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Religion

Der gute Herr Pfarrer lebt im Fernsehen

1945 1960 1980 2000 2020
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Scharfsinnig, sportlich, attraktiv, abenteuerlustig, redegewandt, bibelfest und prinzipientreu -welcher Bischof hätte diese Priester nicht gerne in seiner Diözese? Exzellenz braucht nur den Fernsehapparat aufzudrehen und findet dort, ebenso wie seine näheren und ferneren Schäfchen, all jene Priester vor, die in der Realität eine fast ausgestorbene Spezies zu sein scheinen: Kommunikative Dorfpfarrer werben für Bier und lösen Kriminalfälle, klerikale Posterboys bleiben (dank bestimmter Sportschuhe oder Limonaden) selbst angesichts erotischer Versuchungen standhaft, andere lesen antike Sprachen wie die Zeitung und decken böse Intrigen auf -kurzum: Priester begegnen im populären Film und TV als Helden in Schwarz.

Was mit den Urvätern klerikaler Leinwandhelden, Don Camillo und Pater Brown, bereits in den 1950er Jahren begonnen hat, ist heute eine je nach Genre ausdifferenzierte und gleichzeitig stark ikonographisch wie motivisch reduzierte Typologie des Priesters, die ihre pointierteste, weil auf 20 bis 30 Sekunden verkürzte Ausformung im Priesterbild des Werbespots findet. Am beliebtesten scheint im deutschen Sprachraum nach wie vor der Priester als Detektiv zu sein, wie Serien rund um Pfarrer Braun und Pater Castell zeigen. Mit ihrem Scharfsinn und ihrer umfassenden Bildung sind sie der weltlichen Exekutive überlegen, und leben, anders als laikale Kommissare beiderlei Geschlechts, noch in geordneten Verhältnissen, selbst wenn und vielleicht gerade weil rund um sie längst die Verwirrungen der Postmoderne Einzug gehalten haben. Ein derart uneingeschränkt positives Bild vermitteln Priester sonst nur noch im Genre der Komödie, wo die berufsbedingte Andersartigkeit des Weiheträgers zwar zu humorvollen Situationen führt, letztlich der Ausnahmestatus des Priesters aber ebenso bestätigt wird wie sein erfolgreiches Ringen um die richtige Distanz zu den anvertrauten Schäfchen.

Vertrottelte Bischöfe, kluge Pfarrer

In beiden Genres aber steht dem Priester ein Bischof gegenüber, der zwar hierarchisch, nicht aber intellektuell dem einfachen Priester überlegen ist, sondern vielmehr weltfremd, eitel, prunksüchtig und mitunter leicht vertrottelt dargestellt, den Priester erst recht zum Sympathieträger werden lässt. Diese bewusste Zweiteilung des Priesterbildes in gute Hirten und arrogante Herdenbesitzer verschärft sich nochmals im Mysterythriller à la "Stigmata" (1999) oder "The Da Vinci Code -Sakrileg"(2006), wo Bischöfe und Kardinäle ganz im Stil eines Richelieu oder Borgia-Papst mittels Intrigen nach der Herrschaft streben und in kostbaren Barocksesseln ihre roten Samtroben und glänzenden Rubinringe zur Schau stellen.

Überhaupt scheinen Machtgier und Prunksucht eingängige Bildmotive zu sein, wenn es um die hohe kirchliche Hierarchie geht, egal ob in historischem oder zeitgenössischem Ambiente. Der Kontrast von einfachem Kleriker in schwarzem Anzug oder im mittelalterlichen Setting vorzugsweise in franziskanischer Mönchskutte und vor Gold und Edelsteinen glänzendem Amtsträger wird in der Regel nochmals durch die Maskulinitätskonstruktion der beiden Figuren verstärkt: Der "gute Priester" zeichnet sich durch klar heterosexuelle Männlichkeit aus, während Bischöfe und Kardinäle nicht selten in Habitus, physischer Erscheinung und eben dem allzu reichlichen Schmuck als feminisiert oder gar latent homosexuell porträtiert werden.

