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Religion

Zum Beispiel Jesus

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Wir stellen uns die Frage: Wofür sollen wir uns entscheiden? Dies kann man auch als die Frage verstehen: Wofür brennt unser Herz? .

K ardinal Franz König hat sich einmal gefragt: "Wo sind die Zeiten geblieben, da wir Gott mit der ganzen Sehnsucht unseres Herzens gesucht haben; da wir mit brennendem Herzen nach der Wahrheit gesucht haben, nach einem Leben ohne falsche Kompromisse?“ Wo ist es, das brennende Herz, das Entscheidungen nicht einfach fällt, sondern entschieden in eine Richtung drängt?

Wir stellen uns die Frage: Wofür sollen wir uns entscheiden? Diese Frage kann man auch verstehen als die Frage: Wofür brennt unser Herz? Was bringt unser Herz zum Brennen? Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt hat die Fragen "Was ist uns wirklich wichtig?“, "Worum sorge ich mich?“ in die Mitte seines Denkens gestellt. Es stellt sich im menschlichen Leben die Herausforderung, etwas "mit ganzem Herzen“ anzustreben. Ein Leben ohne brennende Anliegen ist armselig. Nicht von ungefähr hat William Vollmann in seiner Studie über Armut ("Poor People“) die Abgestumpftheit als ein Zeichen von Armut beschrieben - Resignation, innere Leere, Hoffnungslosigkeit. Nicht von ungefähr hat Kardinal Joseph Ratzinger im Dezember 2000 in seiner Ansprache vor Katechetinnen und Katecheten die "Unfähigkeit zur Freude“ als größte Form der Armut beschrieben. Hier haben wir es mit erloschenen Herzen zu tun.

Der berühmteste Ort, an dem die Rede vom brennenden Herzen zu finden ist, ist die Emmausgeschichte im Lukasevangelium. Die Jünger, die Jesus begegnet sind, erkennen: "Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ (Lk 24,32)

Als in Emmaus die Herzen brannten

Wir sehen an dieser schlichten Stelle, dass ein brennendes Herz geschenkt wird, es wird zuteil. Es kann nicht konstruiert oder auf Zuruf entflammt werden; ein menschliches Herz wird durch die Begegnung mit dem Ganzen eines Lebens und durch das Wort zum Brennen gebracht.

Und: Das brennende Herz gibt Lebenskraft und Richtungssinn. Die Jünger sind ja zu Beginn der Geschichte niedergeschlagen und orientierungslos, nun haben sie wieder Mut und Weg.

Wofür entscheiden wir uns? Erster Hinweis in Form einer Rückfrage: Was bringt dein Herz zum Brennen? Diese Frage stellen sich ernsthafte Menschen. Wir können uns für ein Leben entscheiden, das sich der Frage "Worum soll es gehen?“ stellen will. Ich möchte ein solches Leben ein "ernsthaftes Leben“ nennen.

Claude Lanzmann, der französische Filmemacher, hat kürzlich in einem Interview gesagt: "Ich habe ein ernsthaftes Leben geführt.“ Nun, was ist ein ernsthaftes Leben? Es ist ein Leben, in dem Menschen sich selbst, die Menschen, mit denen sie es zu tun haben und das Leben ernst nehmen. Das hat zumindest vier Aspekte - ein Moment des Gewichts (es macht einen Unterschied, wie ich mein Leben lebe); ein Moment der Aufrichtigkeit (Redlichkeit in der Suche nach dem rechten Leben); ein Moment des Ringens (Ringen um das Gute, auch wenn sich Hindernisse in den Weg stellen); ein Moment der Verwundbarkeit (wer das Leben in die Hand nimmt, macht sich angreifbar, macht auch Fehler, kann auch scheitern). Ein ernsthaftes Leben ist ein Leben, das sich selbst als Gabe und Aufgabe ernst nimmt.

