Gebot_1 - © Foto: Daniela Matejschek

Zehn Gebote bei den Sommerspielen Melk: Facettenreicher Dramolett-Reigen

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 60. Jubiläum der Sommerspiele Melk wurden zehn Autorinnen und Autoren eingeladen, sich von den Zehn Geboten zu kurzen Stücken inspirieren zu lassen. Das Ergebnis: ein intensiver Abend in der Wachauarena, der wichtige Fragen aufwirft und dabei niemanden kaltlässt.

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Zum 60. Jubiläum der Sommerspiele Melk wurden zehn Autorinnen und Autoren eingeladen, sich von den Zehn Geboten zu kurzen Stücken inspirieren zu lassen. Das Ergebnis: ein intensiver Abend in der Wachauarena, der wichtige Fragen aufwirft und dabei niemanden kaltlässt.

Was geschieht, wenn man zehn Autoren bittet, zu je einem der Zehn Gebote ein kurzes Theaterstück zu verfassen? Bei den Sommerspielen Melk ging das Experiment in einem Theaterabend auf, der mal bedrückend ist, mal umso befreiter lachen lässt. Da wurden Feridun Zaimoglu und Günter Senkel vom Fremdgötterverbot zu einem Dramolett über das grausame Treiben in einer Irrenanstalt im besetzten Polen 1941 inspiriert, in dem der Oberwachtmeister und seine Schergen sich gottgleich fühlen, wenn sie in Gaslastern oder durch Erschießungen morden – und der Leiter des Lagers schließlich einer Aufmüpfigen kurzerhand die Kehle zudrückt. Selbige schnürt es auch dem Publikum zu, wenn sofort danach wieder über den Heinz-Rühmann-Film, den die Truppenunterhaltungs-Mizzi-Mausi mitgebracht hat, und über das Essen geplaudert wird – als wäre nichts gewesen.

Anfangs verwirrend und dann doch umso eindrücklicher Dimitré Dinevs Dramolett zum Bilderverbot, das vor Augen führt, warum zwei Bettlerinnen lieber nicht vorverurteilt werden sollten. Amüsant Eva Rossmanns Beitrag, in dem ein Tycoon Glück in Dosen verkauft. Dass die Darsteller die Regieanweisungen dazu sprechen und dabei stark überzeichnen, verstärkt die Skurrilität noch mehr. Facettenreich Susanne Felicitas Wolfs Stück: Sie lässt Prototypen von Sonntagsliebhabern und -hassern auftreten. Da beschreibt ein Hippie seine Seelenwanderung, da erzählt eine Mutter eindrücklich, wie sie am Ende ihrer Kräfte ist, weil sie am Sonntag Überstunden macht und doch viel lieber bei ihren Kindern wäre, dort wird eine alte Frau von ihrer Einsamkeit verzehrt.

Beklemmend bis heiter

Das bedrückendste Stück ist Bernhard Aichners „Geregelte Verabschiedung“ zum Elterngebot. Von Ehre für Mutter und Vater ist hier keine Spur, vielmehr steht ein Sohn kurz davor, seine Eltern in den Tod zu schicken. Erst ist man geschockt, dann lernt man: Die Betagten sind selbst schuld, haben sie doch einst ein Gesetz gutgeheißen, das den Tod der Alten fordert, um das Sozialsystem nicht zu belasten. Waren sie beim Fixieren der Regel jung, sind sie nun die Betroffenen. Aichner lässt das Publikum fast schon körperlich spüren, wie die Eltern in die Enge getrieben werden, so sehr bringt er es nach und nach auf die erschreckende Spur – bevor Franzobel vor der Pause die Taten Nicolae Ceausescus in ein Stück zum „Tötungsverbot“ packt.

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