Konferenz_der_Tiere - © Foto: Armin Barde

„Keine Trägheit des Herzens!“ – im Kabinetttheater

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In Erich Kästners „Konferenz der Tiere" wird die auffallend an die heutige erinnernde Welt in Ordnung gebracht.

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In Erich Kästners „Konferenz der Tiere" wird die auffallend an die heutige erinnernde Welt in Ordnung gebracht.

Das Wiener Kabinetttheater setzt auf Utopien, hier steht der Wunsch nach Weltfrieden ungebrochen an erster Stelle. Ein 11-jähriges Mädchen erzählte Intendantin Julia Reichert von ihrem Lieblingsbuch: „Die Konferenz der Tiere“. Erich Kästner hat es vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verfasst. Der Pazifist richtet sich darin an die Kinder, bei ihnen liegt die Zukunft. Für Julia Reichert Anlass genug, daraus ein Singspiel zu machen, das am Sonntag als kleines Gesamtkunstwerk seine Premiere feierte. Die Künstlerin und H.C.-Artmann-Preisträgerin Gundi Feyrer entwarf Von Walter Dobner Nächstes Jahr, nach drei Dezennien, soll Schluss sein? Man könnte es dem Gründer und Leiter der Neuen Oper Wien, Walter Kobéra, nicht verdenken. Wer will schon fortwährend als Bittsteller vor Subventionsgebern dastehen, dabei nicht selten mit Absagen konfrontiert werden? Dazu – wie ihm geschehen – sich von der öffentlichen Hand schließlich noch anhören müssen, dass man nach langer erfolgreicher Zeit auch aufhören könnte? Aber Hoffnungen soll man nie aufgeben. Vielleicht findet sich ein Weg, diese für die Wiener Musiktheaterlandschaft so wichtige Institution weiterzuführen. Zum einen, weil sie über Innovationen nicht redet, sondern diese mit einer Vielzahl von Ur- und Erstaufführungen seit jeher realisiert. Zum anderen, weil die Neue Oper Wien, egal, wo sie gastiert, stets demonstriert, dass sich auch mit sparsamen Mitteln meist der gewünschte Effekt erzielen lässt. Was nicht bedeutet, dass man mit jeder Novität gleich erfolgreich reüssiert, wie die jüngste Produktion zeigte. 2003 als wichtigste Uraufführung des Jahres gefeiert, vermag Jörg Widmanns „Das Gesicht im Spiegel“ heute nicht mehr ganz so zu überzeugen. Dabei verarbeitet dieses hierzulande erstmals gezeigte, auf sechzehn Abschnitte aufgeteilte Musiktheater ein aktuelles Libretto. In einem fast schon dem finanziellen Untergang geweihten Biotech-Konzern gelingt es, den Klon eines Menschen zu züchten. Aber wehe, dieser zeigt plötzlich Gefühle. Das kann nicht nur eine Ehe ordentlich durcheinanderbringen, wie es dieses von Roland Schimmelpfennig in einen unterschiedlich gelungenen Text gegossene Sujet demonstriert. Auch Widmanns Musik präsentiert sich in manchen dieser Szenen dichter, beredter, psychologisch zwingender, was im Laufe der Aufführung zu unterschiedlichen Spannungskurven führt. Das kann selbst eine so qualitätvolle musikalische Realisierung, wie sie das Amadeus Ensemble Wien, die Damen des Wiener Kammerchors unter Walter Kobéra und die von Roxane Choux und Ana Catarina Caseiro dominierten Solisten im Museumsquartier präsentierten, verbunden mit einer das Geschehen subtil nachzeichnenden Regie die Figurinen und verfasste die Liedtexte. Die Hauptfiguren sind die Tiere, die – absurderweise – Menschlichkeit einfordern. Neben Maus Max, Giraffe Leopoldine und Löwe Alois agieren Elefant Oskar und Eisbär Paul, der nicht weiß, wie ihm geschieht, weil ihn die Scholle nicht mehr tragen will. Das Eis bricht ein, es gibt nichts mehr zu fressen und anstatt auf die (eindeutigen) Zeichen der Natur zu hören, setzen die Regierungen dieser Welt weiter auf Mauern, Grenzen und Krieg. Schwarzhumorig zwitschern die Vögel: „Wir werden die Welt schon in Ordnung bringen! Wir sind ja schließlich keine Menschen!“ Aus Wut über den Zustand der Erde berufen die Tiere eine Konferenz ein, die die Regierungsleute zum Unterzeichnen eines internationalen Friedensvertrags bringen soll, dessen ultimative Forderung „Keine Trägheit des Herzens!“ lautet. Als Kontrapunkt zu den grotesken Figuren und phantasievollen Zeichnungen, die die Vorbereitungsarbeiten zur Konferenz abbilden (Hotels für Zugvögel, Aufenthaltsräume für Krokodile, Optikergeschäfte für Brillenschlangen), setzt die Regie videoprojizierte Kurznachrichten. Thomas Frank – er spielt auch den Erzähler – ist als Fernsehmoderator zu sehen, der nicht begreifen kann, dass die Welt aus den Fugen gerät. Hört man jedoch genau hin, so hat die Wirklichkeit Kästners Überzeichnungen längst eingeholt: Wenn er vom Vernichten von Regierungsakten schreibt, von der Missachtung und miesen Bezahlung der Pädagogen und ungebrochenem Machtwillen, dann weiß man sich längst in der Realität angekommen. In der Musik von Anna Clare Hauf und Markus Kraler, der auch für die Komposition zuständig war, zeigt sich das Singspiel als Feuerwerk der Phantasie. So bedient die Inszenierung nicht nur alle Sinne, sondern auch Altersgruppen, und demonstriert eine leidenschaftliche Haltung für das Lachen und den Frieden.

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