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"Annähern an das Fremde“

* Das Gespräch führte Susanne Wolf

Manfred Pinterits beschäftigt sich im Wiener Stadtschulrat mit Fragen des interkulturellen Lernens und mit den Maßnahmen für Kinder mit Migrationshintergrund. Er berichtet über Versäumnisse und Chancen an Wiener Schulen.

DIE FURCHE: Österreichweit liegt der Anteil der Volksschüler mit anderen Erstsprachen als Deutsch bei 25 Prozent, in Wien sogar bei 54 Prozent.Wie viele Begleitlehrer stehen an Wiener Schulen für Kinder mit nicht deutscher Muttersprache zur Verfügung?

Manfred Pinterits: Es gibt generelle Verteilungsschlüssel, die für alle Schulen gleich aussehen. Ausschlaggebend sind die Zahl der Kinder, die prozentuelle Verteilung der jeweiligen Sprachen sowie die Ressourcen, die das Ministerium bereitstellt. Eine Schule mit einem hohen Anteil an Kindern mit nicht deutscher Muttersprache hat natürlich mehr Begleitlehrer als eine Schule mit einem niedrigeren Anteil. Für außerordentliche Schüler gelten andere Bestimmungen: Kinder, die noch nicht lange in Österreich sind und der deutschen Unterrichtssprache nicht folgen können, müssen in diesem Zeitraum nicht beurteilt werden.

DIE FURCHE: Hat sich bei der Ausbildung der Lehrer angesichts der steigenden Zahlen an Migrantenkindern etwas geändert?

Pinterits: Bisher leider nicht: An den Pädagogischen Hochschulen wird interkulturelles Lernen nur als Wahlpflichtfach angeboten, die Ausbildung ist in dieser Hinsicht also absolut unzureichend. Der Stadtschulrat bietet Fortbildungen an.

Wie können Lehrer auf die geänderte Situation eingehen?

Pinterits: Gute Lehrer differenzieren in sprachlich und kulturell heterogenen Klassen den Unterricht und gehen so auf jedes Kind individuell ein. Wenn aber Pädagogen so unterrichten wie vor 30 Jahren und nicht auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der einzelnen Kinder eingehen, kann der Unterricht nicht gelingen. Jede Lehrerin und jeder Lehrer sollte sich mit der Frage auseinandersetzen: Wie nähere ich mich dem Fremden?

DIE FURCHE: Wie kann man Eltern die Angst nehmen, dass sich wegen der Migrantenkinder der Unterrichtsfortschritt verlangsamen könnte oder ihre Kinder im Spracherwerb negativ beeinflusst werden könnten?

Pinterits: Unsere Gesellschaft ringt sehr mit der Frage der Migration, nicht nur auf schulischer Ebene. Das zeigt sich eben auch in den Ängsten der Menschen, die sich vor zu vielen "Ausländern“ an ihrer Schule fürchten - wenn die Kinder sich das alleine ausmachen könnten, gäbe es keine Probleme. Diese Sorge zieht sich aber durch alle Kulturen und hat auch mit dem sozialen Hintergrund zu tun. Es dreht sich alles um die Frage: Wie können Menschen zusammenleben?

DIE FURCHE: Was kann in schulischer Hinsicht getan werden, um sich auf die steigende Zahl von Migrantenkindern einzustellen?

Pinterits: Erstens sind strukturelle Veränderungen nötig: Ganztagsschulen sollten verpflichtend eingeführt werden. Weiters müsste unserem differenzierten Schulsystem ein Ende gesetzt werden: Die Alternative wäre ein einheitliches System, das nicht nach sozialen Kriterien aussortiert, sondern für alle Schüler von sechs bis 18 Jahren zur Verfügung steht. Wenn Menschen durch verschiedene Schulformen auseinanderdividiert werden, artikulieren sie sich nach ihren sozialen Möglichkeiten. Jene Länder, die bei der PISA-Studie am besten abschneiden, haben Ganztagsschulen. Ein Schulsystem wie bei uns gibt es nur noch in zwei anderen europäischen Ländern.

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