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Wenn die Bilder kreißen, schweig

1945 1960 1980 2000 2020

In ihren neuen Gedichten formuliert die niederösterreichische Autorin A. Moser ihre Gottesbegegnung. Auch zu Weihnachten.

1945 1960 1980 2000 2020

In ihren neuen Gedichten formuliert die niederösterreichische Autorin A. Moser ihre Gottesbegegnung. Auch zu Weihnachten.

der Wind hantiert mit den Blüten des Mohns mir stehen die Augen still berührt vom Fragment eines Musters von Anwesenheit Ihr Lieblingsgedicht unter den vielen, bunt gemischten Gedichten aus zehn Jahren, die sich in Annemarie Mosers letztem Gedichtband "Credo mit Zubehör" finden, ist eines der kürzesten daraus. Mosers Gedichte reichen von Gesellschaftssatire bis zur Mystik und stellen einen Spiegel des lyrischen Ichs ebenso dar wie einen der Zeit und der Gesellschaft.

Moser formuliert, wenn sie die Transzendenz "berührt", vorsichtig und behutsam, wie das oben zitierte Gedicht verdeutlicht, an dem sie jahrelang gearbeitet hat, bis sie mit der Formulierung zufrieden war. Gott oder Gottes Geist werden gerade nicht genannt, sind aber doch zu ahnen, zu vermuten. Was "Anwesenheit" hier bedeutet/bedeuten kann, überläßt Moser dem Leser. Ebenso vorsichtig wie das Benennen des Unsagbaren nähert sie sich der Erkennbarkeit dieser Anwesenheit.

Da gibt es ein Muster, vielleicht eine Art, wie Menschen einander begegnen, vielleicht wie sie miteinander umgehen, und in diesem Muster können die Anwesenheit (Gottes, Gottes Geist) erahnt, wiedererkannt werden.

Der umfassendste Gedichtzyklus in diesem Band nennt sich "Ikonen der Ich-Suche" und stellt - laut "Lese-Hilfe", die Moser ihrem Zyklus voranstellt - eine "innere Entwicklung" dar, ausgehend von der Projektion persönlicher Konflikte auf Gott über Selbst-Erforschung und Selbstkritik und emotionaler Glaubenserfahrung bis zur "Konzentration auf eine konkrete Aufgabe", durch die "eine unbefangen-selbstkritische Haltung leicht" wird. Weg von Vorwürfen, die an Gott gerichtet sind, und der Abgabe der Verantwortung an ihn, bewegt sich die "Ich-Suche" zu den unentbehrlichen Fragen über sich selbst, mit denen es gilt leben zu lernen. Fragen über Fragen wirft auch die Lektüre dieses nicht sehr einfach zu lesenden Zyklus auf, Fragen, zu denen die Lyrikerin im Furche-Gespräch Stellung nimmt.

die Furche: Der Titel "Ikonen der Ich-Suche" enthält eine eigenartige Spannung: Ich-Suche scheint heute das Thema schlechthin zu sein, Selbstfindung die wichtigste Zielsetzung im Leben. So sehr sie früher vergessen wurde, so sehr wird sie heute bis ins Extrem betrieben. Andererseits das Wort "Ikonen": es signalisiert religiöse Suche, gerade nicht das Sich-Selbst-Finden, sondern das Suchen des anderen durch ein Bild.

Annemarie Moser: Mich haben Ikonen aus den orthodoxen Kirchen schon in meiner Jugend fasziniert, ich habe Bildbände gekauft, habe Ikonen in meinen Wohnungen immer auch aufgehängt. Für mich hat aber Ikone eine andere Bedeutung angenommen, eine modernere im Zusammenhang mit der bildenden Kunst, wo die Ikone nicht unbedingt einen religiösen Hintergrund hat, sondern zeichenhaft deutliche Vereinfachung als Darstellung eines komplexen Zusammenhangs ist.

die Furche: Sie gehen über das Intellektualisieren der Gottesfrage, das Ausgangspunkt in Ihrem Gedichtzyklus ist, hinaus in eine emotionale Glaubenswelt. Wie stehen Sie da zur Theologie?

Moser: Ich glaube, daß die persönliche Gefühlswelt vom Menschen sich von der Theologie allenfalls über das Gewissen beeinflussen läßt oder regulieren, kontrollieren, aber daß die Gefühle nicht übereinstimmen mit einer Theologie oder von ihr geleitet sind.

