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"EINS ZU EINS: Sonst ginge es nicht!"

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Die Zahl der schüler im autismus-spektrum steigt. Was braucht es, damit die Inklusion solcher Kinder gelingt? Ein schulbesuch vor dem Welt-autismustag am 2. april.

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Die Zahl der schüler im autismus-spektrum steigt. Was braucht es, damit die Inklusion solcher Kinder gelingt? Ein schulbesuch vor dem Welt-autismustag am 2. april.

Kurz auf einem Sessel sitzen bleiben und sich auf ein Arbeitsblatt konzentrieren: Was für andere Sechsjährige kein großes Kunststück ist, war für Jason ein hartes Stück Arbeit. Noch vor einem halben Jahr ist der Bub mit afrikanischen Wurzeln, der in Wirklichkeit anders heißt, oft unhaltbar durch die Klasse getobt, hat lautstark gequietscht und ist gern auf den Gang hinaus ins Stiegenhaus verschwunden. Dass er schon damals die Schreibschrift beherrschte, konnte wegen seiner Unruhe niemand ahnen. Heute erinnert nur noch ein großes Stoppschild mit Jasons Namen draußen an der Brandschutztür an diese turbulente Zeit. In knapp sieben Monaten ist es gelungen, den Buben trotz seiner schweren Autismus-Spektrum-Störung (ASS) Schritt für Schritt mit dem Schulalltag vertraut zu machen -und seine Klassenkollegen mit ihm.

Bilder, Mappen, Strukturen

Dass das möglich wurde, ist wesentlich Yvonne Ehgartner zu verdanken. Seit Schulbeginn kommt die klinische Psychologin in Ausbildung ein Mal pro Woche in die erste Klasse der Volksschule Neilreichgasse in Wien-Favoriten, um Jason als persönliche Assistentin zur Seite zu stehen. Während die Klassenlehrerin Sylvia Wulz mit den 17 Regelschülern gerade "verliebte Zahlen" mit Quersumme zehn behandelt und Integrationslehrer Thomas Kiessling im Nebenraum mit den drei anderen Integrationskindern arbeitet - darunter ein weiterer Bub mit weniger ausgeprägtem Autismus und zwei Kinder mit Lernschwäche -, ist sie ganz für Jason da: Sie fixiert selbst gemachte Fotos auf seinem Tisch, um ihm den Tagesablauf vor Augen zu führen; sie richtet ihm die "1,2,3"-Mappe her, in der seine Arbeitsaufträge zu finden sind; sie geht mit ihm in den Nebenraum, wenn er sich in die Polster werfen möchte; oder sie schenkt ihm zur Belohnung zehn Minuten für ein Rechenspiel am Computer.

Jeden Donnerstag hilft sie auf diese Weise mit, die nötige Struktur in Jasons Kopf zu bringen und die beiden Lehrkräfte der Klasse zu entlasten; und jeden Dienstag und Mittwoch übernimmt eine andere persönliche Assistentin vom Dachverband Österreichische Autistenhilfe diesen Part. "An diesen Tagen ist es viel leichter", wird Klassenlehrerin Wulz später in einer Pause sagen. "Wenn wir hingegen nur zu zweit sind, müssen wir Arbeiten vorbereiten, die für die anderen Integrations-Kinder auch alleine schaffbar sind, um Jason die nötige Aufmerksamkeit zu widmen." Noch deutlicher wird Eveline Nitschko, die Direktorin der Schule: "Ohne Zusatzressourcen wie persönliche Assistenz und einen zweiten Raum würde es in diesem Fall nicht gehen."

Wieviele autistische Kinder es in Österreich gibt, ist unklar, Schätzungen gehen von einem Prozent der Bevölkerung aus. Allein in Wien rechnet man mit 1400 Betroffenen im schulpflichtigen Alter, wobei nur knapp 400 von ihnen laut Stadtschulrat über eine Diagnose verfügen. Insgesamt steige freilich die Zahl der Diagnostizierten -schon allein auf Grund der wachsenden Sensibilität.

Nicht alle autistischen Kinder brauchen freilich wie Jason eine Eins-zu-Eins-Betreuung - schließlich reicht das Spektrum von leichten autistischen Zügen bis hin zu schwerwiegenden Störungen. Symptomatisch sind jedenfalls ein eingeschränktes Sozialverhalten (durch mangelnde Empathie), sprachliche Auffälligkeiten sowie bestimmte Stereotypien und Tics. "Typisch ist oft ein zwanghaftes Festhalten an bestimmten Ritualen", weiß Martin Felinger vom Dachverband der österreichischen Autistenhilfe. "Deshalb brauchen die Betroffenen klare Strukturen."

