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Feuilleton

Gegen das Vergessen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Leopold Museum in Wien zeigt Porträts von Kindern und Jugendlichen, die der systematischen Tötung im NS-Regime zum Opfer fielen.

"Und alles Grauen und alle Schuld der Welt stürzte auf diese Kinder ein“: Diese Worten kamen Peter Turrini in den Sinn, als er zum ersten Mal jene Bilder sah, die derzeit im Leopold Museum in Wien ausgestellt sind. Mehr als 60 großformatige Kohleporträts von Kindern und Jugendlichen, die zu Opfern des nationalsozialistischen Terrors wurden, werden in der Schau "Zeichnen gegen das Vergessen“, die mehr Gedenk- als Kunstausstellung ist, gezeigt. Dem in Kärnten lebenden Künstler Manfred Bockelmann, der die Bilder nach Fotos aus der damaligen Zeit angefertigt hat, geht es darum, "zumindest einigen wenigen Namen und Nummern Gesichter zu geben, Menschen aus der Anonymität der Statistik herauszuheben“, wie er es formuliert.

Kinder in Sträflingskleidung

Im Eingangsbereich der Ausstellung hat Bockelmann (übrigens der Bruder von Udo Jürgens) mehrere bis zu sechs Meter hohe Birkenstämme mit verkohlten Spitzen installiert: überdimensioniertes Zeichenmaterial und zugleich sprachliche Assoziation mit einem Ort des Grauens: Auschwitz-Birkenau. In der Ausstellungshalle selbst blicken dem Besucher Kinder und Jugendliche von den Wänden entgegen, denen der Tod in der industriellen Vernichtungsmaschinerie der Nazis bevorstand. Sie wussten nicht um ihr Schicksal, aber der Betrachter weiß es, und dieses Wissen geht einem durch Mark und Bein.

Die Porträtierten sind zwischen zwei und 18 Jahre alt; sie wurden am Wiener Spiegelgrund und in den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau, Hartheim, Theresienstadt und anderen Orten ermordet. Sie fielen von 1941-1945 dem Nazi-Terror zum Opfer, weil sie Juden, Slawen oder "Zigeuner“ waren, weil ihre Eltern Gegner des Regimes waren oder weil sie an körperlichen oder geistigen Gebrechen litten.

Als Vorlagen der Porträts dienen meist erkennungsdienstliche Fotografien der damaligen Behörden (Gestapo, SS, Ärzteschaft), die nach der Deportation der Betroffenen gemacht wurden. Noch handelt es sich bei den Verschleppten um Individuen, die vielleicht wenige Tage zuvor noch einen ganz normalen Alltag lebten, noch sind sie keine geschundenen Kreaturen, von Hunger, Krankheit und Erschöpfung gekennzeichnet, keine bloße Nummer auf einer Todeslis-te. Das Schreckliche steht ihnen erst bevor.

In der Überzahl zeigen die Porträts Kinder mit kahl geschorenen Köpfen und in gestreifter Sträflingskleidung, die zwar äußerlich bereits ihrer Individualität beraubt sind, hinter deren Mienen jedoch noch Menschen mit Biographien zu erkennen sind: Es sind noch immer Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Gymnasiasten, Hauptschüler, Volksschüler. Es gibt auch einige Bilder von jungen Roma und Sinti, die in Sammellagern dazu aufgefordert wurden, sich zum Fototermin zu melden. Sie tragen ihre beste Kleidung, wollen damit guten Eindruck machen. Angst und Unsicherheit sind ihnen ins Gesicht geschrieben; sie haben noch keine Ahnung, was ihnen angetan werden wird.

Zerstörte Zukunft

Im Antlitz jener Kinder, die aufgrund geistiger oder körperlicher Behinderungen sowie psychischer Erkrankungen in medizinischen Einrichtungen ermordet wurden, spiegelt sich hingegen keine Angst. Woher sollten sie auch wissen, dass die Nervenkliniken, in denen man sich bis dahin um sie gekümmert hatte, plötzlich Teil einer Tötungsmaschinerie geworden waren?

Und dann gibt es Bilder nach Fotos aus Familienalben, die Deportierte auf dem Weg ins Konzentrationslager mit sich trugen und die ihnen mit dem Rest ihrer Habseligkeiten abgenommen wurden. Da lachen einem fröhliche Kinder entgegen, Jugendliche, die noch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken dürfen. Eines der ergreifendsten Bilder ist das Porträt der 17-jährigen Ilse Brühl: Wüsste man nicht, dass Bockelmann ein Foto aus den 1940er Jahren als Vorlage verwendete, man könnte das Mädchen für eine Zeitgenossin halten: ein bezauberndes Lächeln, ein Haarschnitt frisch vom Friseur, eine Bluse, die aus einer H&M-Kollektion stammen könnte; es fiele nicht weiter auf, wenn die Kopfhörer eines Smartphones in ihren Ohren steckten. Doch auch sie wurde gnadenlos ermordet. Tiefe Erschütterung über die Grausamkeit des Menschen ist das Einzige, was dem hilflosen Betrachter übrig bleibt.

