermächte schrottreif machen würde, eine großartige Vision oder aber eine gefährliche Illusion? Wie wird der Reagan-Vorstoß in den USA beurteilt? Was steckt dahinter und warum hat sich der Präsident gerade jetzt mit seiner Idee an die Öffentlichkeit gewendet?

Von den zahlreichen Stimmen, die sich in dieser Frage zu Worte meldeten, bestreitet kaum eine, daß die USA ihre langfristige Forschung in Richtung Strahlen- Waffen fortsetzen müssen, zumal die Sowjets auf diesem Gebiet seit längerer Zeit sehr aktiv sind.

Aber von dieser einen Konzession abgesehen, sind fast sämtliche Reaktionen und Kommenta-

re, die bisher vorliegen, negativ.

Besonders klar ist die negative Reaktion in Kreisen der Wissenschaft. „Selbst wenn ein solches auf Strahlen-Waffen basierendes Abwehrsystem technisch verwirklichbar wäre; selbst wenn es installiert würde (was das bestehende Raketen-Abwehr-Abkom- men mit der Sowjetunion verletzen würde); selbst wenn sich dieses System nicht nur als weitgehend effektiv, sondern als absolut undurchdringlich und daher als ein vollständiger Schutz der gesamten USA erweisen sollte — was äußerst fragwürdig ist —, wäre ein solches Abwehrsystem nur dann sinnvoll, wenn die Sowjets nicht ein ähnliches System installieren oder wenn sie nicht neue Waffen entwickeln, die unsere Strahlen- Abwehr überlisten“, gibt Univ.- Prof. Wolfgang Panovsky von der Stanford University seiner großen Skepsis Ausdruck.

In die gleiche Kerbe schlägt Univ.-Prof. Jerome B. Wiesner, der frühere Rektor des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und wissenschaftlicher Berater mehrerer Präsidenten mit seiner Kritik:

„Alle mir bekannten Fachleute bezweifeln, daß es möglich sein könnte, ein undurchdringliches Strahlen-Verteidigungssystem aufzubauen, sei es mit Hilfe von Partikel-Strahlen oder basierend auf den weiter entwickelten Hochenergie-Laser-Strahlen. Jede der beiden Seiten verfügt heute über mehr als zehntausend Nuklearwaffen. Ein System, das 90 oder 95 Prozent der feindlichen Raketen vernichten könnte, würde an ein Wunder grenzen“. Die restlichen fünf bis zehn Prozent der Raketen, die das Verteidigungssystem durchdringen könnten, würden aber noch immer ausreichen, um weite Teile der USA zu vernichten.

Prof. Wiesner, eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Nuklearwaffen, hält den Plan Präsi-

dent Reagans aber nicht nur aus technologischen Gründen für problematisch, sondern qualifiziert ihn sogar als gefährliche Illusion ab, die „weit davon entfernt ist, die Gefahr eines Atomkrieges zu bannen und die sogar neue Bedrohungen heraufbeschwört“.

Der MIT-Professor weist darauf hin, daß schon früher das Gerede von Wunderwaffen der Sicherheit der USA geschadet habe, genauer gesagt, daß die Selbsttäuschung, die Sowjets würden mit der amerikanischen Technologie nicht Schritt halten können, gefährlich sei. Die Johnson- und Nixon-Administrationen hätten aus dieser Fehleinschätzung heraus das Mehrfachsprengkopf-Programm forciert und damit nichts anderes erreicht, als einen Beitrag zur Eskalation der Atomrüstung geleistet zu haben.

Prof. Wiesner weiter: „Die USA hätten ja kein Monopol für Strah- len-Waffen. Wenn wir diese Waffen forcieren, werden die Sowjets nicht untätig Zusehen. Die Erklärung Präsident Reagans ist also nichts anderes als die Deklaration einer neuen Runde im Wettrüsten.“

Zwei andere MIT-Professoren, die früher als wissenschaftliche Berater des Pentagon tätig waren, George Rathjens und Jack Ruina, teilen diese Bedenken: „Das antiballistische Verteidigungskonzept des Präsidenten ist viel mehr geeignet, das Rüstungs-Karussell zu beschleunigen, als das angestrebte Ziel — nämlich die Eliminierung der Atomwaffen-Arsenale — zu erreichen.“

„Was uns mehr beunruhigt, als die Ausgaben von einer Milliarde Dollar jährlich für Strahlenforschung“, heißt es in der Kritik der beiden Wissenschaftler weiter, „ist die falsche Hoffnung, die erweckt wird, es könne ein lückenloses Verteidigungssystem aufgebaut werden. Das ist eine grausame Täuschung!“

Alternativen für Sowjets

Mehrere Kritiker weisen darauf hin, daß es für die Sowjets wahrscheinlich gar nicht notwendig wäre, ein Strahlen-Abwehr-Sy- stem aufzubauen. Sie könnten einfach ihre bestehenden Waffen so verbessern, daß diese gegen Laser- beziehungsweise Partikelstrahlen immun sind. Das wäre nicht nur die einfachere, sondern auch die viel billigere Alternative.

Senator Sam Nunn aus dem Bundesstaat Georgia, hält die

Vorschläge des Präsidenten für „eine falsche Debatte zum falschen Zeitpunkt“. Denn sie lenke von den eigentlichen Problemen und Anliegen der achtziger Jahre, nämlich einem Zustandekommen eines Abrüstungsübereinkommens mit der Sowjetunion ab und verlagere das Augenmerk auf eine höchst problematische und futuristische Ebene.

Kampf ums Rüstungsbudget

Es ist freilich für den Laien nicht leicht, sich ein Urteil über technologische Fragen von solcher Komplexität zu bilden, ja auch nur einigermaßen abzuschätzen, ob beziehungsweise inwieweit die Meinungen und Urteile von Fachleuten zutreffen.

Man muß aber der „New York Times’ recht geben, wenn sie behauptet, daß es gerade die noch nicht entwickelten Waffen sind, die durch internationale Verträge verboten werden sollten. „Denn es ist viel leichter, zu einem Verhandlungsergebnis zu gelangen, bevor das Wettrüsten in einer Waffengattung begonnen hat. Die Probleme treten in dem Augenblick auf, in dem jede Seite fürchtet, die andere sei ihr überlegen“.

Ob sich Präsident Reagan mit seinem jüngsten Vorschlag nicht mehr geschadet als genützt hat, wird die Zukunft zeigen. Im Moment hat es den Anschein, daß es zu viele Einwände, Befürchtungen, zuviel Skepsis und Verunsicherung gäbe, um das zu erreichen, was der Präsident eigentlich bezweckte: Nämlich, seinen

Landsleuten — und nicht zuletzt auch dem Kongreß — den Eindruck zu vermitteln, daß hinsichtlich der Verteidigung Amerikas alles machbar sei, wenn es nur genügend Budgetmittel dafür gäbe.

Es ist bekannt geworden, daß nicht nur viele Wissenschaftler und hohe Militärs, sondern auch die meisten seiner engen Berater dem Präsidenten von seinem Vorstoß abgeraten haben. Warum er ihn trotzdem unternahm, liegt auf der Hand: Er kämpft um sein 239 Milliarden Dollar-Rüstungsbudget.

Es ist indessen nicht auszuschließen, daß der Reagan-Plan zum Bumerang wird und daß der Präsident seinen Landsleuten nicht neue Hoffnung gegeben, sondern noch mehr Atom-Angst eingeflößt hat. Daß der Kongreß unter diesen Umständen das Reagan-Verteidigungsbudget nur gekürzt verabschieden will, ist jedenfalls nicht verwunderlich.

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