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Den Dialog mit dem Außen riskieren

Die „heißen Eisen“ der Kirchenreform schwelen zehn Jahre nach dem „Dialog für Österreich“ weiter. Diese Probleme sind zurzeit nicht lösbar. In dieser Lage sollte sich die katholische Kirche um mehr gesellschaftspolitisches Profil bemühen.

Es gibt Konfliktsituationen, die so verstrickt sind, dass sich trotz besten Willens aller Beteiligten keine Lösung finden lässt. Laut dem Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick tendieren menschliche Probleme dieser Art dazu, sich zu verschlimmern, wenn keine oder immer wieder eine falsche Lösung versucht wird.

Zugleich beschreibt Watzlawick Erfahrungen, bei denen sich verfahrene Situationen manchmal – scheinbar „von selbst“ – lösen können. Er spricht von „Lösungen zweiter Ordnung“. Deren Wesen besteht darin, dass sich der Kontext des Problems verändert. Veränderungen im „Außen“ führen dazu, dass sich die Situation in neuem Licht zeigt. Freilich sind solche Lösungen nur beschränkt „machbar“. Sie „passieren“ und wachsen zu.

Mit der Situation arrangiert

Die Situation der katholischen Kirche in Österreich zehn Jahre nach dem „Dialog für Österreich“ kann aus dieser Perspektive etwas besser verstanden und weiterentwickelt werden. Die Konfliktpartner haben sich – so scheint es – mit der Situation arrangiert. Das Gespräch ist weitgehend versiegt; die Chance, mit Differenzen und Heterogenität schöpferisch leben zu lernen, ist nicht genützt worden. Die auch damals angesprochenen Konfliktthemen scheinen unlösbar. Man lebt gemeinsam so recht und schlecht weiter. Jeder versucht in seinem Bereich so gut wie möglich eine verantwortete Pastoral zu realisieren. Die Beteiligten wenden sich anderen Fragen zu.

Vielleicht ist dies derzeit der einzig gangbare Weg. Schöpferisch kann ein solcher freilich nur dann sein, wenn er nicht in Verdrängungswünschen, Aggression oder Resignation wurzelt, sondern im vertrauensvollen Hoffen, dass „lassen“ und „ande- res tun“ manchmal helfen kann. Denn wer die pastorale Landschaft in Österreich nüchtern wahrnimmt, muss zugeben, dass die konfliktiven „heißen Eisen“, die im Mittelpunkt des „Dialogs“ standen, nach wie vor schwelen. Wenn diese Probleme aber so wie bisher und jetzt offenkundig nicht lösbar sind, empfiehlt es sich, „anderes“ zu tun. Das empfiehlt sich auch, weil die Kirche den Auftrag hat, die Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu tragen. Sie darf sich also von ihrem Selbstverständnis her nicht primär mit sich selbst beschäftigen. Auch die Reform ihrer Srukturen bemisst sich von daher: Gelingt es der Kirche, wie sie derzeit „aufgestellt“ ist und handelt, diesem gesellschaftlichen Auftrag gerecht zu werden? Die Zuwendung zum „Außen“ ist kein psychohygienisches Ablenkungsmanöver, sondern vom Glauben her geboten.

Mittlerweile herrscht in Gesellschaft und Kirche weitgehend Konsens darüber, dass das Thema „Religion“ wieder verstärkt Aufmerksamkeit findet. Der schillernde Begriff der „Spiritualität“ spielt dabei eine Schlüsselrolle. Menschen suchen im Angesicht von Modernisierungskrisen und konfrontiert mit einem Pluralismus von Werthaltungen, Weltdeutungen, religiösen Vorstellungen und spirituellen Angeboten nach Sinn und Orientierung. Zeitgleich geht in Österreich eine Epoche zu Ende: Der volkskirchlich strukturierte christliche Glaube ist weitgehend erodiert. Die Kirche ist legitimationspflichtig geworden. Niemand muss mehr katholisch sein, um sozial zugehörig zu sein.

Kirche muss sich legitmieren

Die Menschen in Österreich wollen mit ihren subjektiven religiösen Fragen und mit ihren spirituellen Erfahrungen ernstgenommen werden. Jetzt muss die Kirche begründen, warum man seinen Glauben ausgerechnet christlich formatieren oder gar kirchlich leben soll. Diese Situation ist eine Chance für die Kirche. Sie kann wachsen: wenn sie sich in Evangelium, Glaube und Tradition vertieft und zugleich den Dialog mit der Gesellschaft sucht.

Das Wahlergebnis vom September hat gezeigt, wie erschreckend groß der blinde Fleck der Österreicher und Österreicherinnen gegenüber der autoritären Versuchung ist. Im Hintergrund dieser Ergebnisse stehen zahlreiche reale und dringlich zu lösende Probleme: Die Situation am Arbeitsmarkt, die Situation von Risikofamilien und Jugendlichen, von Menschen mit Migrationshintergrund, die globalen Krisen des Wirtschaftssystems und der Ökologie … die Liste lässt sich beliebig lang fortsetzen.

Die Kirche ist sowohl von ihrer biblischen Option als auch von ihrer Tradition her verpflichtet, einen Beitrag zur Lösung gesellschaftspolitischer Probleme zu leisten. Eine Kirche, die sich hier engagiert, kann das Evangelium lebendig weitertradieren. Und vielleicht wachsen ihr dann auch Lösungen für die gegenwärtigen internen Dialogprobleme zu.

Eine Kirche, die mutig den Dialog mit dem Außen riskiert, kann vom Geist Gottes verwandelt werden.

Die Autorin leitet das Institut für Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien

„Heute muss die Kirche begründen, warum man seinen Glauben ausgerechnet christlich formatieren oder gar kirchlich leben soll.“

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