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30 Jahre nach der „Judenerklärung”

Am 28. Oktober 1965 wurde die Konzilserklärung „Nostra Ae-tate” über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, vor allem zum Judentum, verabschiedet. Ein Rückblick verpflichtet uns, in der damals eingeschlagenen neuen Richtung weiterzudenken.

Nie mehr darf also den Juden insgesamt die Schuld an Christi Kreuzestod angelastet werden. Tiefste Ursache dafür ist die Schuld „aller Sünder”. Gott hat sein auserwähltes Volk nie verstoßen, sondern seine Gnadengabe und Berufung bleiben unwiderruflich. Der Neue-Bund hat den Alten (Ersten) Bund nicht abgelöst, sondern er lebt in bleibender Rückbindung an das Judentum. Niemand darf in Katechese oder Predigt etwas lehren, was diesen Erkenntnissen, die aus dem besseren Verständnis der Bibel kommen, widersprechen. Das alles hat das Konzil feierlich bekannt. In der Verkündigung ist es leider noch viel zu wenigen bekannt geworden. Sonst könnte es nicht mehr so viel Unverständnis darüber geben oder gar so beklagenswerte Demonstrationen wie in Judenstein im letzten Sommer.

Das Konzil hat jede Art von Antisemitismus und die Mitschuld daran zutiefst beklagt. Judenverfolgung war in der Geschichte die perfekteste Form von „Fremdenhaß”, allein fußend auf Herkunft und Religion, von sozialer Ächtung, Ausweisung bis zur physischen Vernichtung.

AntiJudaismus ist älter als das Christentum. Durch falsche theologische Schlüsse seitens der Christen hat er aber scheinbar eine religiöse Rechtfertigung gefunden. Erscheint aber Fremdenhaß gegenüber einer Gruppe „legitim”, dann ist es nicht weit, diesen auf andere auszudehnen. AntiJudaismus war daher nicht nur Spitze, sondern auch Ursache für Haßausbrüche gegen „Fremde” verschiedener Art.

Der christlich-jüdische Dialog ist nicht nur eine Frage der Humanität, er gehört zur Reflexion über die eigene Identität der Kirche. In ihm wird deutlich, daß die Wurzeln christlichen Glaubens bis zu den Patriarchen zurückreichen. Am Stehen zu den Juden erweist sich auch, wie ernst den Christen das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe ist. Ein Gebot übrigens, das Juden und Christen gleicherweise verpflichtet.

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