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Das Märchen vom Baulöwen

1945 1960 1980 2000 2020

Verzaubert von Strauß- und Leh*r-Klängen: Wenn sie nicht gestorben sind, dann tanzen sie auf dem Wiener Opernball auch heute noch ...

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Verzaubert von Strauß- und Leh*r-Klängen: Wenn sie nicht gestorben sind, dann tanzen sie auf dem Wiener Opernball auch heute noch ...

Es war einmal ein Baulöwe mit großen Kulleraugen in seinem Kopf und einer kleinen Baumaus an seiner Seite, der bezahlte der junggebliebenen Filmdiva Sophia Loren 1,2 Millionen ATS, damit sie ihn auf den Wiener Opernball in seine Privatloge begleitet, von wo man eine prächtige Aussicht auf das Ballgetümmel hat und alle sieht, die einen sehen.

Im Preis war schon mitinbegriffen, daß sich die Loren distinguiert in den Schwitzkasten der Medien nehmen läßt. Der Fernsehreporter, ein ehemaliger Kaiser-Franz-Joseph-Darsteller, hat sofort heraußen, daß die Loren auch in die Jahre gekommen eine atemberaubende Frau und viel interessanter als zum Beispiel die Baumaus ist, die ja nie im Angesicht von Marcello Mastroianni ihre Strümpfe von den Beinen gerollt hat. Frau Loren wird viel Entscheidendes und Unwiederbringliches zur aktuellen Opernball-Lage zu sagen haben, denkt er, und so war es dann auch. All inclusive beteuert die Loren, sie sei entzückt vom unvergleichlichen Charme der Veranstaltung, vom Stil, von der Grazie, von der Galanterie. Die Polonaise sei zauberhaft gewesen. Und erst dieser Dreivierteltakt! Diese Dreivierteltaktsseligkeit! So etwas wie den Opernball gebe es sonst auf der ganzen Welt nicht mehr, sagt sie. Und auch der Reporter übt sich in höfischen Manieren: Your dress is a fairytale, signora!, sagt er.

Would you say, that the whole event is a fairytale? Would you say, that Austria itself is a fairytale? She would, was sonst. Ja, Sophia Lorens Ballkleid ist ein Märchen, allerdings ohne Handlung. Ja, der ganze Opernball ist ein Märchen, allerdings eines ohne Handlung. Das ist ein Hauptmerkmal gesellschaftlicher Ereignisse. Ein Märchen ist eine ihrem Umfang nach begrenzte unterhaltsame Erzählung, die von phantastisch-wunderbaren, den Naturgesetzen widersprechenden Gestalten wesentlich geprägt ist (z. B. Präsident, Kanzler, Verteidigungsminister, Außenminister, Innenminister, Waffenindustrieller, Operntenor, Rodelolympiasieger, Gräfin, Graf, Scheich, Sultan, Sozialsprecher, Jedermanndarsteller, Modeschöpfer, Staranwalt, Filmproduzent, Intendant, Sexbombe e. a.).

Die im Märchen sichtbar werdende Weltordnung ist denkbar einfach: Die aus dem totalen Gegensatz der Eigenschaften der auftretenden Personen - schön/häßlich, tapfer/feige, dumm/schlau, gut (z. B. Franz Lehar, Johann Strauß, Marcel Prawy)/böse (Josef Haslinger, Heiner Lauterbach) - erwachsenden Konflikte finden eine glückliche Lösung (Alles Walzer, Donau so blau e. a.), die dem Wunschdenken von Erzähler und Zuhörer entspricht, da sie im Unterschied zu den tatsächlichen Erfahrungen mit der sozialen Umwelt (alles Niederwalzen) das Walten einer ausgleichenden Gerechtigkeit zeigt. Sie heißt Elisabeth Gürtler, und wenn sie nicht gestorben ist ...

Formal kennzeichnet das Märchen ein realistischer, der Alltagssprache angepaßter Stil (wenn Kleider sprechen könnten, würden sie mindestens dasselbe kommunikative Niveau erreichen wie die, die hier in ihnen stecken), der einen bruchlosen Übergang von einer vorstellbaren in eine magische, überwirkliche Welt gewährleistet, und es wäre nicht viel durcheinandergebracht, wenn einmal der Bundeskanzler Dein ist mein ganzes Herz trällert und dafür Placido Domingo feierlich erklärt: Der Opernball ist gut für Österreich, und Österreich ist gut für den Opernball.