Von der "Wunde des Wissens“

Wofür entscheiden wir uns? Zweiter Hinweis also in Form einer Rückfrage: Willst du ein ernsthaftes Leben führen? Nun drittes Element auf dem Weg zu Lebensentscheidungen: die "Wunde des Wissens“. Wir alle kennen die Gerechtigkeitstheorie von John Rawls, die mit einem Gedankenexperiment beginnt (für welche Art von Gesellschaft würden sich Menschen entscheiden, wenn sie am Anfang der Gesellschaftsbildung unter einem "Schleier des Nichtwissens“ zusammenkommen könnten?). Ich möchte die Frage vorschlagen: Für welche Art von Leben würde ich mich entscheiden, wenn ich mein Leben mit einer "Wunde des Wissens“ im Ganzen betrachte? Wissen um abstrakte Endlichkeit ist schmerzhaft, Wissen um tatsächliches Ende ist eine Wunde. Man denke an Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil“, wo er von seinem demenzkranken Vater erzählt. Für welches Leben würde ich mich jetzt entscheiden, wenn ich weiß, dass ich dereinst ein Leben in Verwirrung, Verfall und Verwundbarkeit führen werde? Was würde sich mit Blick auf meine Arroganz, meine Gier ändern?

Wofür entscheiden wir uns? Dritter Hinweis in Form einer Rückfrage: Wie würdest du dich mit Blick auf eine "Wunde des Wissens“ um das Leben als Ganzes, das Ende einschließend, entscheiden? Und hier komme ich zur Entscheidung für Jesus Christus. Das Brennen des Herzens, die Ernsthaftigkeit des Lebens und die Wunde des Wissens können mir Christus schenken. Was ist diese Entscheidung für Christus? Zwei Dinge müssen vorab geklärt sein: Jesus hat sich bereits für uns entschieden; eine Entscheidung für Christus ist stets zweiter Schritt, ist stets Antwort auf einen Ruf. Ein Zweites: Wir Theologen erliegen nicht ungern der Versuchung, von Christus zu sprechen, als sei er ein abwesender Kühlschrank; als sei er ein ferner, träger Gegenstand. Jesus ist aber anwesend, mitten unter uns. Das sollte uns mit Vertrauen und Gottesfurcht erfüllen; und es macht eine Rede von Christus zu einer "second person narrative“, zu einer Rede in der zweiten Person, ausgerichtet auf ein "Du“.

Die Entscheidung für Christus

Die Entscheidung für Christus ist eine wenigstens dreifache: 1. eine Entscheidung für die Nachfolge. Hier können wir mit Blick auf Christus fragen - wie denkt, redet, handelt eine Christin? Wir könnten als Antwort versuchen: Eine Christin denkt "in Gleichnissen“, mit Blick auf Tiefenschichten; eine Christin denkt mit "innerer Aufmerksamkeit“ und eine Christin denkt betend. Eine Christin redet mit Freimut und im Wissen um die Kraft von Worten, für die wir auch Rechenschaft ablegen müssen. Eine Christin handelt konkret und zupackend, mit besonderem Blick auf die beiden Grundhandlungen von Versprechen und Verzeihen. 2. Die Entscheidung für Christus ist eine Entscheidung für die Begegnung mit Christus. Eine Begegnung mit Christus, wie sie sich in den Evangelien darstellt, fördert das Wachstum, verlangt uns eine Entscheidung ab und lässt Jesus nie in Besitz nehmen. Jesus entzieht sich immer wieder neu. 3. Die Entscheidung für Christus ist auch eine Entscheidung für eine Sendung - Entscheidung für einen Lebensauftrag, bei dem wir nicht den eigenen Vorteil maximieren, sondern einen Dienst tun.

Nachfolge, Begegnung und Sendung sind drei Momente der Entscheidung für Christus - mit Brennen, mit Ernsthaftigkeit, mit einer Wunde des Wissens. In diesem Sinne können wir abschließend fragen: Was heißt christlich leben heute? Es heißt dasselbe, was es immer geheißen hat: ein Leben aus Christus zu gestalten. Kardinal König hat von drei Grundelementen gesprochen, die christliches Leben ausmachen: Beten, Fasten, Almosengeben. Beten ist die Klärung des Verhältnisses zu Schöpfer und Schöpfung; Fasten ist ein "sich überwinden Lernen“ und Almosengeben "beginnt beim guten Wort in der eigenen Familie“. Dafür können wir uns immer wieder neu entscheiden.

* Der Autor ist Professor für Ethik und Armutsforscher in Salzburg und London