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Kreuz und quer mit Hab und Gut durch Europa

1945 1960 1980 2000 2020

Rose Ausländer in einer Biographie ihres literarischen Nachlaßverwalters Helmut Braun.

1945 1960 1980 2000 2020

Rose Ausländer in einer Biographie ihres literarischen Nachlaßverwalters Helmut Braun.

Monate hindurch besucht er die bettlägrige Autorin Rose Ausländer (1901-1988) Freitag für Freitag zur Abendstunde in einem Altenheim der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, um ihre Gedichte zu notieren. Er läßt sie reinschreiben und übergibt sie ihr wieder zur Bearbeitung. Eine enorme Hilfestellung für die Autorin angesichts ihrer arthroseverkrüppelten Hände. Nur unter größten Anstrengungen kritzelt sie Gedächtniskürzel in ihre Notizbücher. Es war im Spätsommer 1975, als seine Verlagsgründung Helmut Braun erstmals in das Nelly-Sachs-Haus führte. Braun initiiert mit der Publikation ihres Werkes die bahnbrechende Rezeption einer bis dahin wenig bekannten Autorin. Nach vier Jahren muß sein Verlag Konkurs anmelden, Rose Ausländer wechselt zu S. Fischer, und Braun wird Herausgeber der achtbändigen Werkausgabe. Und er bekommt allmählich einen weiteren Vertrauensvorschuß: Die Dichterin öffnet ihm nach und nach ihren höchst persönlichen Materialienschatz.

Zweifellos haben wir es also mit jemandem zu tun, der sehr viel über die Autorin weiß. Denn diesem jüngsten Buch "Ich bin fünftausend Jahre jung" - der Titel zitiert übrigens einen Vers aus ihrem Gedicht "Jerusalem" - geht ein jahrelanges Studium von Leben und Werk voran. Dabei wertet Braun die umfangreichen Quellen behutsam und knapp für einen biographischen Abriß aus. Auf nicht einmal 200 Seiten rast er durch eine Lebensgeschichte von 87 Jahren, die er mit Fotos ergänzt und penibel in einen Datenraster schichtet.

Das Ganze erhält so auch dokumentarischen Charakter, ungeachtet dessen, daß ein angenehm sachlicher Ton das ganze Buch durchweht. Braun räumt beherzt mit Fehleinschätzungen auf, auch wenn Rose Ausländer selbst den zum Teil vertrackten Faktenschungel ihres Lebens da und dort verdunkelt hat. Das reale Geburtsjahr hat sie gern verschleiert. Und was zudem noch auffällt: Es gibt hier keine geschwätzige Stoßrichtung. Anhand einschneidender biografischer Wegmarken holt Braun dichterische Entwicklung, nicht schriftstellerische Tätigkeiten, Freundschaften, Rezeption und Einflüsse ins Visier. Etwa die Beschäftigung mit der Philosophie Constantin Brunners oder Begegnungen mit Paul Celan, den sie 1944 kennenlernt. Von seiner Lyrik ist sie sofort begeistert, er zeigt sich eher distanziert. Später in New York ist es die amerikanische Schriftstellerin Marianne Moore, der sie entscheidende Impulse verdankt.

Braun ist ein seriöser Biograph und läßt die Finger von subjektivem Deutungsklimbim. Im Zweifelsfall bleibt es bei Fragen nach möglichen Ursachen. Gestreift wird das Scheitern der Ehe mit Ignaz Ausländer; am Zerwürfnis war nicht nur die Liebe aus heiterem Himmel schuld, als sie dem Graphologen Helios Hecht begegnete. Ihm sollte sie als Mittelsfrau den anonymen Text einer Freundin zur Begutachtung überbringen. Leitmotivartig klingt die emotionale Bindung zur Mutter an, deren Tod sie nur sehr schwer verschmerzt. Mit dieser Zäsur versinkt die Heimat in der Fremde endgültig. Ihre Geburtsstadt Czernowitz, der im Zuge politischer Umwälzungen der Ukraine zugeschlagene Teil der geliebten Bukowina verflüchtigen sich zur leisen Erinnerung an eine glückliche Kindheit. Ein Vielvölkergemisch mit multikulturellen Traditionen. Was bleibt, heißt Sehnsucht. Immer wieder strahlt sie aus Ausländers Texten: "Jene besondere Landschaft. Die besonderen Menschen. Märchen und Mythen lagen in der Luft, man atmete sie ein."

Will man ihr Leben resümieren, so folgt mit dem Ersten Weltkrieg ein Stakkato von Flucht, Rückkehr und Auswanderung. 1939 kehrt Rose Ausländer trotz größter Gefahr aus den USA zurück, um ihre herzkranke Mutter zu pflegen. Ghettoerfahrungen und Überlebensängste lassen Schreiben zur Überlebenshilfe, zu einem Wohnen in "Traumworten" werden: "Unser traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit". 1946 kehrt sie in die USA zurück. Bis zu ihrer Niederlassung in Düsseldorf folgt Rose Ausländer immer wieder ihrem Bedürfnis nach Reisen. Ein Reflex seelischer Unbehaustheit. Wie ein "dahinziehender Wasserbürger" kann sie für sich nur mehr Fremdsein orten. Unterwegs ist sie oft mit ihrem gesamten Hab und Gut. Nach Europa schifft sie sich immerhin mit 18 Gepäckstücken ein.

Lange bleibt ihr der Erfolg versagt, erst spät wird sie gewürdigt und rezipiert. Heute wird sie unter die wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen gereiht. Sie hat Shoa und Exil überlebt und ins "Mutterland Wort" zurückgefunden. Kränkeln, Rast- und Ruhelosigkeit gehörten zu ihr, aber auch der Anker Gegenwart: "Die Vergangenheit/hat mich gedichtet/ich habe/die Zukunft geerbt/Mein Atem heißt/jetzt".

Brauns Buch ist profund. Ein interessantes Werk über eine außergewöhnliche Frau. Und das Ende ihrer Schreibens? Wer könnte besser darüber berichten als Helmut Braun?

Ein bewußter Schlußstrich, er beläßt es bei einem glasklares Wort von ihr selbst: "Es ist genug, es ist mir kein Bedürfnis mehr." Ihr letztes Gedicht: "Gib auf/der Traum/lebt/mein Leben/zu Ende" Ich bin fünftausend Jahre jung. Rose Ausländer - Zu ihrer Biographie Von Helmut Braun. Radius Verlag, Stuttgart 1999. 218 Seiten, geb. öS 277,-/E 20,13

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