Überhaupt scheint heteronormative Männlichkeit für das Priesterbild im populären Film und TV sehr wichtig zu sein, auch wenn in den meisten Genres der Zölibat zwar thematisiert, aber heroisch eingehalten wird. Der Priester wirkt oft wie eine spezielle Variation des Heldentypus, der in seinen Abenteuern und im Kampf gegen das irdische und transzendente Böse durch seinen einsamen Lebenswandel die nötige Freiheit für seine Handlungen besitzt und am Ende zwar nicht wie James Bond mit einer Blondine belohnt wird, aber anders als Batman der dunklen Leere der Postmoderne durch seinen unerschütterlichen Gottesglauben entkommen kann.

Angeschmachtet und unerreichbar

Eine Ausnahme bildet naturgemäß die Rubrik Romantik/Drama, im deutschsprachigen Raum untrennbar mit dem TV-Mehrteiler "Die Dornenvögel" verbunden, wo die Spannung aus dem Verbot sexueller Beziehungen und der erotischen Attraktivität des Priesters zum handlungstragenden Motiv wird, das keinesfalls in der Ehe aufgelöst werden darf, sondern den Schmachtfaktor durch die Unerreichbarkeit des begehrten Mannes beträchtlich erhöht.

Was aber allen Priesterfiguren in Film und TV gemeinsam ist: Sie müssen als solche erkennbar sein, das Kollar unter dem schwarzen Jackett ist ein Markenzeichen, auf das keines der Genres, schon gar nicht die Werbung, verzichten mag, ja gerade das Spiel mit dem Abnehmen und Anlegen des weißen Kragens gehört konstitutiv zu allen der genannten medialen Produkte.

Film und Fernsehen bilden sicher keine Wirklichkeit ab, sie konstruieren aber deren Bild in den Köpfen ein wenig mit. Von daher drängt sich guten (und weniger guten) Katholiken zwangsläufig die Frage auf, welche Bilder des Priesters am Bildschirm entstehen und warum. Zum Teil ist es zweifelsohne eine Sehnsucht nach heiler Welt, die Pater Braun auch 50 Jahre nach dem II. Vaticanum von der Kanzel predigen und den Dorfpfarrer in Soutane im Wirtshaus sein Bier der durch ihn beworbenen Marke trinken lässt -eine Art klerikaler Hansi-Hinterseerismus oder Rosamunde Pilcher-Saga mit Zingulum und Rosenkranz, die mit Kollar und Zölibat einen vertrauten Exotismus einbringen.

Schwache Männer, heterosexuell

Dennoch eröffnet das bevorzugte Priesterbild des Unterhaltungsprogrammes auch pastorale und kirchenkritische Diskurse. Erregen uns episkopale Prunkbauten und Goldkreuze vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil diese in der medialen Mythologie die sicheren Kennzeichen des (un)frommen Bösewichts sind? Und sind die "guten Priester", denen wir aktives Handeln und natürliche Autorität im Umgang mit verschiedenen Problemen und Abgründen des Lebens zutrauen, derart selten geworden, dass sie nur mehr in der schieren Fiktion ihren Platz haben? Ja, selbst die Zölibatsromanze erscheint nach nunmehr fast einem Jahrzehnt Enthüllungsskandalen rund um klerikalen Kindsmissbrauch wie ein Weichzeichner, der uns suggeriert, dass Priester zwar mitunter schwache Männer, aber immerhin begehrenswert und erwachsen heterosexuell sind.

Eine vorsichtige Annäherung konservativer wie progressiver Katholiken an ihre medialen Seelsorger könnte für beide Seiten lehrreich sein. Wer weiß: Womöglich ist Papst Franziskus auch vielen kirchlich Fernstehenden deshalb so sympathisch, weil er so wenig böser Filmkardinal und soviel guter Fernsehpfarrer ist.

