In Tirol und anderswo - Die Don-Bosco-Schwestern bieten im Schloss Wohlgemutsheim in Baumkirchen/Tirol Auszeiten für spirituell Suchende an. - © Schloss Wohlgemutsheim
Religion

Zwischen Himmel, Erde und digitaler Auszeit

1945 1960 1980 2000 2020

Die Urlaubsgewohnheiten ändern sich. Gefragt sind heute Oasen der Stille und Erholung, um dem Arbeitsalltag zu entfliehen. Kloster oder Ordensgemeinschaften bieten sich dafür mehr denn je an.

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Die Urlaubsgewohnheiten ändern sich. Gefragt sind heute Oasen der Stille und Erholung, um dem Arbeitsalltag zu entfliehen. Kloster oder Ordensgemeinschaften bieten sich dafür mehr denn je an.

Vögel zwitschern. Die ersten Frühlingsblumen duften. Vom letzten Schnee auf den Bergen blinzelt die Sonne herunter. Susanne Sperl sitzt im Garten der Gemeinschaft der Don-Bosco-Schwestern im Schloss Wohlgemutsheim in Baumkirchen in Tirol und genießt die Umgebung. "Für mich als Wienerin ist es hier wie in einem Paradies", strahlt die 53-Jährige. Schon öfters war sie hier - aus verschiedenen Gründen: zu Exerzitien, zu Einkehrtagen, bei einer Wanderwoche oder sogar bei der Familienwoche am Meer. Susanne Sperl ist nicht die Einzige, die heute eine Auszeit in einem Kloster verbringt.

Wellness für Geist und Seele
"Die Freizeitgewohnheiten sind über die Jahre im Großen und Ganzen sehr ähnlich geblieben", erklärt Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeitforschung. Doch viele Erholungssuchende wollen heute ihre Freizeit intensiver erleben. Aus Aktivitäten wie Wandern wurde Bergwandern; aus Radfahren etwa Moutainbiken. Während die einen im Urlaub noch mehr erleben wollen, möchten die anderen dem Stress und der Überforderung in der Arbeitswelt entkommen. Peter Zellmann spricht in diesem Zusammenhang von einer Gegenbewegung der Sinnsuche, die immer mehr in der Bevölkerung erfasst. "Rückzug zu sich selbst, Nachdenken über sich selbst und Zeit nehmen für sich selbst" - das wollen viele erfahren, so der Sozialforscher.
Von den über fünf Millionen Österreichern, die pro Jahr Urlaub machen, verbringen ihn mittlerweile rund zwei Prozent in Klöstern oder Ordensgemeinschaften - und die Zahlen steigen seit über zehn Jahren, beobachtet Peter Zellmann. Zum Vergleich: Rund drei bis vier Prozent fahren jedes Jahr auf Kreuzfahrt. Urlauber werden auch immer spontaner. Annähernd zwei Drittel der Bevölkerung planen heute unter dem Jahr bewusst mehrere Kurzurlaube ein -oft auch hintereinander, so Peter Zellmann. "Es muss nicht immer Wellness in der Therme sein, sondern kann auch Wellness für den Geist sein."
"Bauch in die Sonne strecken und zwei Wochen am Strand liegen" - darum geht es vielen nicht mehr, erzählt Susanne Kraus-Winkler, Spartenobfrau des Fachverbands Hotellerie in der Wirtschaftskammer Österreich. "Natürlich wird es weiterhin Badeurlauber geben." Es geht heute mehr denn je darum, was man vom Urlaub mitnehmen kann. Höher, schneller, weiter sei für viele nicht mehr das Thema, sondern die Sinnstiftung. "Was bringt es mir, wie verändert es meine Sicht auf die Welt, wie verändert es meinen Alltag?" Diese Fragen stellen sich Erholungssuchende heute, ist Susanne Kraus-Winkler überzeugt.

