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Eine Frage der Schuld

Einmal mehr überschatten Missbrauchsvorwürfe in Österreich wie weltweit das Bild der katholischen Kirche. Bei allem glaubwürdigen Ringen um Reinigung: Der Institution steht noch eine lange Bußzeit bevor.

Man muss sich nicht an einer Wortwahl wie "Das Horror-Kloster“ beteiligen, wie ein Nachrichtenmagazin neue Missbrauchsberichte aus dem oberösterreichischen Stift Kremsmünster betitelte. Was hier zutage tritt, ist ein weiterer Mosaikstein in jenem düsteren Bild, das die katholische Kirche weltweit abgibt. Dieser Tage veröffentlichte der Vatikan seinen Visitationsbericht zu Irland, in dem den irischen Bischöfen in der Vergangenheit schwerwiegende Mängel beim Umgang mit Missbrauch vorgeworfen wird. Ein ähnliches Ergebnis ergab auch ein großer Kongress zum Thema in Rom, an dem vor wenigen Wochen auch die Spitzen der Kurie teilnahmen.

Und beim jüngsten Mexiko-Besuch des Papstes kamen einmal mehr die Vorfälle rund um den Gründer der "Legionäre Christi“, Marcial Maciel (1920-2008), aufs Tapet, dessen Missbrauchstaten und dessen mehrfache Vaterschaft auch von Rom nicht bestritten werden. Ein dramatischer Zustand, handelt es sich bei den "Legionären“ um den weltweit größten Pool an (konservativem) Priesternachwuchs. Dass Benedikt XVI. in Mexiko das Thema nicht direkt ansprach, hat ihm Kritik von Missbrauchsopfern eingetragen.

Perspektive der Opfer als Priorität

In Wien nahm Kardinal Schönborn zuletzt die Perspektive der Opfer in den Blick und sprach davon, die Kirche sei bereit, sich der Wahrheit zu stellen: ein richtiger Schritt, ebenso wie die von ihm eingesetzte "Klasnic-Kommission“. Dennoch muss die Kirche damit leben, dass ihr viele Opfer bis heute die Beteuerung nicht abnehmen, sie wolle die düstere Vergangenheit aufarbeiten. Auch der Vorwurf, mit der Klasnic-Kommission stehle sich die Kirche aus der Verantwortung, wird weiter erhoben werden.

Was hierzulande wieder hochkocht, zeigt ebenso wie die weltweite Diskussion: Noch immer ist nicht alles offenbar. Das Thema Missbrauch stellt für die katholische Kirche die allergrößte Anfechtung der Zeit dar.

Was aber kann in dieser Lage, in der das Wachsen kirchlichen Problembewusstseins mit der Rasanz der Entwicklungen nicht Schritt zu halten scheint, getan werden?

Das erste, auch das zeigt sich weltweit, bleibt die Priorität der angesprochenen Opferperspektive. Erst wenn die Kirche hier glaubwürdig wird, kann sie künftig wieder als moralische Instanz reüssieren.

Zum zweiten ist die Besinnung auf ureigene Kompetenz anzumahnen: Die Kirche nimmt für sich seit jeher in Anspruch, Expertin für den Umgang mit Schuld zu sein.

Wenn das stimmt, dann geht es zuerst darum, diese Schuld zu benennen und auszuhalten. Dem Bußsakrament, wie es die katholische Kirche kennt, geht dies voraus: Erst dann kann um Vergebung gefleht und Versöhnung begonnen werden.

Genau in den derartigen Prozess einer Reinigung der Seele muss die Kirche eintreten - auch öffentlich nachvollziehbar. Und sie darf die Frage der Schuld nicht nur auf der Ebene des einzelnen abhandeln. Hier liegt die größte Herausforderung der nächsten Zeit: Wie sehr sind auch die Institution und ihre Strukturen in die Pflicht zu nehmen?

Ein schmerzlicher Prozess

Der verstorbene Papst Johannes Paul II. hat in einer seiner Sozialenzykliken - auf diktatorische Systeme gemünzt - den Begriff "Strukturen der Sünde“ verwendet. Will die Kirche glaubwürdig sein, muss sie auch im ureigenen Bereich die Frage nach solchen Strukturen aufwerfen.

Doch noch geistert ein Kirchenbild der "societas perfecta“ herum, einer vollkommenen Gesellschaft, welche nur ob der Unzulänglichkeit der in Schuld verstrickten Menschen nicht erreicht wird. An dieser Sicht zeigt sich einmal mehr, dass die katholische Kirche ihre totalitäre Versuchung (à la: "Die Partei ist gut, nur die einzelnen sind es nicht …“) nicht abgelegt hat.

Ohne eine Überwindung derselben wird es jedoch auch in der Missbrauchs-Thematik keine Lösung geben. Der Prozess dazu wird schmerzlich und langwierig werden. Für die katholische Kirche steht somit eine wirkliche Bußzeit an. Sie wird mit dem diesjährigen Osterfest keineswegs zu Ende sein.

* otto.friedrich@furche.at

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