Zeichnen gegen das Vergessen

Leopold Museum, Wien, bis 2.9.2013

tgl. 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr, Di geschlossen

Das Leopold Museum in Wien zeigt Porträts von Kindern und Jugendlichen, die der systematischen Tötung im NS-Regime zum Opfer fielen.

"Und alles Grauen und alle Schuld der Welt stürzte auf diese Kinder ein“: Diese Worten kamen Peter Turrini in den Sinn, als er zum ersten Mal jene Bilder sah, die derzeit im Leopold Museum in Wien ausgestellt sind. Mehr als 60 großformatige Kohleporträts von Kindern und Jugendlichen, die zu Opfern des nationalsozialistischen Terrors wurden, werden in der Schau "Zeichnen gegen das Vergessen“, die mehr Gedenk- als Kunstausstellung ist, gezeigt. Dem in Kärnten lebenden Künstler Manfred Bockelmann, der die Bilder nach Fotos aus der damaligen Zeit angefertigt hat, geht es darum, "zumindest einigen wenigen Namen und Nummern Gesichter zu geben, Menschen aus der Anonymität der Statistik herauszuheben“, wie er es formuliert.

Kinder in Sträflingskleidung

Im Eingangsbereich der Ausstellung hat Bockelmann (übrigens der Bruder von Udo Jürgens) mehrere bis zu sechs Meter hohe Birkenstämme mit verkohlten Spitzen installiert: überdimensioniertes Zeichenmaterial und zugleich sprachliche Assoziation mit einem Ort des Grauens: Auschwitz-Birkenau. In der Ausstellungshalle selbst blicken dem Besucher Kinder und Jugendliche von den Wänden entgegen, denen der Tod in der industriellen Vernichtungsmaschinerie der Nazis bevorstand. Sie wussten nicht um ihr Schicksal, aber der Betrachter weiß es, und dieses Wissen geht einem durch Mark und Bein.

Die Porträtierten sind zwischen zwei und 18 Jahre alt; sie wurden am Wiener Spiegelgrund und in den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau, Hartheim, Theresienstadt und anderen Orten ermordet. Sie fielen von 1941-1945 dem Nazi-Terror zum Opfer, weil sie Juden, Slawen oder "Zigeuner“ waren, weil ihre Eltern Gegner des Regimes waren oder weil sie an körperlichen oder geistigen Gebrechen litten.

Als Vorlagen der Porträts dienen meist erkennungsdienstliche Fotografien der damaligen Behörden (Gestapo, SS, Ärzteschaft), die nach der Deportation der Betroffenen gemacht wurden. Noch handelt es sich bei den Verschleppten um Individuen, die vielleicht wenige Tage zuvor noch einen ganz normalen Alltag lebten, noch sind sie keine geschundenen Kreaturen, von Hunger, Krankheit und Erschöpfung gekennzeichnet, keine bloße Nummer auf einer Todeslis-te. Das Schreckliche steht ihnen erst bevor.

In der Überzahl zeigen die Porträts Kinder mit kahl geschorenen Köpfen und in gestreifter Sträflingskleidung, die zwar äußerlich bereits ihrer Individualität beraubt sind, hinter deren Mienen jedoch noch Menschen mit Biographien zu erkennen sind: Es sind noch immer Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Gymnasiasten, Hauptschüler, Volksschüler. Es gibt auch einige Bilder von jungen Roma und Sinti, die in Sammellagern dazu aufgefordert wurden, sich zum Fototermin zu melden. Sie tragen ihre beste Kleidung, wollen damit guten Eindruck machen. Angst und Unsicherheit sind ihnen ins Gesicht geschrieben; sie haben noch keine Ahnung, was ihnen angetan werden wird.

Zerstörte Zukunft

Im Antlitz jener Kinder, die aufgrund geistiger oder körperlicher Behinderungen sowie psychischer Erkrankungen in medizinischen Einrichtungen ermordet wurden, spiegelt sich hingegen keine Angst. Woher sollten sie auch wissen, dass die Nervenkliniken, in denen man sich bis dahin um sie gekümmert hatte, plötzlich Teil einer Tötungsmaschinerie geworden waren?

Und dann gibt es Bilder nach Fotos aus Familienalben, die Deportierte auf dem Weg ins Konzentrationslager mit sich trugen und die ihnen mit dem Rest ihrer Habseligkeiten abgenommen wurden. Da lachen einem fröhliche Kinder entgegen, Jugendliche, die noch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken dürfen. Eines der ergreifendsten Bilder ist das Porträt der 17-jährigen Ilse Brühl: Wüsste man nicht, dass Bockelmann ein Foto aus den 1940er Jahren als Vorlage verwendete, man könnte das Mädchen für eine Zeitgenossin halten: ein bezauberndes Lächeln, ein Haarschnitt frisch vom Friseur, eine Bluse, die aus einer H&M-Kollektion stammen könnte; es fiele nicht weiter auf, wenn die Kopfhörer eines Smartphones in ihren Ohren steckten. Doch auch sie wurde gnadenlos ermordet. Tiefe Erschütterung über die Grausamkeit des Menschen ist das Einzige, was dem hilflosen Betrachter übrig bleibt.

Zeichnen gegen das Vergessen

Leopold Museum, Wien, bis 2.9.2013

tgl. 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr, Di geschlossen