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Die Krise holt die Familienpolitik ein

Auf einem für das Leben des Menschen und für das Wohlergehen der Gesellschaft wesentlichen Gebiet klafft eine enorme Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit: auf dem der Anzahl der Kinder. Die Problematik ist dramatisch, wurde erst diese Woche bei einer Konferenz des Europarates in Wien neuerlich debattiert, durch die jüngsten Beschlüsse der Koalition zugunsten der Familien aber noch nicht vollständig gelöst. Männer und Frauen wünschen sich in Österreich zwei Kinder, und exakt 1,5 Kinder wären statistisch pro gebärfähiger Frau nötig, um die Einwohnerzahl zu halten. Doch nur 1,4 Kinder werden, wiederum statistisch betrachtet, pro Frau geboren. Damit ist die Anzahl der Kinder in Österreich, gemessen am Wunsch möglicher Eltern und an den Notwendigkeiten der Gesellschaft, schlicht zu niedrig. Ein beschämender, peinlicher Befund, der so nicht sein müsste, hätte die Politik zeitgerecht und richtig reagiert, ehe jetzt zudem auch die Sozialetats unter Druck kommen.

Von den Erfolgen nichts gelernt

Der Dreh- und Angelpunkt in der Sache ist die Frage der Betreuung kleiner Kinder sowie von Schülerinnen und Schülern. Österreich scheint die Bildungsexplosion unter Frauen und deren Wunsch nach beruflicher Betätigung etwas verschlafen zu haben. Vor die Wahl gestellt, in einem Beruf oder im eigenen Haushalt zu arbeiten, entscheiden sich stets mehr Frauen für den Job. Und damit gegen Kinder, denn beides ist nicht unter einen Hut zu bringen. Erstens weil sich die Herren Väter zu wenig um die Kleinen kümmern, weil der Staat - selbst wenn sich das langsam ändert - keine attraktive Väterkarenz finanzieren wollte. Zweitens weil die öffentliche Hand zwar im internationalen Vergleich viel für die Familien aufwendet, aber offenbar zu wenig für ganztägige Kinderbetreuung. Staaten, in denen pro Kopf mehr Kinder zur Welt kommen als in Österreich, haben mehr Plätze für die Betreuung von Kleinkindern und mehr Plätze in Kindergärten. Und zudem ganztägige Formen. Diese fehlen auch im Schulwesen.

Die Unterrichtszeiten an Volksschulen sind derart wechselhaft bis unberechenbar, dass sich daneben kaum für beide Eltern ein Berufsleben aufbauen lässt. Der Mangel an ganztägigen Schulen macht aus den Kleinen die Schlüsselkinder und aus den Erwachsenen Rabeneltern. Das müsste nicht sein, könnte man Eltern einer Sache vergewissern: Die Familie, nicht der Staat, ist die primäre, die vorrangige Einrichtung, in der Kinder geprägt und erzogen werden. Aber dennoch sollte der Staat mehr an Betreuung anbieten. Die ist an den Schulen aber schon von den Gebäuden her nicht möglich. Ein Versäumnis.

Die Ursachen der Misere des Mangels an Kindern sind bekannt: fehlende Gleichbehandlung der Geschlechter, ein kinderfeindliches öffentliches Klima, ökonomische Probleme der Familien. An diesen Ursachen wäre anzusetzen, denn die Rezepte, die Malaise zu beheben, sind erprobt: Kindergeld, Väterkarenz, Kinderkrippen und Kindergärten. Dafür braucht man dotierte Sozialetats, und die kommen jetzt - ausgerechnet - unter Druck. Bei der Konferenz des Europarates wurde befürchtet, Sozialbudgets könnten als Folge der Krise gekürzt werden. Womit es weniger Nachwuchs gäbe, obwohl doch alle mehr Kinder wollen und der Wohlfahrtsstaat sie braucht. Wir stecken in einem Teufelskreis.

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