Führe uns nicht in Versuchung

"Doch was der Papst versucht, gründet in einer sehr genauen Wahrnehmung dafür, dass auch Texte ihre Zeit haben und neu gelesen werden müssen, sollen sie nicht in die Bedeutungslosigkeit fallen."

Vorletzte Bitte

Was im deutschen Vaterunser "Und führe uns nicht in Versuchung" heißt, wird seit Kurzem von französischsprachigen Katholiken als: "Ne nous laisse pas entrer dans la tentation" ("Lass uns nicht in Versuchung geraten") gebetet. Papst Franziskus lobte diese Neuübersetzung.

Das Vaterunser ist ein christliches Grundgebet, das es von Anfang an gab. Seit 2000 Jahren wird es gesprochen. Jesus hatte es seine Jünger gelehrt, und so findet sich der Text des Vaterunsers in den Evangelien des Matthäus und des Lukas genauso wie in der Didache, einer judenchristlichen Schrift, die zeitlich noch vor den beiden Evangelien liegt.

Das Vaterunser ist eine interessante Komposition. Sieben Bitten spricht es aus und erinnert formal an das Schöpfungsgedicht in Gen 1,1-2,3a. Auch dort gibt die Siebenzahl dem Text seine Form. Und weil beide Texte im Judentum entstanden sind, hat diese Entsprechung einen tiefen Grund. Wie die sechs Schöpfungstage im siebten, dem Schabbat, geheiligt und vollendet werden, so werden auch die sechs Bitten in der siebten gebündelt und vollendet: Erlöse uns von dem Bösen. Auf göttliche Ruhe und Frieden zielen beide Texte.

Was sie unterscheidet, sind zwei Motive. Erstens ist es ihr unterschiedlicher Zeitbezug. Das Schöpfungsgedicht bedenkt den Anfang von allem, das Vaterunser das Ende von allem. Damit ist der zweite Unterschied schon angedeutet: Das Schöpfungsgedicht besingt den Schöpfer und den Schabbat; das Vaterunser ist ein Gebet, das in der messianischen Zuspitzung der Zeit gebetet wird, also in den letzten Fristen. Deshalb setzte das Evangelium des Matthäus das Gebet mitten in die Bergpredigt (Mt 6,9-13), die von nichts anderem als von einem Ethos spricht, das in den letzten Tagen gefordert ist. Denn der Messias steht nicht in der Mitte der Zeit, ist nicht ihre Höhe, sondern er ist der Künder des Zeitenendes, weil das Gottesreich unmittelbar bevorsteht.

In diesem Geist ist das Vaterunser zu hören und irritiert so wie die Bergpredigt mit ihren Forderungen, schon jeden Ansatz der Versuchung auszumerzen durch drastische Maßnahmen und, wenn notwendig, das Auge auszureißen oder die Hand abzuschlagen (Mt 5,29f.). Versuchung hat auch in der vorletzten Bitte des Vaterunsers eine große Bedeutung: Führe uns nicht in Versuchung. Das ist aber sehr sperrig. Gott -ein Versucher?

"Führe uns an der Versuchung vorbei"

Versuche an Umgehungen gibt es. So fasst Klaus Berger in seiner Übersetzung des Vaterunsers der Didache diese Bitte so: Führe uns an der Versuchung vorbei. Das klingt verständlich, steht jedoch nicht so im griechischen Text. Papst Franziskus wiederum denkt dabei an den Teufel, der verführt; der Journalist und Theologe Bert Rebhandl schrieb dazu am 23.12.2017 im Standard: "Papst Franziskus hätte gern etwas getan, was bei einer Zeitung mit fast jedem Text geschieht: Er wollte den Evangelisten Lukas redigieren."

