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My home is my Häusl

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Einfamilienhäuser spiegeln die Werte und Träume der Gesellschaft wieder - und tragen wesentlich zur Verschandelung der Landschaft bei.

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Einfamilienhäuser spiegeln die Werte und Träume der Gesellschaft wieder - und tragen wesentlich zur Verschandelung der Landschaft bei.

Ein Häusl baut man, aufs Häusl geht man." Diese Sprachregelung schlägt der bekannte Architekturtheoretiker Friedrich Achleitner für Österreich vor. Ob das Häusl im Häusl oder das Häusl drumherum: sich vier oder mehr Wände selbst zu bauen ist ein Grundbedürfnis des österreichischen Menschen. Architekten und Raumplaner sind mit dieser "do it yourself"- Mentalität ziemlich unglücklich. Im Häuslbauphänomen sehen sie die Ursache von Verhüttelung, Zersiedelung und Verschandelung der Landschaft. So falsch ist das nicht. Nach österreichischem Raumordnungsgesetz ist der Bürgermeister auch oberste Baubehörde. Diese Personalunion wirkt sich besonders vor Wahlen fatal aus. Auch Freunden und Verwandten läßt sich die Bitte nach Umwidmung von Grün- in Bauland schwer abschlagen. Das bringt aber nicht nur Stimmen, sondern auch Kosten. ein Haus, das 300 Meter außerhalb des Ortsgebietes liegt, verursacht etwa 2,5 Millionen Schilling Erschließungskosten. Ein Fünftel davon trägt der Erbauer, den Rest die Gemeinde. Ganz zu schweigen von Zubringerbussen für landmüde Zusiedlerkinder in die nächste Disco und anderen Notwendigkeiten.

Eine Ausstellung im Architektur Zentrum Wien hat sich unlängst bemüht, das Thema objektiv zu betrachten. Eine Tour zu den Häuslbauern als Objekten der Forschung, eine Radiosendung, eine Sonntagsfahrt ins Herz des Wiener Siedlungswesens, und eine Publikumsveranstaltung zum Thema zeigten nur eines: Objektivität gibt es keine mehr, wenn es um die eigenen vier Wände geht. Träume sind nicht rational diskutierbar.

Verwandelt sich der Stoff, aus dem das Idyll im Einfamilienhaus gewoben ist, in eine reale Baustelle, endet das meist in Selbstausbeutung, Überforderung und Verschuldung. (Der Film "Hinterholz 8", der seit voriger Woche in Österreichs Kinos zu sehen ist, illustriert dies auf kabarettistische Weise. Siehe unten.). Trotzdem wünschen sich 73 Prozent der Österreicher ein Eigenheim, und nur 17 Prozent eine Eigentumswohnung. Mieten möchte nur noch jeder zehnte. Fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung hat sich diesen Traum schon erfüllt. Beinahe neun von zehn Burgenländern leben in den eigenen vier Wänden, und sind damit Spitzenreiter unter den Bewohnern der Bundesländer.

Etwa 1,2 Millionen Österreicher wohnen im Eigenheim. Betrachtet man Zahl und Größe der Häuser, sind sie landschaftsprägend. Seit Kriegsende hat sich ihre Anzahl mehr als vervierfacht, flächenmäßig sind sie gewachsen. Bis zu den sechziger Jahren bauten noch 38 Prozent der Familienväter Häuser mit Nutzflächen unter 90 Quadratmetern, etwa gleichviele hielten sich unter der 130 Quadratmetermarke. In den Jahren 1991 bis 1996 lebt der Häuslbauer auf großem Fuß: Immerhin 48 Prozent errichten sich kleine Paläste, die größer als 130 Quadratmeter sind. Dabei ist beim Bewußtsein, billig zu bauen, der Selbstbetrugsanteil sehr hoch. Durch die Explosion der Grundstückspreise ist das Eigenbauhaus alles andere als billig. Vernachlässigt man die Grundkosten, kommt die Traumkreation immer noch mit Kosten von durchschnittlich 2,2 Millionen Schilling um ein Fünftel teurer als eine Neubauwohnung. Diese ist allerdings deutlich kleiner. Auch pro Quadratmeter gerechnet, steigt der Häuslbauer nur scheinbar billig aus.

