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Zum Stand der Energieforschung in Österreich

Die Situation der Energieforschung in Österreich ist durch stark schwankende und international vergleichsweise bescheidene finanzielle Aufwendungen gekennzeichnet. Die Analysedie-ser Schwankungen legt die Annahme kurzfristiger tagespolitischer Reaktionen auf die Veränderungen des Preisniveaus auf dem Energiemarkt, besonders bei Erdölprodukten, nahe.

Daß die österreichische Energieforschung dennoch auch international sehr beachtete Leistungen erbrachte und erbringt, ist vor allem den intensiven Anstrengungen, der Kreativität und Flexibilität der heimischen Forscher- und Wissenschaftergemeinde zu danken, die auf diesem Gebiet tätig ist. Nur so war es möglich, neue Technologien und nicht-technologische Erkenntnisse der Energieforschung recht erfolgreich in die Praxis umzusetzen und damit einen Beitrag zur Erreichung der erklärten Ziele der Energieforschung zu leisten, nämlich:

* Energieeinsparung und effiziente Energienutzung, vor allem in Industrie und Gewerbe durch Verfahrensoptimierungen, Wärmedämmung, verbesserte Regelungstechnik, etc.

* Steigerung des Marktanteils erneuerbarer, vor allem biogener Energieträger

* Entwicklung eines Marktes für Wärmepumpen und Solaranlagen,

* Weiterentwicklung von Technologien, die bereits zur Marktreife bzw. Anwendungsreife gediehen sind, durch Pilot- und Demonstrationsanlagen, z. B. für Biodiesel, umweltfreundliche Verbrennungstech niken für biogene Energieträger, (solare) Niedrigerjergiehäuser, Photovoltaik, neue Batteriesysteme, etc.,

* Unterstützung des Aufbaus einer Energieberatungsinfrastruktur in Österreich.

Von der Grundlagenforschung bis zur Markteinführung

Wissenschaft und Forschung können sich im Bereich alternativer Energiesysteme heute nicht mehr auf die Erarbeitung von Grundlagenwissen beschränken, sondern sind aufgerufen, an der Entwicklung technologischer Verfahren ebenso mitzuwirken wie an der Formulierung von Strategien zur Markteinführung und zur Akzeptanz neuer, umweltschonender Formen der Energiegewinnung und -anwendung.

Das Wissenschaftsministerium trägt dieser Erkenntnis bei der Vergabe von Forschungsaufträgen Rechnung, indem nicht nur im engeren Sinn (natur)wissenschaftliche Projekte gefördert, sondern auch Studien über die Wirtschaftlichkeit oder soziale Akzeptanz neuer Energietechniken -zum Teil in Zusammenarbeit mit anderen Ressorts - in Auftrag gegeben werden. Als Beispiele aus der letzten Zeit seien die Expertisen "Kleine netzgekoppelte Photovoltaikanlagen" und "Elek-tro-Straßenfahrzeuge - Solarmobile" genannt, mit denen der vor wenigen Tagen offiziell gestartete "Breitentest Photovoltaik" wissenschaftlich vorbereitet wurde.

Ohne die Wirtschaft geht nichts

Die Markteinführung und Verbreitung umweltschonender Energietechniken bliebe ohne die Zusammenarbeit mit technologisch innovativen Industriefirmen ein frommer Wunsch. Sowohl im Bereich der Solarenergie als auch bei der Energiegewinnung auf Biomassebasis, wird deshalb bei der Planung wie bei der Durchführung von Pilotprojekten von Anfang an eng mit den potentiellen Herstellern bzw. mit der Energiewirtschaft (z.B. der jeweiligen Landes-Elektrizitätsgesell-schaft) kooperiert. Die Bereitschaft der Industrie zu solchen Gemeinschaftsprojekten steigt in dem Ausmaß, in dem sich herausstellt, daß Investitionen in alternative Energiesysteme nicht zuletzt wegen des sich immer deutlicher abzeichnenden Um-denkens in Umweltfragen und strengerer gesetzlicher Rahmenbedingungen durchaus reelle marktwirtschaftliche Chancen haben. Diese werden durch den allmählichen Übergang von nachsorgenden ("end of pipe") Technologien zu vorsorgenden Vermeidungsstrategien und -techniken nach dem Motto "lieber Vorsorgen als sanieren"zusätzlich erhöht.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte

Die vom Wissenschaftsministerium geförderte Energieforschung ist derzeit vor allem in den drei folgenden Schwerpunktbereichen tätig:

* Energieeinsparung und effiziente Energienutzung,

* erneuerbare Energieträger und

* Beurteilung von und Auseinandersetzung mit neuen Energiesystemen (z. B. Wasserstofftechnologie).

Derzeit laufen eine Reihe konkreter, in der oben beschriebenen Art und Weise initiierter Projekte: in Aigen-Schlägl in Oberösterreich wird in Kooperation mit der Landeselektrizitätsgesellschaft und einer Erzeugerfirma eine Anlage für Kraft-Wärme-Kopplung auf Biomassebasis erprobt. Der erwähnte "Breitentest Photovoltaik" ist ein auf fünf Jahre angelegter Großversuch bzw. eine Förderaktion mit dem Ziel, die Wirtschaftlichkeit sowie technologische Aspekte der Solarenergienutzung im Rahmen der sogenannten "200-Dächer-Aktion" bzw. eines Tests mit Solarfahrzeugen zu untersuchen. Dabei kooperieren das Wirtschaftsministerium, einige Bundesländer, die Elektrizitätswirtschaft, der Fachverband der Elektroindustrie und das Wissenschaftsministerium, das für die begleitende Forschung und Datenauswertung verantwortlich zeichnet.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt betrifft biogen betriebene Motoren -Stichwort Biodiesel -, bei dem nach Jahren intensiver Forschungsarbeit nunmehr Entwicklungsprojekte von Firmen im Vordergrund stehen! Die Untersuchung ökonomischer und ökologischer Auswirkungen alternativer Antriebssysteme bleibt weiterhin ein Hauptanliegen der staatlich geförderten Forschung.

Kein Grund zur Selbstzufriedenheit

Trotz guter Erfolge und weiter steigender Aufwendungen für diesen Forschungsbereich bleibt die unbefriedigende Tatsache weiter bestehen, daß Forschungsergebnisse zu langsam bzw. nicht in wünschenswertem Umfang in die Praxis umgesetzt werden. Für die Forschung, vor allem aber für die Energiepolitik ist hier in nächster Zeit noch viel zu tun. Generell gilt es, den derzeit vorherrschenden Trend zu punktuellen, auf Einzelsymptome gerichteten Problemlösungen zu überwinden und zu höhergra-dig vernetzten Strategien im Sinne eines "sustainable development" zu kommen.

Dipl.-Ing. Michael Paula ist Leiter des Referates Umwelttechnik, Dr. Wolfgang Fingernagel Leiter der Presseabteilung im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung.

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