Biden und der "Killer" Putin: Vom Gut und Böse in der Politik

1945 1960 1980 2000 2020

Über Suggestivfragen, Diplomatie und Ehrlichkeit in der internationalen Politik.

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Über Suggestivfragen, Diplomatie und Ehrlichkeit in der internationalen Politik.

Von einem Weihnachts-Telefonat 1991 zwischen Kreml-Chef Gorbatschow und US-Präsident Bush sen. war zuletzt in dieser Kolumne die Rede. Das Schluss-Zitat daraus hieß: „Unsere Freundschaft ist stark wie immer – und wird es bleiben, keine Frage!“

Seit einer Woche aber weiß die Welt: Amerikas neuer Präsident hält sein Gegenüber in Moskau für einen „Killer“. Joe Biden war auf eine heimtückische Suggestivfrage hereingefallen – sein zögerndes „Ja“ erwies sich als monströser diplomatischer ­Fehler. Ein „Nein“ hätte zwar der Realität (Giftanschlag auf Nawalny, auf Vater und Tochter Skripal …) und der Stimmung in den USA widersprochen, weltpolitisch aber vieles leichter gemacht.

Die dahinterstehende Frage beschäftigt mich seit Jahrzehnten: Ist die „große“ Politik der etablierten Moral unterworfen – oder spielt sie letztlich in einer ganz eigenen
„Liga“? Ich denke dabei an die tödlichen US-Drohnen über Afghanistan oder Syrien, auch an die Geheimdienst-Anschläge im Orient als Antwort auf all die (echten und vermuteten) Bedrohungen von Menschen und Machtsystemen. Unvergesslich etwa, wie mein sonst so bewunderter jordanischer König Hussein im „Schwarzen September“ (1972) die Palästinenser blutig niederkämpfte, als sie ihn und sein Königreich stürzen wollten. Oder an Omans Sultan Qabus, der die kommunistischen Guerilleros aus dem Jemen mit internationaler Hilfe vernichtete.

Raues Spiel der Mächte

Waren sie deshalb Böse oder Gute – und welcher Maßstab gilt im rauen Spiel der Mächte? Eines ist sicher: Eine ­globalisierte Welt braucht immer beides: das unbeugsame Ringen um Werte, Gerechtigkeit und Menschlichkeit vor allem; aber auch viel Verständnis und Offenheit für andere Kulturen, Sorgen und Prägungen. Fortiter in re, suaviter in modo (stark in der Sache, milde in der Form) hat es ein mittelalterlicher Jesuiten-General genannt. Es ist bis heute die „Magna Charta“ für erfolgreiche Diplomatie.

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