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Historische Pionierarbeit im Alleingang

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Im Zweiten Weltkrieg wurde, wie in jedem Krieg, nicht nur mit Granaten geschossen, sondern auch mit Wörtern. Jeder Historiker weiß, daß das Flugblatt die wichtigste Waffe im Propagandakrieg war. Trotzdem blieb die Erforschung des Flugblattkrieges weitgehend dem deutschen Unternehmer Klaus Kirchner überlassen, der ihr einen großen Teil seiner Lebenszeit und seines Einkommens opferte. Die Ludwig-Maximilians-Universität in München würdigte dieses Lebenswerk kürzlich mit dem ersten von ihr vergebenen Ehrendoktorat der Zeitungswissenschaft.

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Im Zweiten Weltkrieg wurde, wie in jedem Krieg, nicht nur mit Granaten geschossen, sondern auch mit Wörtern. Jeder Historiker weiß, daß das Flugblatt die wichtigste Waffe im Propagandakrieg war. Trotzdem blieb die Erforschung des Flugblattkrieges weitgehend dem deutschen Unternehmer Klaus Kirchner überlassen, der ihr einen großen Teil seiner Lebenszeit und seines Einkommens opferte. Die Ludwig-Maximilians-Universität in München würdigte dieses Lebenswerk kürzlich mit dem ersten von ihr vergebenen Ehrendoktorat der Zeitungswissenschaft.

Flugblätter könnten, sollten, tun es aber noch nicht, eine bedeutende Rolle bei der Erforschung psychischer Vorgänge im Krieg spielen. Was auch der Friedenserhaltung dienen könnte.

In den Vor- und Frühstadien jedes Krieges etwa findet eine Radikalisierung statt, die eine Umkehr in dieser Phase besondes schwer, wenn nicht unmöglich macht. Die Rekonstruktion dieser Radikalisierung kann helfen, die Hoffnung auf dosierte, „stufenweise" angefangene und wieder heruntergespielte Konflikte ad absurdum zu führen. Die sowjetischen Flugblätter der ersten Kriegswochen zeigen, wie Deutsche beeinflußt werden sollen - und wie sich Rußland mit Verzögerung auf den Krieg einstellt.

Flugblätter verraten nicht nur bewußte Kalküle, also welche Mittel man für geeignet hielt, die Menschen auf der Gegenseite zu beeinflussen. Sie sind auch Medium der nur zum Teil bewußten, zu einem bedeutenden Teil unbewußten Selbstdarstellung gegenüber dem Feind.

Erwähnter Klaus Kirchner dokumentiert die Flugblätter im Zweiten Weltkrieg in bislang zwölf schwergewichtigen, reich illustrierten Bänden. Er gründete dafür den Verlag D+C (D 8520 Erlangen, Luitpoldstraße 58). Unter den zuletzt erschienenen Bänden: „Flugblätter aus Deutschland 1941" und „Flugblätter aus der UdSSR Juni -August 1941". Die beiden ergänzen einander eindrucksvoll. Sie führen vor Augen, wie sich derpsychologische Hintergrund der Kriegsführung in den beiden Ländern unterschied.

Die Argumentation der sowjetischen Flugblätter in den ersten Wochen nach dem deutschen Angriff ist rational argumentierend, der Ton geradezu gekränkt, sie betonen die Bündnistreue der Sowjetunion, die den Deutschen keinen Anlaß geboten hat, sie zu überfallen: „Deutsche Soldaten! Sowjetrußland hat die Unabhängigkeit und Unversehrtheit Deutschlands nicht angetastet und tastet sie nicht an. Überlegt euch, wofür vergiesst Ihr Euer Blut?"

Oder: „Deutsche Soldaten! Hitler hat unser Land überfallen. Nachträglich wagt er zu behaupten, die Sowjetregierung habe den Nichtangriffsvertrag nicht erfüllt. Das ist eine unverschämte Lüge. Niemals hat Hitler die Frage der Nichterfüllung des Vertrages vor der Sowjetregierung erhoben; darum nicht, weil die Sowjetregierung ihre Verpflichtungen ehrlich und restlos erfüllte."

Im Lauf des Spätsommers entwik-kelt die sowjetische Propaganda vor allem zwei Argumentationslinien: Die deutschen Verluste und das Geschäft der deutschen Rüstungsindustrie - und die gute Behandlung gefangener Deutscher.

