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Saubere Arbeit, schmutzige Bedingungen

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Fast immer sind es Frauen aus Osteuropa, die Österreichs Privathaushalte putzen. Sie tun das meist zu illegalen Arbeitsbedingungen und im Verborgenen. Für die vielfach gut ausgebildeten Frauen ist es ein Arrangement auf Zeit, für die Auftraggeber eine günstige Option.

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Fast immer sind es Frauen aus Osteuropa, die Österreichs Privathaushalte putzen. Sie tun das meist zu illegalen Arbeitsbedingungen und im Verborgenen. Für die vielfach gut ausgebildeten Frauen ist es ein Arrangement auf Zeit, für die Auftraggeber eine günstige Option.

Verlässliche und fleißige Bulgarin sucht eine Stelle als Putzfrau in Wien". Ob Slowakin, Polin, Ungarin oder Ukrainerin -Inserate wie diese findet man im Internet wie Sand am Meer. So gut wie immer handelt es sich um Frauen, die es wegen des höheren Lohnniveaus nach Österreich zieht. Neben ihrer Erfahrung als Reinigungskraft preisen sie gerne Eigenschaften wie Ehrlichkeit oder Tüchtigkeit an. Oft heißt es auch, "Bitte nur seriöse Anfragen!".

Während diverse Anzeigen-Portale von arbeitsuchenden Reinigungskräften überflutet werden, gibt es ganz wenige offizielle Nachfragen von jenen, die eine "Putzfrau","Reinigungsfee" oder "Haus haltsperle" suchen, wie sie es selbst ausdrücken. Denn die Suche nach Reinigungskräften für den privaten Bedarf geschieht meist genauso im Dunkeln wie die Arbeit der Frauen. Laut Studien sind in Österreich 95 Prozent der Putzkräfte in Privathaushalten schwarz beschäftigt. Von 300.000 bis 400.000 Menschen ist die Rede.

Weder versteuert noch versichert

Versteuert und versichert wird die Hausarbeit dieser Frauen selten. Das ist zwar billig und praktisch für die Arbeitgeber, die ihrer "Malina" oder "Jana" nach dem Bügeln, Aufwischen oder Einkaufen ein paar 10-Euro-Scheine für jede Arbeitsstunde zustecken. Für die betroffenen Frauen bedeutet das illegale Arbeitsverhältnis ein Leben ohne Sicherheitsnetz. Was, wenn sie ihre Arbeit verlieren, krank werden, Urlaub nehmen wollen, in Pension gehen möchten? Weil ja kein offizielles Dienstverhältnis besteht, können sie all diese Leistungen nicht einklagen.

In dieser Lage befand sich auch die Polin Ania, die ihren wahren Namen nicht nennen möchte. Die 31-jährige Akademikerin schmiss ihren Job als Geschäftsführerin im Verkauf hin, um in Wien putzen zu gehen. Die Verdienstchancen waren hier einfach besser. "Eine Nachbarin hat mir angeboten, dass ich ihre Auftraggeber in Wien übernehmen kann, da habe ich nicht lange gezögert", erzählt sie.

In ihrer südpolnischen Heimat, wo es wenige Jobs und Bildungsmöglichkeiten gibt, gilt das Putzen in Österreich als nichts Besonderes. Fast jeder dort hat eine Cousine, Tante, oder Freundin, die hier putzt. Man benötigt dafür keine Deutschkenntnisse, kann sofort beginnen und bekommt das Geld bar auf die Hand. "Die Nachfrage ist so groß, dass man soviel arbeiten kann, wie man will", erzählt Ania. Sie empfand ihre Zeit als Reinigungskraft als überwiegend positiv. Mit einem Stundenlohn von 10 Euro kam sie auf etwa 1800 Euro monatlich. Versichert war sie zunächst noch in Polen, als Studentin konnte sie sich in Österreich günstig selbst versichern. "Ich war meine eigene Chefin und konnte mir die Arbeitszeiten frei einteilen", sagt sie. Ihre persönlichen Erfahrungen mit den Auftraggebern waren meist gut: "Sowohl ältere Menschen als auch Familien mit Kindern waren sehr dankbar, grüßten immer freundlich und es gab sogar Weihnachtsgeschenke." Nur einmal machte sie eine schlechte Erfahrung: "Der Partner einer Auftraggeberin war zu Hause, während ich putzte, hat mich gepackt und angegriffen, sodass ich weglaufen musste."

Wie für viele ihrer Kolleginnen war auch für Ania von Anfang an klar, dass das Putzen nur eine Lebensphase darstellen sollte. Letztlich sollte diese nur ein Jahr dauern. Ania wollte sich beruflich weiter entwickeln, absolvierte Deutschkurse und schrieb sich an der Uni ein. Ihre Stellen gab die junge Frau an ihre Tante weiter, die nun zwischen Polen und Österreich pendelt. Als es 2011 für polnische Arbeitskräfte möglich wurde, legal in Österreich zu arbeiten, nahm sie eine Stelle als Verkäuferin an. Eigentlich wollte Ania nur vorübergehend nach Österreich kommen, der Liebe wegen ist sie nun geblieben.