Häufig spielt im Märchen die Dreizahl eine bedeutende Rolle, erklärt die Loren dem fassungslosen Reporter, denn jetzt kommt sie erst so richtig in Geberlaune, und vor lauter Manieren wagt der Reporter natürlich nicht, die überraschend aufkommende Didaktik der Diva vor laufender Kamera einzudämmen. So hat der Held häufig drei Aufgaben zu bewältigen, sagt sie, um in den Genuß einer besonderen Vergünstigung zu kommen - zum Beispiel ein Autogramm von Sophia Loren. Diese Aufgaben steigern sich in ihrer Schwierigkeit und erzeugen somit Spannung: 1. Der Held muß sich einen Spazierstock, einen Zylinder und einen Frack ausborgen. 2. Der Held muß sich an der Bar ein paar Frankfurter Luxuswürstel kaufen. 3. Der Held muß sich im VIP-Getümmel eine Heldin besorgen, ihr einen Handrückenkuß versetzen (Influenzagefahr!) und mit ihr in Volkes Masse einen Walzer rammen, ohne daß ihm die Würstel wieder hochkommen. Und wie vor ihr bloß Max Lüthi ("Das Europäische Volksmärchen", 1947) nennt Loren folgende wichtige Merkmale des Märchenstils: 1. Eindimensionalität, d.h., das Realistische und das Magische liegen in einer Ebene, das Magische wird nicht als Einbruch in die reale Welt dargestellt und empfunden: Jeder Idiot, der einen Photoapparat bei sich hat, kann theoretisch Uschi Glas photographieren. Im Grund photographiert hier aber jeder jeden, auf den Photographien sind anschließend hauptsächlich Photoapparate zu sehen.

2. Flächenhaftigkeit, d.h., die auftretenden Personen sind Menschen ohne unverwechselbare Individualität, ohne Innenwelt, ohne differenzierte Umwelt: Der Altbundespräsident begrüßt auf der Promenadentreppe vor laufender Kamera den Automobilrennfahrer und wünscht ihm spontan einen Guten Abend, wofür sich der Automobilrennfahrer geistesgegenwärtig herzlich bedankt und dem Altbundespräsidenten einen Guten Abend wünscht. Die Öffentlichkeit ist sprachlos in den Bann von soviel Flair und Atmosphäre und Prickeln gezogen, und die Traube der Adabeis kommt mit dem Mitschreiben kaum nach. Der Altbundespräsident wortspendet nun außerprotokollarisch, daß er es sich nicht nehmen lassen hat, zwischen zwei Begräbnissen extra zum Opernball anzureisen.

Gerade jetzt in der kalten Jahreszeit ist der Altpräsident voll mit Begräbnisbesuchen und Ballbesuchen ausgelastet, in Stoßzeiten kommt er auf bis zu drei Begräbnisse und bis zu drei Bälle pro Tag und muß also fortwährend die Garderobe wechseln. Da muß selbst er als Diplomat ganz schön aufpassen, daß er nicht einmal versehentlich das Kondolieren und das Jubilieren durcheinanderbringt. Hätte der Altbundespräsident vorher gewußt, wie voll der Pflichtterminkalender eines Altbundespräsidenten ist, wäre er doch gleich lieber Bundespräsident geblieben.

3. Isolation und Allverbundenheit, d.h., die Ereignisträger des Märchens sind isoliert, ohne lebendige Beziehung zu Familie, Volk oder irgendeiner anderen Gemeinschaft. Nach einigen aufmunternden Floskeln für die daheimgebliebenen Mindestrentner und Voyeure, die in ihren kärglichen C&A-Winterschlußverkaufsmodellen biertrinkend vor dem Bildschirm hocken, definiert der aktuelle Bundespräsident den Opernball für sich selbst mit unüberhörbar melancholischem Unterton in erster Linie als Arbeitsnacht. Vor lauter Arbeitsplaudereien und Arbeitskomplimentemachen und Arbeitssekttrinken mit Arbeitskollegen wie dem Arbeitssultan oder dem Arbeitsscheich wird er in seiner Bundespräsidentenmontur mit dem schiefgewickelten Brustverband vermutlich gar nicht zum Arbeitswalzertanzen kommen. Eventuell ein Autogramm von Sophia Loren zwischendurch. Den ganzen Abend lang wird er in seinem Arbeitsfrack in seiner Arbeitsloge zubringen und im Arbeitspurpurplüsch darüber parlieren müssen, wie grauslich es draußen in der Welt zugeht und was Österreich übrigens für ein interessanter Industriestandort wäre.

Seine Arbeitsloge kostet umgerechnet nur einen einzigen Jahreslohn eines Österreichischen Arbeiters oder den linken Unterschenkel von Sophia Loren, woran man sieht, wie effizient er arbeitet (wobei man dem Baulöwen freilich zugutehalten muß, daß es im Grund wenig Sinn hätte, sich vom linken Unterschenkel von Sophia Loren auf den Opernball begleiten zu lassen - da würde man am falschen Platz sparen!), und außerdem zahlt er, der Bundespräsident, die paar Quadratmeter zur Gänze aus der eigenen Tasche! Kein Steuergeld, abgesehen davon, daß sich sein Einkommen natürlich aus Steuergeld rekrutiert.