Auf den Gipfeln
Jedes Mal, wenn sie nach Baumgarten kommt, erzählt Susanne Sperl, macht sich in ihr ein angenehmes Gefühl breit. "Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen" - dieser Spruch der Salesianer Don Boscos fällt ihr dabei ein und begleitet sie oft während des Aufenthalts. Seit dem Tod ihres Mannes brauche sie öfters eine Auszeit, erzählt sie. Und in Tirol finde sie diese.
Als ihr Sohn sechs Jahre alt war, sei sie in die Pfarre Stadlau "hineingewachsen", wie sie sagt. Die Salesianer Don Boscos betreuten sie seelsorgerisch. Ein Pater erzählte ihr von einer Bergwoche in Tirol, die von den Salesianerinnen in Baumkirchen veranstaltet werde. Gesagt getan. Wenige Wochen später erwanderten Susanne Sperl mit einer Gruppe und den Schwestern die Berge; feierten in luftiger Höhe heilige Messen. "Das war genau meines: Wandern und Messe feiern mit Gleichgesinnten", erinnert sich die Wienerin.
Für die Mutter Margareta sei es ein "Urlaub mit Mama und Gott", den sie im Kloster Baumkirchen verbringt. Begeistert erzählt die Osttirolerin etwa von den Mutter-Kind-Exerzitien dort, die für sie eine Möglichkeit sind, trotz Kindern eine Auszeit zu erleben. Sie erfahre dabei "spirituelle Impulse" und kann mit Gleichgesinnten ins Gebet kommen und sich austauschen. Die gleichzeitige Kinderbetreuung ermöglicht auch den Kleinen eine wunderbare Zeit mit viel Kreativität und Abenteuern.

"Urlaub mit Mama und Gott"
"Mutter-Kind-Exerzitien sind bei uns ein Angebot für Mamas, die sich eine Auszeit nehmen und dabei ihre Gottesbeziehung stärken wollen", erzählt Schwester Johanna Götsch, die für das "Gast im Kloster"-Projekt in Baumgarten verantwortlich ist. "Wichtig ist, dass die Kinder mit dabei sind und während der Zeiten der Stille, der Impulse und der Begleitgespräche betreut werden." Voriges Jahr verbrachte Susanne Sperl ein langes Wochenende bei den Kapuzinern in Stainach-Irdning im Ennstal. In einer "kleinen Zelle" wohnte sie dort; nur mit Tisch, Bett und Kasten ausgestattet. Doch das störte sie keineswegs, sagt sie. Hier kamen sie und ihre Seele zur Ruhe; tankte sie Kraft fernab der Hektik der Großstadt.
"Zur Zeit sind wir acht Don-Bosco-Schwestern in Baumkirchen", erzählt Schwester Johanna Götsch. Im Vorjahr beherbergten sie rund 2600 Personen im Haus. "Oft verbringen die Gäste auch einige Tage der Stille oder bitten um Begleitung in verschiedenen Lebensabschnitten und manchmal auch in schwierigen Situationen."
"Die Nachfrage nach Angeboten in Klöstern, Ordensgemeinschaften und katholischen Bildungshäusern steigt seit Jahren kontinuierlich", bestätigt Elisabeth Grabner vom Canisuswerk. Dieses betreibt die Website gastimkloster.at. Dort können Erholungssuchende aus 26 Klöstern in vier Ländern wählen. Elisabeth Grabner: "Mit ihrer gelebten Gastfreundschaft bieten diese Einrichtungen die Möglichkeit, innezuhalten und insbesondere in Umbruchs-und Aufbruchssituationen hin zur Tiefe, zu den Quellen der Kraft zu kommen und daraus gestärkt Entscheidungen zu treffen."

Sonne, Meer und Gott
Der Geist des Klosters wirkt nicht nur in Baumkirchen, sondern bis nach Cavallino an der italienischen Adria, wo jedes Jahr Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern eine Woche Urlaub gemeinsam verbringen. 2018 zählten sie insgesamt 115 Teilnehmer. Organisiert wird diese Auszeit auch von den Schwestern in Baumkirchen -und steht heuer unter dem Motto: "Sole, mare e (d)io"(Sonne, Meer, ich und Gott). Susanne Sperl freut sich schon darauf, weil auch die spirituellen Aspekte wie gemeinsame Andachten oder gemeinsames Tanzen oder Singen nicht zu kurz kommen und die Verbundenheit zu Gott stärken. Auch Tagesausflüge in die Umgebung stehen während der Familienwoche am Programm.
Nicht nur aus Italien komme sie jedes Mal gestärkt zurück -auch aus Tirol, verrät Susanne Sperl. "Weil die Zeit in der Gemeinschaft mein Leben erfüllt und ihm einen neuen Schwung gibt."