Obwohl der heimische Arbeitsmarkt bereits vor vier Jahren für Arbeitskräfte aus Polen, Ungarn, Tschechien, Slowenien, der Slowakei und den baltischen Staaten geöffnet wurde, putzen die meisten Frauen aus diesen Ländern weiterhin schwarz. Dasselbe gilt für Rumäninnen und Bulgarinnen, die seit 2014 im gesamten EU-Raum arbeiten dürfen.

Kein legaler Status, keine Rechte

Noch schwieriger ist es für Frauen aus Nicht-EU-Staaten, hier einen legalen Aufenthalts-Status oder gar eine Beschäftigung zu finden. Mit der Situation der Ukrainerinnen, die in Österreich putzen, hat sich die Soziologin Bettina Haidinger auseinandergesetzt. Auch als Nicht-EU-Bürgerinnen betrachten die meisten Ukrainerinnen die Hausarbeit nur als eine vorübergehende Lösung, berichtet Haidinger: "Viele Frauen, die ich interviewt habe, sind gut ausgebildet, in einer tristen finanziellen Lage und nicht so glücklich mit dieser Tätigkeit." Doch selbst wenn es sich um Ärztinnen oder Lehrerinnen handelt: Sie wollen einfach möglichst viel Geld in kurzer Zeit verdienen. Für Frauen ohne Papiere oder mit geringen Deutschkenntnissen ist es unmöglich, eine attraktivere Arbeit zu finden. Oft treibt sie auch der Wunsch nach Österreich, für ihre Kinder Geld anzusparen oder sie später "nachzuholen".

Weil die Arbeit dieser Frauen im privaten Raum stattfindet, sind sie gegenüber dem Arbeitgeber noch schutzloser. Es gibt keine Öffentlichkeit, die die Arbeitsbedingungen kontrolliert, diese müssen die Frauen selbst aushandeln. "Man braucht schon eine sehr starke Persönlichkeit, um zu sagen, dass man die Einkäufe extra honoriert bekommen will oder nicht auch noch nebenbei auf ein Kind aufpassen kann", weiß Haidinger. Gerade Frauen, die über keinen legalen Aufenthalts-Status verfügen, würden sich nicht bei offizieller Stelle beschweren, weil sie etwa eine Abschiebung fürchten. Durch die vielen Arbeitgeber müssen die Frauen meist lange Wegzeiten zurücklegen. Obendrein sind sie meist alleine mit dem jeweiligen Arbeitgeber oder vereinsamen fern der Heimat.

Natürlich gibt es auch legale Möglichkeiten, eine Haushaltshilfe zu beschäftigen: Mit dem Dienstleistungsscheck, der in Trafiken und Postämtern erhältlich ist, können Haushaltshilfen stundenweise bezahlt werden. "Damit sind sie zumindest am Arbeitsweg und bei der Arbeit unfallversichert", sagt Ursula Woditschka von der zuständigen Gewerkschaft Vida. In der Praxis wird dieses Modell kaum angenommen, weil sich viele Haushalte davor fürchten, Abgaben leisten zu müssen. Eine weitere Option ist es, die Reinigungskraft als geringfügig Beschäftigte anzumelden. "Diese Variante ist sicher die fairere, denn sie bringt der Beschäftigten mehr Rechte", so Woditschka. Die Zusatzkosten sind in diesem Fall für die Arbeitgeber höher, weshalb auch dieses Modell kaum genutzt wird.

"Pfusch" wächst im Verborgenen

Die Schattenwirtschaft wird im Jahr 2015 erneut steigen -diesmal auf rund 21 Milliarden Euro, also acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes, prognostiziert Friedrich Schneider, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Linz. Während der "Pfusch" am Bau von den Behörden täglich verfolgt wird, bleibt die Schwarzarbeit im Reinigungsbereich im Dunkeln. Offenbar gibt es einen stillschweigenden Konsens mit den Versicherungsanstalten, an dem Thema nicht zu rühren. Ein Unrechtsbewusstsein in der Bevölkerung existiert kaum: 63 Prozent der Österreicher halten den "Pfusch" für ein Kavaliersdelikt, nur vier Prozent meinen, man solle Schwarzarbeit anzeigen.

Der große Schwindel mit den illegalen Putzkräften funktioniert deshalb so gut, weil sie quasi unsichtbare Wesen sind. Deshalb bräuchte es frauenpolitisch engagierte Interessenverbände sowie Informations-Kampagnen, meint die Gender-Expertin Andrea Stoick. "Um das Arbeitsverhältnis zu legalisieren, könnte der Staat Vermittlungsagenturen einrichten oder Schulungen für Reinigungskräfte anbieten." Stoick ist überzeugt, dass alle hausarbeitenden Frauen in Österreich von einer Entprivatisierung der Arbeitsverhältnisse profitieren würden. Nur so könne der gesellschaftliche Wert der Hausarbeit steigen. Schließlich ist Hausarbeit nicht gleich Hausarbeit: "In Wien zu putzen ist kein Job, für den sich eine Polin schämen muss", betont Ania. Für sie selbst war diese Arbeit schließlich das Ticket in eine bessere Zukunft.

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