Beide Seiten streuen große Menge von Passierscheinen, die der sich gefangen gebende Gegner vorweisen soll, um sich eine Vorzugsbehandlung zu sichern. Aber die deutschen Passierscheine sprechen bereits eine andere Sprache. Damit Rotarmisten, die deutsche Flugblätter bei sich haben, nicht durch „besonders unmenschliche Kommissare" erschossen werden, sollen sie ab sofort auswendig lernen: „Schlagt den Juden-Kommissar, seine Fresse schreit nach einem Ziegelstein!"

Zwar gilt für beide Seiten, Rote Armee wie Deutsche, daß sie den westlichen Alliierten auch in der psychologischen Kriegsführung professionell unterlegen waren. Andererseits verbindet die westlichen und die sowjetischen Flugblätter, daß ihre zentralen Aussagen alles andere als Erfindungen zu propagandistischen Zwecken waren. Der oft moralisierende, kreuzzugshafte, stets aber empörte Grundton, mit dem Hitlers Untertanen angesprochen wurden, war der Ton der Zeit, entsprach dem Bewußtsein der Zeit und viele Aussagen dieser Flugblätter halten auch einer post-festum-Beurteilung stand.

Vor allem in den ersten Kriegsjahren operierte selbstverständlich die jeweils schwächere Seite mit phantastischen, gegnerischen Verlustzahlen. Gegen Ende des Krieges hatten es Hitlers Gegner nicht mehr nötig, zu übertreiben, suchten aber die Technik der Desinformation zu perfektionieren. In den meisten Fällen brauchten die Autoren der Flugblätter gegen Hitler nur die allgegenwärtige Empörung in klare, wirkungsvolle Worte zu fassen.

Aus diesem Grund wurde der Propagandakrieg im Zweiten Weltkrieg auf alliierter Seite im allgemeinen ehrlicher (ohne Gänsefüßchen) geführt, als im ersten. Die alliierte psychologische Kriegsführung konnte aus einer Position erdrückender psychologischer Überlegenheit operieren. (Freilich zielte trotzdem eine erhebliche Zahl von Flugblättern unter die Gürtellinie.)

Erst das von Klaus Kirchner zusammengetragene Material ermöglicht es, Aussagen über den Flugblattkrieg zu verifizieren oder zu widerlegen. Vorher war das Material zu lük-kenhaft, das Maß, in dem der zugängliche Bestand für repräsentativ gelten konnte, nicht kalkulierbar.

Sätze wie die eines vom britischen Luftmarschall Arthur Harris unterzeichneten Flugblattes beeindrucken noch heute: „Noch nie hat der Mann, der die Bombenangriffe auf ein Land leitet, eine Botschaft an die Bevölkerung dieses Landes gerichtet... Wir in England haben zur Genüge erfahren, was Luftangriffe bedeuten. Zehn Monate hindurch hat uns eure Luftwaffe mit Bomben belegt. Zuerst bei Tage. Als wir das abgestellt hatten, kam sie bei Nacht. Ihr hattet damals eine starke Luftwaffe. Eure Flieger schlugen sich gut. Zweiundneunzig Nächte hintereinander haben sie London gebombt; Coventry, Plymouth, Liverpool und andere britische Städte haben sie schwer angegriffen. Der Schaden, den sie anrichteten, war beträchtlich; 43.000 britische Männer Frauen und Kinder sind dabei ums Leben gekommen; viele historische Bauten, die uns lieb und teuer waren, sind zerstört."

Der Umstand, daß der Flugblattkrieg gegen Hitler keineswegs bloß ein Krieg der Lügen war, sondern zu einem guten Teil psychologischer Krieg mit Argumenten und daß dabei oft sehr wohl aus fundierten moralischen Positionen operiert wurde, macht das Flugblatt im Zweiten Weltkrieg sö besonders faszinierend. Verleiht dem Thema einen weit höheren Rang als den einer Arabeske der Kriegsgeschichte. Qualifiziert das Flugblatt durchaus als Primärquelle zur Geistesgeschichte der NS-Zeitund des Zweiten Weltkrieges.