4. Episoden werden ohne Beziehung aneinandergereiht, ohne daß der Held etwas dazulernt. Der tanzt noch immer, schielt zu Uschi Glas hinüber und schnuppert begehrlich in Richtung Sophia Loren. Aufgrund ihrer Isolation sind Märchenfiguren jedoch jederzeit in der Lage, neue Verbindungen einzugehen oder alte zu lösen. So steht der sichtbaren Isolation die unsichtbare Allverbundenheit gegenüber: Denn nun wünscht der Altbundespräsident dem Sultan einen Guten Abend, der Autorennfahrer dem Operntenor, der Graf der Sexbombe, der Sozialsprecher dem Leharforscher, der Altbürgermeister der Contessa, der Fernsehkommissar dem EU-Kommissar, der Rodelolympiasieger dem Jedermann, der Verteidigungsminister dem Rüstungsindustriellen et cetera ad infinitum.

Schließlich 5. Entwirklichung (Sublimation) und Welthaltigkeit, d.h., die Motive des Märchens sind wirklichkeitsfremd: Angst vor dem Übernatürlichen gibt es nicht - Übernatürlichkeit ist auch nur in Form von auf die Gäste geschütteten Juwelierläden vorhanden -, sexuellen Stoffkernen fehlt jede eigentliche Erotik (die Superstars verschleiern ihre Wechseljahre, und die Polonaisekleider der Debütantinnen müßten schon mit der Gartenschere zerschnitten werden), Mord und Gewalttat werden wie selbstverständlich berichtet (das machen der Innenminister und der Polizeipräsident zwischen den Lehararien). Jedenfalls spiegeln sich im Märchen alle wesentlichen Charakteristika des menschlichen Daseins. Wenn man so in den Ballsaal hineinschaut, schwärmt die Diva, fühlt man sich wie in ein früheres Jahrhundert zurückversetzt. Das große Interesse des Romantikers am Märchen erklärt sich daraus, daß diese Gattung am vollkommensten den romantischen Vorstellungen von Ursprung und Wesen der Dichtung entsprach: Man erkannte im Märchen die schöpferischen Kräfte des Volksgeistes (Einschaltquote!) und sah in der Verquickung des Realen mit dem Irrealen eine bewußte Poetisierung der Welt (ausgezeichnete Seherbewertung).

Die Seher bekommen heute freilich weniger ein Zaubermärchen, Schwankmärchen, Schicksalsmärchen oder Schreckmärchen mit vorrangig didaktischer Funktion, sondern eher ein sogenanntes Neckmärchen zu sehen, das durch absurde Fragespiele meist der Unterhaltung von Kindern dient. Und als die Diva schließlich zur Conclusio ihres opernballbezüglichen Entscheidenden und Unwiederbringlichen angelangt ist und dem nun doch sichtlich mitgenommenen Reporter versichert, yes, of course, it's a fairytale, da steht der arme Wiener Baulöwe mit den Kulleraugen zu einer Wachsfigur verkommen noch immer im Wortspendehintergrund neben seiner eigenen wächsernen Baumaus. Was soll das Gerede? Es soll doch hier um ihn gehen, denkt er, und warum niemand das bemerkt! Nun scheint ihm nach elendslangem Warten aber doch endlich der Augenblick gekommen, den in den 1,2 Millionen ATS mitinbegriffenen Walzertanz mit der Loren vor den Augen der Welt Wirklichkeit werden zu lassen.

Doch just als der Baulöwe seinen wertvollen Gast aus der Loge geleitet und aufs Parkett bittet, kommt aus dem manierlichen Mondängewühl unvermutet ein Kobold dahergepurzelt und zerreißt vor laufender, aber natürlich fassungsloser Kamera Sophia Lorens Märchen im linken Schulterbereich. Da ist sie nun plötzlich, die so lange schmerzlich entbehrte Handlung, die unvergleichliche Brisanz eines richtigen Inhalts, wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht im ganzen Land, daß Sophia Lorens linke Schulter zu sehen ist, und schlagartig schnellt die Einschaltquote auf 7,5 Millionen hinauf. Wollen wir, distinguiert und diplomatisch wie wir sind, kein Täterprofil des Märchenkaputtmachers geben, sondern lieber ein bundesweites Interesse für Materialermüdung mutmaßen.

Obwohl die göttliche Loren, wie wir schon von der Mastroianniade wissen, für solche Fälle auch ein Seidenuntermärchen anhat, sagte sie den Walzertanz kurzfristig ab, verließ, wie tags darauf in der Zeitung zu lesen war, entnervt das gesellschaftliche Ereignis und ließ ihren Baulöwen mit Krokodilstränen in den Kulleraugen zurück. Leider hat die Loren in ihrer Suada aus falsch verstandenem Taktgefühl zu erwähnen vergessen, daß gerade Naturvölkermärchen, die Erzählstoffe schriftloser Kulturen überliefern, häufig tragisch enden.

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