Gefühle und Lebenserfahrungen laufen unabhängig von ihr. Man kann äußerlich eine Theologie bejahen, obwohl man schon lange nicht mehr glaubt. Es wird auch das Umgekehrte möglich sein, ein Dissens, wo im Grunde eine Übereinstimmung da ist, so wie Auseinandersetzungen in der Kirche nicht um die Frage gehen, ob es einen Gott gibt oder nicht, sondern was die Konflikte ausmacht, kommt sehr stark aus den Menschen oder ihren Bedürfnissen nach Macht oder Mitsprache oder was immer. Wir lassen uns halt nicht so umbauen, daß wir 100prozentig dazupassen. Insofern ist unser Glaube unabhängig von theologischen Festlegungen, womit ich aber nicht meine, daß wir keine Theologie brauchen.

die Furche: Gerade hinsichtlich Weihnachten erscheint mir der dritte Abschnitt des Gedichtzyklus interessant, da sprechen Sie vom "Leutestall": [...]

ich weiß noch daß es nie genug war nie genügend daß immer noch ein Raum sich auftun sollte!

der Leutestall in dir ist Obdach voller Schritte viel Fremde gehen da und gehen alle heim durch dein Gehör wie durch ein Wasser ist aber niemands Rätsel mehr in meinem Krug nur deines leer sagt sich das Weihnachtsstroh der Krippen her "geboren einer mehr" so war es auch du weißt genug laß sie nur heimgehn alle aus deinem Leutestall raschle das Stroh auseinander und lüfte damit es nicht nachstinkt stell ihnen die Krippen zurecht auch die nächsten gebären so wild wie die früheren alle und wenn die Bilder kreißen schweig Moser: Daß dieser Abschnitt schwer verständlich ist, hat eine bestimmte Stimmigkeit, denn wo der Mensch mit sich selbst zu tun hat, ist er nicht so genormt, daß man das von einem auf den anderen übertragen könnte. Und was die eigene Entwicklung betrifft: ich kann den Text hier nicht so festlegen, daß man sagt, aha da kenn ich mich aus. Ich habe bewußt keine Erklärungen gegeben. Jeder Mensch ist sich selbst unbekannt, wenn er in die Phase kommt, wo er es mit sich zu tun hat.

Bethlehem ist hier eine Ikone, nicht nur eine kirchliche, außerhalb der Kirche gibts ja auch die Weihnachtsfeier, die Krippenfiguren, die Krippe. Bethlehem hat diese Bedeutung des Wunders im Unscheinbaren, Stall, Ochs und Esel, ein Kind, und trotzdem etwas ganz Bedeutendes.

Ich variiere hier persönlich - solche Vergleiche gibt es sicher auch in der Mystik - daß jeder Mensch sozusagen die Situation von Bethlehem nachahmen kann: wenn er andere beherbergt, wenn er anderen hilft. Das sind so Assoziationen. Insofern ist dieser Stall nicht nur für Christus, sondern da kommen viele Leute, im Vordergrund steht hier nicht die Einmaligkeit des Jesuskindes, nicht die Einmaligkeit von Christus, sondern es können alle Menschen in die Rolle kommen, daß man ihnen Obdach geben will, helfen will. Dann wird aus Bethlehem so eine Gebäreinrichtung: das ist eine Veränderung des Bildes ins Alltägliche, ins Profane hinein, das wiederholt sich ja.

Wenn man das wörtlich nimmt, ins eigene Leben hinein, daß man für andere Stall bieten kann, als kurze Hilfe für die Not, und die Menschen dann ihr Leben weiterleben, dann ergibt sich das, daß das verschiedene Menschen sind, und dann gibts auch Institutionen, die so ein Gebär-, also ein Hilfsangebot für Menschen in Not haben, die kommen und gehen, denen geholfen wird.

die Furche: Dann könnte man aus dem Text verkürzt formulieren: Sei Stall!?

Moser: In dem Sinn, ja. Natürlich sind wir die Reichen und haben materiell mehr anzubieten als irgendein Stall, aber man kann die Probleme meist nicht für andere lösen, man kann ihnen nicht wirklich etwas abnehmen, was sie erlebt haben, wenn sie zum Beispiel aus dem Krieg schwer traumatisiert kommen, man kann helfen, aber sie müssen mit ihrem Schicksal dann weiterleben. Es der Stall, den man anbieten kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Credo mit Zubehör. Gedichte.

Von Annemarie Moser. merbod Verlag, Wiener Neustadt 1998. 101 Seiten, geb., öS 198,

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