Ein weiteres Argument für den Rang vieler Flugblätter als geistesgeschichtliche Quelle: Sie sprechen aus, was in der Presse der gegen Deutschland kämpfenden Länder einfach wegen seinerTrivialität nicht in solcher Dichte und Färbung vorkommt, das heißt, weil es eine allgemein akzeptierte Selbstverständlichkeit war. Die Autoren der Flugblätter argumentierten klarerweise „zweckmäßig" im Sinne der alliierten Kriegführung, identifizierten sich aber meist mit dem, was sie taten (viele waren aus Nazideutschland geflohen).

All dies läßt es nahezu unbegreiflich erscheinen, daß die etablierte Forschung das Thema Flugblatt fast völlig links liegen ließ. Die „Flugblattsammlungen" der meisten deutschsprachigen zeitgeschichtlichen Institute, Archive und so weiter sind ungeordnet, die Bestände schlummern in Schachteln und Laden, denen man geflissentlich aus dem Weg geht. Denn die Gefahr blamabler Fehlidentifizierungen und Fehlschlüsse ist groß. Neben dem regierungsamtlichen Flugblattkrieg führten alle möglichen Geheimdienste ihren privaten, eigene Propaganda wurde als Propaganda des Gegners getarnt, Ordnungsnummern und Herkunftsbezeichnungen waren undurchschaubar oder gefälscht.

In britischen und US-Archiven sind Belegstücke regierungsamtlicher Flugblättereinsehbar, soweit sie nicht in Verlust gerieten. Klaus Kirchner trachtet, die Zuschreibung von im Krieg gefundenen Flugblättern soweit wie möglich durch den Nachweis von Archiv-Parallelstücken und umgekehrt abzusichern. Viele Fragen müssen offen bleiben. Gegenstücke abgeworfener Flugblätter finden sich oft in keinem alliierten Archiv mehr, vorbereitete, in den Archiven abgelegte Flugblätter hingegen kamen mitunter gar nicht zum Einsatz. Kurt Jag-schitz vom Wiener Institut für Zeitgeschichte über Kirchner:

„Ich bin der Meinung, daß die Arbeit der Autodidakten, die sich der Sache über ein Thema, ein Interesse, und nicht über die Ausbildung nähern, jedenfalls einen viel höheren Stellenwert in der Kultur und Wissenschaft eines Landes haben, als ihnen eingeräumt wird. Sie haben meist einen sehr intensiven Zugang bis zur Besessenheit, das heißt, daß ihr Arbeitsaufwand in keinem Verhältnis zu dem der beamteten Bewahrersteht, sie investieren viel mehr Arbeitszeit, als jeder von uns kann, und sind hochspezialisiert. Dadurch gehen sie oft Wege, die die etablierte Wissenschaft nicht begehen kann. Ihr Feld ist vor allem Alltagsgeschichte und Alltagsforschung. Flugblätter stellen ein Propagandamittel dar, das wegen der * Schwierigkeit des Zuganges von der Wissenschaft erst sehr spät zur Kenntnis genommen wurde."

Kirchner, der bereits im Krieg mit dem Sammeln begonnen hat, stellte einen großen Teil seiner Sammlungen öffentlichen Bibliotheken zur Verfügung. Dank ihm kann etwa die regierungsamtliche Flugblattpropaganda Englands und der USA anhand fortlaufender Flugblattserien im chronologischen Ablauf studiert werden, und zwar vollständiger als in den lückenhaften Archiven der Herkunftsländer. Selbst der Nachweis von bis zu 90 Prozent einiger sowjetischer Flugblattserien gelang ihm.

Manche Flugblätter waren unsäglich primitiv - andere kleine graphische Meisterwerke. Die meisten wa--i ren Einzelblätter, aber es wurden auch ganze Broschüren abgeworfen. Allein der Jahrgang 1945 der anglo-amerikani-schen Desinformations-Zeitung im Tamgewand der deutschen „Nachrichten für die Truppe" füllt 470Seiten eines 684-Sei-ten-Bandes. Meldung vom 14. April 1945: „Wien ist gefallen", .

Auch fast ein halbes Jahrhundert später kommen noch immer unbekannte Flugblätter zum Vorschein - mitunter Zehntausende Exemplare auf einmal, in hervorragendem Zustand, dicht gepackt in Flugblattbomben und Flugblattgranaten, die als Blindgänger in der Erde oder in Gewässer liegenblieben.

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