Die Autorin ist Studiendekanin der Kath.-Theol. Fak. der Uni Graz

Helden in Schwarz Priesterbilder im populären Film und TV Hg. Theresia Heimerl, Lisa Kienzl. Schüren Verlag 2014 176 S. kt. € 20,50

Scharfsinnig, sportlich, attraktiv, abenteuerlustig, redegewandt, bibelfest und prinzipientreu -welcher Bischof hätte diese Priester nicht gerne in seiner Diözese? Exzellenz braucht nur den Fernsehapparat aufzudrehen und findet dort, ebenso wie seine näheren und ferneren Schäfchen, all jene Priester vor, die in der Realität eine fast ausgestorbene Spezies zu sein scheinen: Kommunikative Dorfpfarrer werben für Bier und lösen Kriminalfälle, klerikale Posterboys bleiben (dank bestimmter Sportschuhe oder Limonaden) selbst angesichts erotischer Versuchungen standhaft, andere lesen antike Sprachen wie die Zeitung und decken böse Intrigen auf -kurzum: Priester begegnen im populären Film und TV als Helden in Schwarz.

Was mit den Urvätern klerikaler Leinwandhelden, Don Camillo und Pater Brown, bereits in den 1950er Jahren begonnen hat, ist heute eine je nach Genre ausdifferenzierte und gleichzeitig stark ikonographisch wie motivisch reduzierte Typologie des Priesters, die ihre pointierteste, weil auf 20 bis 30 Sekunden verkürzte Ausformung im Priesterbild des Werbespots findet. Am beliebtesten scheint im deutschen Sprachraum nach wie vor der Priester als Detektiv zu sein, wie Serien rund um Pfarrer Braun und Pater Castell zeigen. Mit ihrem Scharfsinn und ihrer umfassenden Bildung sind sie der weltlichen Exekutive überlegen, und leben, anders als laikale Kommissare beiderlei Geschlechts, noch in geordneten Verhältnissen, selbst wenn und vielleicht gerade weil rund um sie längst die Verwirrungen der Postmoderne Einzug gehalten haben. Ein derart uneingeschränkt positives Bild vermitteln Priester sonst nur noch im Genre der Komödie, wo die berufsbedingte Andersartigkeit des Weiheträgers zwar zu humorvollen Situationen führt, letztlich der Ausnahmestatus des Priesters aber ebenso bestätigt wird wie sein erfolgreiches Ringen um die richtige Distanz zu den anvertrauten Schäfchen.

Vertrottelte Bischöfe, kluge Pfarrer

In beiden Genres aber steht dem Priester ein Bischof gegenüber, der zwar hierarchisch, nicht aber intellektuell dem einfachen Priester überlegen ist, sondern vielmehr weltfremd, eitel, prunksüchtig und mitunter leicht vertrottelt dargestellt, den Priester erst recht zum Sympathieträger werden lässt. Diese bewusste Zweiteilung des Priesterbildes in gute Hirten und arrogante Herdenbesitzer verschärft sich nochmals im Mysterythriller à la "Stigmata" (1999) oder "The Da Vinci Code -Sakrileg"(2006), wo Bischöfe und Kardinäle ganz im Stil eines Richelieu oder Borgia-Papst mittels Intrigen nach der Herrschaft streben und in kostbaren Barocksesseln ihre roten Samtroben und glänzenden Rubinringe zur Schau stellen.

Überhaupt scheinen Machtgier und Prunksucht eingängige Bildmotive zu sein, wenn es um die hohe kirchliche Hierarchie geht, egal ob in historischem oder zeitgenössischem Ambiente. Der Kontrast von einfachem Kleriker in schwarzem Anzug oder im mittelalterlichen Setting vorzugsweise in franziskanischer Mönchskutte und vor Gold und Edelsteinen glänzendem Amtsträger wird in der Regel nochmals durch die Maskulinitätskonstruktion der beiden Figuren verstärkt: Der "gute Priester" zeichnet sich durch klar heterosexuelle Männlichkeit aus, während Bischöfe und Kardinäle nicht selten in Habitus, physischer Erscheinung und eben dem allzu reichlichen Schmuck als feminisiert oder gar latent homosexuell porträtiert werden.

