Annie Ernaux - © Foto: imago / skata

Annie Ernaux und "Der junge Mann": verkörperte Vergangenheit

19451960198020002020

Im Dezember 2022 erhielt Annie Ernaux den Nobelpreis für Literatur. ­Nun erscheint mit „Der junge Mann“ ein neues Werk der ­Französin über Liebe, Tod und das unerbittliche Rad der Zeit.

19451960198020002020

Im Dezember 2022 erhielt Annie Ernaux den Nobelpreis für Literatur. ­Nun erscheint mit „Der junge Mann“ ein neues Werk der ­Französin über Liebe, Tod und das unerbittliche Rad der Zeit.

Unbeholfen war jene Nacht in den 1990er Jahren, die sie mit einem Studenten verbrachte. Mit diesem Befund eröffnet Annie Ernaux die Erzählung „Le jeune homme“ – und ein nächstes Kapitel ihrer in zahlreiche Bände gesplitteten Memoiren. Die schon vor über zwei Jahrzehnten verfasste, knapp 50-seitige Geschichte jener Liaison ist erst 2022 in Frankreich erschienen. Nun liegt sie unter dem Titel „Der junge Mann“ auch auf Deutsch vor, exzellent übersetzt von Sonja Finck.

„Wenn ich die Dinge nicht aufschreibe, sind sie nicht zu ihrem Ende gekommen, sondern wurden nur erlebt“, stellt die Nobelpreisträgerin als Motto voran. Erst in der Literatur wird der Rohstoff Leben vollendet. Wie schon in ihren bisherigen Büchern erweist sich die Autorin auch diesmal als schonungslose Beobachterin ihrer Mitmenschen und ihrer selbst. Mit dem einleitenden Bekenntnis, „Ich hatte schon oft Sex, um mich zum Schreiben zu zwingen“, wertet sie die Affäre mit dem studentischen Verehrer als strategische Beziehung.

Ganz so einseitig war die Sache freilich nicht. Ihr Liebhaber schenkte ihr Leidenschaft und eine Atempause im Alterungsprozess; sie spendierte ihm Reisen, führte ihn in Literatur, Theater und bürgerliche Sitten ein. Das schien ihr „ein fairer Handel, ein gutes Geschäft, zumal ich diejenige war, die die Regeln bestimmte“. Dies ist als Anspielung auf ein – ebenfalls literarisiertes – Liebesabenteuer mit umgekehrten Vorzeichen zu lesen, auf Ernaux’ obsessive amour fou mit einem jüngeren verheirateten Diplomaten, dessen Willkür und Machtspiele sie in eine fatale Abhängigkeit trieben („Eine vollkommene Leidenschaft“ und „Sich verlieren“).

Die heute 82-jährige Autorin war Mitte fünfzig, als sie ihre Liaison mit dem Studenten begann. Sie hatte damals längst den Aufstieg ins Bürgertum vollzogen, der junge Liebhaber indes war noch tief dem proletarischen Milieu verhaftet, aus dem sie stammte. Seine prekären Lebensumstände und seine Unkenntnis der sogenannten feinen Unterschiede erinnerten sie leidig an die eigene Herkunft: „Bei meinem Mann hatte ich mich als Proletin gefühlt, bei ihm war ich Bildungsbürgerin.“

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau