"Meine Musik ist Theatermusik“

Péter Eötvös, einer der profiliertesten Vertreter der zeitgenössischen Musik, steht im Mittelpunkt der diesjährigen Ausgabe des Festivals Wien modern.

So rasch kann es gehen. Vorausgesetzt, jemand fasst den Mut und setzt den ersten Schritt. Wie seinerzeit Wiens Generalmusikdirektor Claudio Abbado, indem er 1988 mit gleichgesinnten Freunden, voran dem stets der Moderne höchst aufgeschlossenen langjährigen Pressechef der Wiener Staatsoper, Lothar Knessl, das Festival "Wien modern“ ins Leben rief. Heute kann man sich den Wiener Herbst ohne diese Perspektive, die gleichermaßen Persönlichkeiten wie zeitgenössischen Tendenzen verpflichtet ist, gar nicht mehr vorstellen.

Im Mittelpunkt des kommenden "Wien modern“ - es wird am 24. Oktober vom ORF-RSO Wien im Konzerthaus mit Werken von Sciarrino, Nono und Eötvös eröffnet und vom selben Klangkörper am 15. November im Wiener Musikverein mit Musik von Staud, Deutsch und Eötvös beschlossen - steht der 1944 im ungarischen Székelyudvarhely (dem heutigen rumänischen Odorhei Secuiesc) geborene Dirigent, Hochschullehrer und Komponist Péter Eötvös, der in diesem Rahmen nicht nur mit einigen seiner Orchesteropera, sondern auch einer Uraufführung vertreten ist: "Paradise reloaded (Lilith)“.

Was wäre geschehen, wenn unsere abendländischen Kultur Adams erste Frau Lilith und nicht Eva zur Ahnfrau der Menschheit gewählt hätte? Die Frage steht im Mittelpunkt dieser Oper in 12 Bildern nach einem Text von Peter Ostermeier, die am 25. Oktober durch die Neue Oper Wien unter Walter Kobéra im Museumsquartier uraufgeführt werden wird. Ausgangspunkt für dieses Bühnenwerk ist Eötvös’ 2010 uraufgeführte "Tragödie des Teufels“, in der gleichfalls Lilith im Zentrum des Geschehens steht.

Vater/Sohn-Mozart-Briefe als Leitfaden

"Meine Musik ist Theatermusik“ hat Eötvös Mitte der 1990er Jahre formuliert und damit auf die "szenisch-dramatischen Bezüge“ (Georg Beck) seines Schaffens verwiesen. Selbst seinem einzigen Streichquartett ist das immanent, wenn er als Leitfaden für die Interpreten Teile aus dem Briefwechsel von Vater und Sohn Mozart in der Partitur anführt. Klangliche Plastizität, deutlich erkennbare Strukturen, zuweilen auch die Einbindung von Naturmaterialien sowie eine Vorliebe für Improvisatorisches, Jazz- und Popidiome sind weitere Kennzeichen seines von der Vokalmusik über Bühnenwerke, Orchesterstücke, Kammermusik und Multimedia-Werk reichenden, weit gespannten Œuvres.

Durch seine Mutter, eine Pianistin und Musikpädagogin, ist Eötvös früh mit Musik in Berührung gekommen. Durch sie lernte er das klassisch-romantische Repertoire sowie die durch Bartók und Kodály repräsentierte ungarische Moderne kennen. Kodály nahm den erst 14-Jährigen auch an die Budapester Musikakademie auf, wo er Komposition und Klavier studierte. Die 1960 gemachte Bekanntschaft mit Karlheinz Stockhausens "Gesang der Jünglinge“ erweckte in ihm das bis heute nie mehr nachlassende Interesse an der Avantgarde, was er durch Studien in Köln noch vertiefen konnte. Eötvös nahm bei Wolfgang von der Nahmer Dirigierunterricht, wurde Korrepetitor an der Kölner Oper, Pianist und Perkussionist im Stockhausen-Ensemble sowie Mitarbeiter am elektronischen Studio des Westdeutschen Rundfunks.

Ende der 1970er Jahre begann Eötvös’ internationale Karriere als Dirigent, wesentlich gefördert von Pierre Boulez, dem er 1979 (bis 1991) als Leiter von dessen Ensemble InterContemporain nachfolgte. In der Folge wirkte er als Erster Gastdirigent des BBC Symphony Orchestra, des Budapest Festival Orchestra und des Radio Kamer Orkest Hilversum und eignete sich ein breites Repertoire an, das ihn 2011 auch als Abonnementdirigent zu den Wiener Philharmonikern führte, mit denen er Bartóks Concerto for Orchestra und Friedrich Cerhas Schlagwerkkonzert mit Martin Grubinger aufführte.

Komponisten als Dirigenten

Gastspiele führten ihn zu weiteren bedeutenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Royal Concertgebouw Orkest, dem Cleveland Orchestra oder dem NHK Tokyo sowie in die großen Opernhäuser von Mailand, London, Brüssel, Paris - schließlich machte er, beginnend mit der Tschechow-Vertonung "Die drei Schwestern“, auch als Opernkomponist international von sich reden. 1991 gründete der mit zahlreichen Preisen Ausgezeichnete, der auch Professuren an den Musikhochschulen Karlsruhe und Köln innehatte sowie regelmäßig Meisterklassen und Seminare auf der ganzen Welt leitet, das "Internationale Eötvös Institut“ für junge Dirigenten und Komponisten in Budapest. Am 4. November gibt es Gelegenheit, auch diese Facette von Eötvös näher kennen zu lernen, denn hier stellt er sich im Konzerthaus zusammen mit seinen dirigierenden Komponistenkollegen Beat Furrer und Gerd Kühr dem Thema: "Der Komponist als Dirigent“.

Wien modern

24. Oktober bis 15. November

www.wienmodern.at

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