Damit wird der Papst sanft von einer Seite kritisiert, die ihm wohlwollend gegenübersteht. Weniger wohlwollende oder (halb)theologische Begriffsakrobaten unterstellen ihm zumindest Einfalt, wenn nicht dogmatische Unsauberkeit. Doch was der Papst versucht, gründet in einer sehr genauen Wahrnehmung dafür, dass auch Texte ihre Zeit haben und neu gelesen werden müssen, sollen sie nicht in die Bedeutungslosigkeit fallen. Europäisches Christentum ist weithin leer und lächerlich geworden, weil es teils uralte Phrasen wiederholt, die niemand braucht und die keine sinnvolle Antwort geben.

Ist es nicht auch so mit dieser seltsamen Bitte, Gott führe uns nicht in Versuchung? Ja, dem ist so. Dem ist deshalb so, weil das heutige europäische Christentum überhaupt keine Ahnung mehr vom messianischen Geist des Vaterunsers hat. Was heißt es denn, Gott soll uns nicht in Versuchung führen, in einem langweilig dahinplätschernden Leben, das auf Wohlstand, ökonomische und technologische Vorteile abgestellt ist und einen Gott will, der das alles geschenkt haben soll? Der Papst erinnert an die Kollateralschäden dieser Haltung, die gottlos ist, weil sie Millionen von Menschen zerstört. Angesichts dieser Vernichtungen sind sprachliche Spitzfindigkeiten nicht nur sekundär, sie sind gefährlich, unmenschlich und gottlos.

Wer über den eigenen Wohlstandsrand hinausblickt, beginnt in dieser Bitte plötzlich Jesu feurig messianischen Ton zu vernehmen, seine Schärfe, seine Pointe: Führe uns nicht in Versuchung -das heißt: Erspare uns jetzt Erprobungen, an Dir, Gott, irre zu werden, weil unsere Erfahrungen in Deiner so zweideutigen Schöpfung gegen Dich sprechen. Das ist der Kern dieser Bitte, die Gott als Subjekt und Adressaten hat und genau das will, was Jesus unbedingt wollte und als Messias ebenso unbedingt bezeugte: dass Gott Herr der Zeit ist, sein Reich kommen muss, wenn er Gott ist (zweite Vaterunser-Bitte), und er daher seine Schöpfung auch von allem Bösen erlösen muss (letzte Bitte). Ohne die letzte Bitte ist die vorletzte, uns die Versuchung zu ersparen, sinnlos, sind aber auch alle anderen Bitten haltlos -so wie der Schabbat im Schöpfungsgedicht den sechs vorausliegenden Schöpfungstagen ihr Zentrum schenkt.

Messianischen Geist aus Vaterunser bewahren

Täglich gibt es Tausende von Anlässen, der Versuchung zu erliegen, an Gott irre zu werden. Man kann gegen sie zweifach angehen: entweder durch Ignoranz, also durch eine Art religiöser und säkularer Blindheit und Narkotisierung, die sich oft unter dem Titel von Mystik und Spiritualität herumtreibt und gegen das immunisiert, was sich in die eigenen Guckkastenkonzepte nicht einpassen lässt -oder durch ein messianisch gestimmtes Beten des Vatersunsers, unruhig, zuspitzend, von Gott fordernd, endlich sich als Gott zu zeigen, erlösend, rettend, jetzt, in der Stunde.

Und in der verstörenden Zwischenzeit? Da gilt es, so viel messianischen Geist aus dem Vaterunser betend zu bewahren, dass die Menschen an den Zeug(inn)en des Messias nicht irrewerden, indem sie, anstatt selbst zu handeln, um ein paar antiquierte Formeln herumstreiten. Längst schon sind solche Begriffsklauber, die gegen einen Papst angehen, der christlichen Glauben als entschiedene Lebensweise betont, zur Versuchung geworden, an der zeitbezogenen Botschaft des Christentums irre zu werden, weil die Lebendigkeit messianischen Betens begraben wird durch museales Gerede, das Recht haben will. Doch Recht hat in Wahrheit, wer wie Jesus das Vaterunser betet und hört, welche Stunde schlägt -nicht vorgestern, sondern heute.

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