Um die Illusion rationellen, wirtschaftlichen Handelns aufrechtzuerhalten, lügen sich die Bauenden ordentlich in die Tasche. Alles, was Familienangehörige oder Nachbarn am Bau leisten, wird nicht verrechnet. Durch diese unbezahlten Arbeitsstunden kommt für die Finanz ein Preis heraus, der jenen der professionellen Baufirmen knapp unterbietet. Besonders stolz ist der Häuslbauer, der ohne Architekt auskommt. Eine Vorgangsweise, die auch gefährlich sein kann.

Nach dem Motto "Kannst dir dein Haus nicht selber zeichen?" wird schon schief angesehen, wer eine Architektenplanung auch nur überlegt. Gängige Praxis ist, den Grundriß eines Fertigteilhauses aus einem Katalog des Fertighaus-Mekka "Blaue Lagune" abzukupfern, und um 5.000 Schilling einreichungsreif zeichnen zu lassen. Dem neuen Häuselbauer stehen ortsansässige Bäcker oder Schneider mit Bauerfahrung durch Rat und Tat zur Seite.

"Wenn man so ein Haus, das der Papa gebaut hat, dann anschaut, kommt man darauf, daß eine Decke auf einer nicht tragenden Wand liegt." sagt Alois Bernsteiner, der vor allem den ländlichen Raum Niederösterreichs und des Burgenlandes bereist, um Bauwillige zu beraten. Bernsteiner bezeichnet manche Eigenbauhäuser als statische Wunderwerke. Viel ändern kann man freilich oft nicht mehr.

Dem durchschnittlichen Psychogramms des Häuslbauers ist nicht so leicht beizukommen. Vom psychopatischen Haustyrannen, der seine Kinder zu Sommerferien am Bau zum zukünftigen Familienglück vergattert bis hin zum geschickten Immobilienspekulanten, der mit der Wertsteigerung von Grund und Haus rechnet, reicht das Bild. Sicher ist eines: das Haus spiegelt die Werte der Gesellschaft genauso wie den Stoff, aus dem Träume sind. Ein gemauertes Haus steht für einen stabilen Lebenswandel, der Familienvater, der seinen Lieben ein Dach für die Zukunft baut, für Verantwortungsbewußtsein. Oft ist leider das Gegenteil wahr: konnte man in der Nachkriegszeit mit billigen Grundstücken, viel Eigenleistung, dem Leben auf dem Land, den Früchten aus dem eigenen Garten, günstigen Krediten und Nachbarschaftshilfe das Eigenheim noch als konstruktiven Beitrag zu billigem Wohnen und einer besseren Dorfgemeinschaft sehen, präsentiert sich das Bild in den neunzigern ganz anders.

Das Einfamilienhaus ist, wie so vieles andere auch, zum Konsumartikel geworden. Ein vom Baumarkt gespeistes Statussymbol, dessen Rentabilität sich nur durch viel Selbstbetrug noch aufrechterhalten läßt. Die meisten Eigenheime stürzen ihre ehrgeizigen Erbauer in das vorprogrammierte Finanzdebakel. Grundstücke sind keine familiären Schenkungen mehr, sondern kostspielig zu erwerben. Außerdem gehen wichtige modische Accesoirs wie schmiedeeiserne Zäune, Wintergärten oder Erker ordentlich ins Geld.

Einzig in Vorarlberg haben es junge Architekten verstanden, mit viel Zeitaufwand und billigen Planungen den Häuselbauern ihre Skepsis zu nehmen. Der Aufwand hat sich gelohnt. Vorarlbergs Landschaft ist zu einem hohen Prozentsatz durch geschmackvolle Einfamilienhäuser bereichert. Heute sieht die Architektenschaft der anderen Bundesländer ratlos, frustriert und ein wenig neidig in den Westen, während etwa Wiens Umgebung allmählich zur Gänze zugebaut wird.

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