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Übersprungsliebenswürdigkeit

Was man in Österreich Charme nennt und feiert: Liebenswürdigkeit auf der Basis der Aussichtslosigkeit.

Es gibt viele große Österreicher. Einer von ihnen war Konrad Lorenz, Vater der Verhaltensforschung und Beschreiber ihrer Phänomene von der Hackordnung übers Revierverhalten bis hin zur Übersprungshandlung, einer Bewegung oder Handlung, die aus einer Konfliktsituation zwischen zwei zuwiderlaufenden Instinkten entsteht. (In manchen Bewegungsabläufen treten gelegentlich fremde Bewegungen scheinbar ohne sinnvollen Bezug zu der gerade gegebenen Situation auf). Eine solche Übersprungshandlung ist das, was man in Österreich Charme nennt und feiert: Liebenswürdigkeit auf der Basis der Aussichtslosigkeit.

Naturgemäß sind nicht alle Österreicher, auch nicht alle großen Österreicher ganz automatisch charmant. "Aufwachen in Österreich heißt, in eine stickige Atmosphäre der Geistfeindlichkeit und Gefühlsrohheit hinein aufwachen, in Stumpfsinn und Niedertracht. Zuschauen müssen, wie das primitive Geschäft seine (Österreichs) Oberfläche zerstört und wie an dem gleichen primitiven Geschäft seiner Machthaber seine Tiefe verfault ist, kann nur Entsetzen sein. (...) Der Österreicher findet sich mit jeder Tatsache ab, oder er geht zu Grunde, wenn er dadurch nicht längst zu Grunde gegangen ist, dass er sich abgefunden hat. Ein Volk von Träumern, Lebensdilettanten, ist leicht in die Irre zu führen und auszunützen", schrieb Thomas Bernhard einmal recht unliebenswürdig (oder sagen wir: mit sprödem Charme) zum Österreichischen Nationalfeiertag als Beitrag für eine Anthologie mit dem Titel "Glückliches Österreich". Der Text wurde jedoch zurückgezogen, weil der (österreichische) Verleger eine Klage befürchtete: Quod erat demonstrandum.

Knallharte Wahrheiten in einem kleinen Land knallhart auszudrücken, kann man sich nur leisten, wenn man eine tödliche Krankheit, einen ausländischen Verleger und außer einer Gummistiefelsammlung und der Mitgliedschaft beim Bauernbund auch nicht mehr viel zu verlieren hat. Gerade in einem kleinen Land gilt: große Literatur - kleine Auflage (Der Umkehrschluss ist nicht automatisch zulässig). Kraftlackelei nur nach Vereinbarung. Ein - noch so sprachgewandter - Kolumnist, der eine Glosse auf der Seite 1 einer auflagenstarken Tageszeitung betreut, wird sich thematisch in der kürzesten Zeit auf kulinarische Phänomene und Wetterkapriolen beschränken - das halt möglichst originell und brisant.

Natürlich kennt er seinen Nestroy: "Der Mensch ist gut. Nur die Leut sind a Gesindel!" Ist halt die Frage, mit wem man es gerade zu tun hat. Wie schnell hat man in einem kleinen Land einen verärgert und vor den Kopf gestoßen, der einen kennt, der einen kennt, die einem alle zusammen bei nächster Gelegenheit die Existenz abschneiden. Auf alle Fälle besteht ganz Österreich aus Abonnenten, die alle unentwegt damit drohen, ihre Abos zu kündigen, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht. Außerdem sind alle Österreicher Mitglieder bei Vereinen und Parteien, die ihnen Gedanken und Meinungen vorstanzen, die ihnen Weltbilder malen, die die Bürger dann nur noch rahmen und ins Wohnzimmer hängen müssen: Es gibt neben den großen auch viele kleine Österreicher.

Eigentlich sollte man ja die Wahrheit sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Aber bevor es dann eine Wahrheit ist, die gegen den Strich geht, nimmt man doch lieber eine Halbwahrheit, eine Binsenweisheit, ein Klischee, das auf den Strich geht. Der Österreicher denkt sich sein Teil und lässt die andern drucken. Eigentlich sollte man ja die Wahrheit sagen, aber die Wahrheit hat leider noch viel kürzere Beine als die Lüge - direkt unansehnlich! Mit denen kommt man nirgendwo hin. Eigentlich sollte man ja die Sau herauslassen. Aber draußen könnte sich die Sau verlaufen und erkälten. Hier herinnen hat sie es warm und ist sicher und geborgen; besser so. Das ist der Nährboden, auf dem das prächtig gedeiht, was man in Österreich Charme nennt. Man wird doch nicht direkt sagen, was man auch indirekt ausdrücken kann. Die Wahrheit ist dem Menschen unzumutbar, und nicht alles, was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen. Basta! Gschamster Diener!

Der Charme, die Übersprungsliebenswürdigkeit, ist Mitglied einer großen Familie, zu der auch der Zynismus (Charme mit Hörnern) gehört, der Sarkasmus (Charme mit Geweih), der Grant (Charme im Krankenstand) oder die Herzlichkeit (enthaupteter Charme). Familienoberhaupt ist und bleibt die Resignation. Charme funktioniert nicht ohne Abgründe und seelische Finsternisse. Er ist die Kunst, Niedriges salonfähig, Unhöfliches höflich, Unangenehmes angenehm und eine noch so schmerzliche Wahrheit so zu sagen, dass sie niemandem weh tut und im Idealfall sogar alle befreit auflachen, obwohl sie noch mitten im Gelächter ganz genau spüren, dass sie eigentlich weinen sollten.

Nicht verwechseln darf man den Charme mit seiner versnobten Stiefschwester, der Galanterie, dieser seifigen, aalglatten Schmierenkomödiantin, die sich in der seichten Kunst gefällt, Höfliches höflich, Angenehmes angenehm und Freundliches überfreundlich zu sagen, um dann und wann noch eine Frau ins Bett zu kriegen, ohne dass sie so recht merkt, wie ihr geschieht, also wortwörtlich eine Hinterfotzigkeit sondergleichen. Der Charme hingegen ist keusch und sucht sein Heil allenfalls in Selbstbefriedigung. Anders als die Galanterie ist der Charme eine Schmeichelei, die nichts mehr im Schilde führt und nichts mehr will außer seine Ruhe, seinen Frieden und vielleicht ein bisschen Schulterklopfen. Er nimmt das unveränderliche Schicksal hin. Die knallharte Wahrheit knallhart, klar, eindeutig und unmissverständlich zu sagen, führt zu nichts und zahlt sich nicht aus. Die Welt ist verloren! Auf zur nächsten Konditorei! Genuss als Übersprungshandlung des Verzweifelten: Und wenn nicht einmal das mehr funktioniert? Dann muss man es noch einmal mit Nestroy halten: "Wenn alle Stricke reißen, häng' ich mich auf!" Auf den Tag genau hundert Jahre nachdem dieser Nestroy starb, erlebte ich den Nachteil, geboren zu werden. Charmant gesagt.

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