Überhaupt scheint heteronormative Männlichkeit für das Priesterbild im populären Film und TV sehr wichtig zu sein, auch wenn in den meisten Genres der Zölibat zwar thematisiert, aber heroisch eingehalten wird. Der Priester wirkt oft wie eine spezielle Variation des Heldentypus, der in seinen Abenteuern und im Kampf gegen das irdische und transzendente Böse durch seinen einsamen Lebenswandel die nötige Freiheit für seine Handlungen besitzt und am Ende zwar nicht wie James Bond mit einer Blondine belohnt wird, aber anders als Batman der dunklen Leere der Postmoderne durch seinen unerschütterlichen Gottesglauben entkommen kann.

Angeschmachtet und unerreichbar

Eine Ausnahme bildet naturgemäß die Rubrik Romantik/Drama, im deutschsprachigen Raum untrennbar mit dem TV-Mehrteiler "Die Dornenvögel" verbunden, wo die Spannung aus dem Verbot sexueller Beziehungen und der erotischen Attraktivität des Priesters zum handlungstragenden Motiv wird, das keinesfalls in der Ehe aufgelöst werden darf, sondern den Schmachtfaktor durch die Unerreichbarkeit des begehrten Mannes beträchtlich erhöht.

Was aber allen Priesterfiguren in Film und TV gemeinsam ist: Sie müssen als solche erkennbar sein, das Kollar unter dem schwarzen Jackett ist ein Markenzeichen, auf das keines der Genres, schon gar nicht die Werbung, verzichten mag, ja gerade das Spiel mit dem Abnehmen und Anlegen des weißen Kragens gehört konstitutiv zu allen der genannten medialen Produkte.

Film und Fernsehen bilden sicher keine Wirklichkeit ab, sie konstruieren aber deren Bild in den Köpfen ein wenig mit. Von daher drängt sich guten (und weniger guten) Katholiken zwangsläufig die Frage auf, welche Bilder des Priesters am Bildschirm entstehen und warum. Zum Teil ist es zweifelsohne eine Sehnsucht nach heiler Welt, die Pater Braun auch 50 Jahre nach dem II. Vaticanum von der Kanzel predigen und den Dorfpfarrer in Soutane im Wirtshaus sein Bier der durch ihn beworbenen Marke trinken lässt -eine Art klerikaler Hansi-Hinterseerismus oder Rosamunde Pilcher-Saga mit Zingulum und Rosenkranz, die mit Kollar und Zölibat einen vertrauten Exotismus einbringen.

Schwache Männer, heterosexuell

Dennoch eröffnet das bevorzugte Priesterbild des Unterhaltungsprogrammes auch pastorale und kirchenkritische Diskurse. Erregen uns episkopale Prunkbauten und Goldkreuze vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil diese in der medialen Mythologie die sicheren Kennzeichen des (un)frommen Bösewichts sind? Und sind die "guten Priester", denen wir aktives Handeln und natürliche Autorität im Umgang mit verschiedenen Problemen und Abgründen des Lebens zutrauen, derart selten geworden, dass sie nur mehr in der schieren Fiktion ihren Platz haben? Ja, selbst die Zölibatsromanze erscheint nach nunmehr fast einem Jahrzehnt Enthüllungsskandalen rund um klerikalen Kindsmissbrauch wie ein Weichzeichner, der uns suggeriert, dass Priester zwar mitunter schwache Männer, aber immerhin begehrenswert und erwachsen heterosexuell sind.

Eine vorsichtige Annäherung konservativer wie progressiver Katholiken an ihre medialen Seelsorger könnte für beide Seiten lehrreich sein. Wer weiß: Womöglich ist Papst Franziskus auch vielen kirchlich Fernstehenden deshalb so sympathisch, weil er so wenig böser Filmkardinal und soviel guter Fernsehpfarrer ist.

Die Autorin ist Studiendekanin der Kath.-Theol. Fak. der Uni Graz

Helden in Schwarz Priesterbilder im populären Film und TV Hg. Theresia Heimerl, Lisa Kienzl. Schüren Verlag 2014 176 S. kt. € 20,50