Um das zu gewährleisten, stellt die Autistenhilfe in Wien und Niederösterreich rund 100 Assistentinnen und Assistenten zur Verfügung, die Betroffene vom Kindergarten über Schule und Arbeit bis zum Familienbereich eins zu eins unterstützen. Meist sind es -wie Yvonne Ehgartner -Menschen in psychosozialer Ausbildung, die durch ein Grundmodul ausgebildet und durch Supervisionen begleitet werden. Zudem hat der Wiener Stadtschulrat elf Sonderpädagogen als Mentoren eingesetzt, um Schulen und Eltern strukturell zu begleiten.

Im Fall von Jason ist es Angelika Schwanda, die allen beratend zur Seite steht. Die "1,2,3"-Mappe wurde ebenso von ihr angeregt wie das Strukturieren von Tagesabläufen durch Bilder und Piktogramme. Auch eine klare, einfache und ironiefreie Sprache sei bei der Arbeit mit autistischen Kindern zentral, weiß Schwanda. Was diese Kinder darüber hinaus noch brauchen, wird in Wien seit Kurzem in Form verschiedener Unterstützungsstufen definiert: je höher die Stufe, desto mehr zusätzliche Ressourcen -ob in einer Regelschulklasse, einer Integrationsklasse oder einer "Projektklasse" mit nur sechs bis acht Schülern, wie sie an den vier Wiener Zentren für Inklusiv-und Sonderpädagogik angeboten wird. Die Praxis, Kindern auch bei geringen Beeinträchtigungen oder gar nur Migrationshintergrund einen (diskriminierenden) "sonderpädagogischen Förderbedarf" (SPF) zu attestieren, nur um mehr Unterstützung zu erhalten, will man damit hinter sich lassen. Ein SPF wird nur noch dann bescheinigt, "wenn ein Wechsel zum Sonderschullehrplan auch bei bester Unterstützung nicht verhindert werden kann", erklärt Rupert Corazza, Wiener Landesschulinspektor für Inklusion. Schließlich sei Autismus "keine Behinderung, sondern ein anderer Weg, sich die Welt zu erschließen."

Nicht alle werden das so sehen. Die Forderung nach ausreichenden Ressourcen wird die meisten hingegen einen, schließlich ist es vor allem die Angst vor Einsparungen, die Eltern gegen das Aus von Sonderschulen protestieren lässt. Dass Inklusion gerade bei autistischen Kindern einer Sonderbeschulung vorzuziehen ist, steht für Martin Felinger jedenfalls fest: In sonderpädagogischen Einrichtungen seien diese Kinder, insbesondere bei der (milderen) Asperger-Variante mit teilweiser Inselbegabung, "intellektuell komplett unterfordert"; zudem fehle die Möglichkeit, sozial voneinander zu lernen. Wenn es die notwendigen pädagogischen Maßnahmen gebe -etwa zwei Lehrer und eine Assistenz -, könne Inklusion auch in schwierigeren Fällen gut funktionieren, sagt Felinger, der sich anlässlich des Welt-Autismustages neben mehr Assistenz in ganz Österreich auch die staatliche Kostenübernahme bei der Diagnose wünscht.

"Nur einer seiner Tics"

In der Neilreichgasse in Wien-Favoriten glaubt man jedenfalls, den bestmöglichen Weg gefunden zu haben. "Ich war 34 Jahre lang an einem Sonderpädagogischen Zentrum", erzählt Integrationslehrer Thomas Kiessling, "aber hier im Verband mit anderen Kindern ist das Arbeiten viel einfacher." Auch die Regelschulkinder würden profitieren, ergänzt Klassenlehrerin Sylvia Wulz: "Sie gehen unverkrampfter auf diese etwas anderen Kinder zu." Selbst Bevorzugungen seien kein Thema: Dass etwa nur Jason ein Soletti erhält, wenn er beim Umziehen nicht trödelt, regt hier niemanden auf. Nur dass er in fremde Jausenboxen schaut, wenn gerade nichts auf seinem Tagesplan steht, sorgt für leicht verstörte Blicke. "Es ist einer seiner Tics", wird seine Assistentin später lächelnd erklären. Ein Glück für alle, dass es sie gibt.

Nähere Informationen: www.autistenhilfe.at sowie unter www.integration-autismus.at