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Feuilleton

"Wenn wir lieben, steht alles AUF DER KIPPE"

1945 1960 1980 2000 2020

"Kater", die zweite Kinoarbeit von Händl Klaus, ist ein selten gelungener Liebesfilm mit Lukas Turtur und Philipp Hochmair. Der Regisseur im FURCHE-Gespräch.

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"Kater", die zweite Kinoarbeit von Händl Klaus, ist ein selten gelungener Liebesfilm mit Lukas Turtur und Philipp Hochmair. Der Regisseur im FURCHE-Gespräch.

Als sich Händl Klaus (Bild unten links) zum Interview setzt, holt er einen kleinen Notizblock aus der Tasche und einen Stift. Sofort notiert er sich darauf etwas: "Für ein Opernlibretto mit Arnulf Hermann", sagt er. Den treffe er am Nachmittag. Zuerst aber unterhalten wir uns über Händl Klaus' neuen Film "Kater". Auch dabei wird er immer wieder etwas notieren, oft nicht einmal den Blick auf das Papier lenken und unbeirrt weitersprechen. "Eine Anatomie über Knochenbrüche am Finger" ist es jetzt während seiner Antwort auf die erste Frage:

Die Furche: Ihr Film zeigt die Liebesbeziehung zwischen zwei Männern, einem Hornisten und einem Orchesterdisponenten, die durch ein traumatisches Erlebnis erschüttert wird. Der Orchesteralltag der Männer ist tragende Kulisse. Wir sehen sie bei Proben, Bühnenszenen, Konzerten, Gesprächen über Musik; Mitglieder des RSO Wien und des Klangforums Wien gehören zur Besetzung. Welche Rolle spielt Musik in diesem Film?

Händl Klaus: Durch meine Arbeit als Librettist habe ich sehr viel mit Orchestermusikern zu tun. Ideen kommen ganz ungeplant und mich inspiriert mein Umfeld sehr stark. Ich bin kein Fan von Soundtracks. Ich mag Musik nicht, die manipuliert. Obwohl sie natürlich unterstützend wirken kann, etwa am besten bei David Lynch oder Claire Denis. Für mich ist es wichtig, Musik als Primärquelle einzusetzen, weil sie viel Unsagbares erzählen kann. Die Stücke, die in diesem Film jeweils in den Szenen zu hören sind, erzählen etwas dazu. Es bedeutet etwas, dass man gerade Schubert hört, wenn Stefan Andreas beobachtet. Oder in der Szene im Auto Bach. Musik drückt etwas aus, das immer um die Seele kreist. Sie erlaubt einem, in etwas Verschlossenes einzutreten.

Die Furche: Hätte die Beziehung, die Sie zeigen, auch eine heterosexuelle sein können?

Händl Klaus: Theoretisch ja. Ich dachte anfangs an einen Mann und eine Frau, dann an zwei Frauen, aber letztlich war der Grund, warum ich mich für zwei Männer entschieden habe, dass man in dieser Konstellation keine Vorannahmen über Unterlegenheit und Überlegenheit hat. Das Machtspiel oder der Kampf sind balancierter. Die sozialen Strukturen, die man durch Geschlechterrollen auf eine Beziehung anwendet, fallen hier also weg.

Die Furche: Was war der Impuls für diese Geschichte?

Händl Klaus: Die Idee zum Film kam mir wie ein Blitz, als ich mit meinem Kameramann Gerald Kerkletz einen Tag nach Drehschluss von "März" durch Innsbruck spazierte. Sie war einfach da, aber ich habe sehr lang daran geschrieben, und die Geschichte hat sich über die Jahre verändert. Ich hatte gemerkt, dass ich es mir zu leicht gemacht hatte, zu viel ans Publikum delegiert hatte. Ich musste die Figuren miteinander konfrontieren, so dass sie klar und knapp an einen Abgrund kämen. Das brauchte Zeit. Wenn sie mit Schuld konfrontiert sind, müssen sie sich wirklich damit auseinandersetzen. Jetzt aber arbeiten sie hart daran. Miteinander, gegeneinander, verbal und über Körpersprache, als Paar, aber auch jeder für sich selbst. Das Wichtigste war, diese Kippe herauszuarbeiten: Wenn wir jemanden lieben, steht immer alles auf der Kippe. Genau so wie wir selbst immer auf der Kippe stehen, wenn wir ganz ehrlich sind. Jemanden zu lieben heißt auch, das zu lieben, was dieser andere sein könnte.

DIE FURCHE: Der unvermittelte Gewaltausbruch bringt sowohl Stefan als auch Andreas an den Rand des Zusammenbrechens. Liegt darin eine Idee auch darüber, dass man eventuell dazu neigt, das eigene Glück zu sabotieren?

Händl Klaus: Ja, durchaus. Ich kenne diesen unerklärlichen Drang nach körperlicher Gewalt, dem ich zum Glück noch nie nachgegeben habe. Ich kenne unterschwellige Gewaltgelüste, vor allem gegenüber Menschen, die ich liebe. Für mich ist Liebe tatsächlich auch dann Liebe, wenn es schwierig ist. Liebe zeigt sich in der Schwierigkeit. Wenn alles immer schön ist, will man eine Katastrophe vielleicht herbeiführen. Einem Freund mitten im schönsten Gespräch vielleicht die Kuchengabel ins Auge rammen. Was ich damit meine ist: Die Möglichkeit zur Gewalt ist Teil meiner Natur, unserer Natur. Sie ist ein Überlebenstrieb. Sie verursacht ein Schuldgefühl, sie entstammt vielleicht aber auch einem Schuldgefühl: Sich selbst bestrafen zu wollen für das eigene Glück. Weil man meint, man habe es nicht verdient, zum Beispiel. DIE FURCHE: Gibt es Hoffnung?

Händl Klaus: Ja. Nähe. Mir kommt es so vor, als ob die Menschen immer schwieriger mit echten oder unbekannten Gefühlen umgehen könnten, weil heute sofort alles unverbindlich sein kann. Wir schaffen Parallelidentitäten per Knopfdruck. Und die Kunst wird immer quotenträchtiger, seichter, immer spekulativer. Da frage ich mich: Wo stehe ich denn in dieser Gesellschaft? Oft sagen mir die Leute, was ich mache, sei "versponnen". Aber in Wahrheit bin ich auf der Suche nach größtmöglicher Nähe.

DIE FURCHE: Was wird Ihr nächster Film sein?

Händl Klaus: Eine Adaption der größten Liebesgeschichte der Welt. Aber nicht Romeo und Julia. Seit zwei Jahren schreibe ich am Buch. Wieder ein Liebesfilm. Allein unter Menschen, diesmal zwischen Frau und Mann. Und ganz ohne ein Tier.