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Gottesbild entstellt?

Kurz nach dem Start von Mel Gibsons "Passion" luden Furche, Katholische Aktion, Evangelische Akademie und Christl.-jüd. Koordinierungsausschuss ins Wiener Albert-Schweitzer-Haus: richard ames (jüdischer Kantor, Vizepräs. des Koord.-Ausschusses), michael bünker (evang. Oberkirchenrat), birgit flos (Filmhistorikerin), helmut krätzl (Wiener Weihbischof), claus philipp ("Der Standard") und ein engagiertes Publikum diskutierten unter der Leitung von hubert feichtlbauer. Auszüge aus der Debatte.

Claus Philipp: Der Film rechtfertigt keinen der Superlative, der im Vorfeld bemüht wurde. Er ist für die Kategorie des Actionfilmes, an dem er sich orientiert, flau gemacht und eigentlich vor allem im Bereich des Tons, der offenkundig das Stummfilmelement, das der Film sehr stark hat, abfedern sollte, am aufwendigsten gemacht. Ich habe mit der Zeit ziemliche Aggression in mir aufsteigen gespürt, was mich an einen Kritiker des New Yorker erinnert, der meinte, über Antisemitismus in diesem Film könne man lang diskutieren; aber wenn es sich hier um einen Film handelt, der Glauben vermitteln soll, gehe man mit einer Portion Hass und Aggression aus dem Film heraus. Dieses Gefühl konnte ich teilen.

Bischof Helmut Krätzl: Mel Gibson will, so ist zu hören, mit dem Film die Menschen näher zum Glauben bringen. Ich fürchte, das Gegenteil passiert. Drei Beispiele :

1.) Durch den Film ist man in Versuchung, wieder in den alten Fehler zu verfallen, an einen blutrünstigen Gott zu glauben, der wegen der vielen Sünden das größte Opfer überhaupt braucht: seinen Sohn. Daher muss so viel Blut fließen. So hat man das Gefühl: Kann Gott nicht anders besänftigt werden, nicht anders erlösen als durch ein furchtbares Zulassen oder gar Wünschen dieses Blutopfers?

2.) ist Christus in einer sehr verkürzten Weise dargestellt. Er ist ja keineswegs nur der Leidende, sondern auch der Auferweckte. Ganz am Schluss, wenn man von dem, was man erlebt hat, noch geschockt ist, kommt eine ganz kurze, biblisch gar nicht günstig dargestellte Szene von der Auferstehung. Es bleibt der blutüberströmte Jesus, kaum der Auferstandene.

3.) halte ich die wiederholte Umblendung des Kreuzesopfers aufs Abendmahl (also auf die Messe) für gefährlich, weil dadurch der Eindruck entsteht, die Messe sei bloß die unblutige Erneuerung dieses blutigen Opfers - doch sie ist ja viel mehr: natürlich ein Gedächtnis an Jesu Tod, aber auch an seine Auferstehung, eine Vorwegnahme des Mahles, das uns die Wiederkunft des Herrn voraussagt. Diese Fragen sind ganz wichtig: Der Film ist angetan, den Glauben zu stören, das Gottesbild zu entstellen, das Christusbild zu verkürzen, Aussagen über die Messe einseitig darzustellen.

Birgit Flos: Der Film ist ein sehr mittelmäßiger Actionfilm, protzig, sehr laut. Ich befinde mich in einem Dilemma, weil ich über religiös-ethische Fragen lieber anhand von Filmen sprechen würde, die differenzierter argumentieren - etwa jene von Lars von Trier. Ich finde den Film von den Gewaltszenen her nicht besonders schockierend, sondern in der konventionellen Hollywood-Filmsprache so produziert, dass man vor Schock- und vor Überwältigungsstrategien jeweils die Augen zumacht, um das wirklich Schreckliche zu sehen - da ist dann aber nichts außer einem lauten Ton.

Von der Erzählung her finde ich es durchaus interessant, die Menschwerdung des Jesus von Nazaret wörtlich zu nehmen - "gekreuzigt, gestorben und begraben"; auch in der Bibel steht nur lapidar "gekreuzigt": Dass das ein Bildermacher einmal wörtlich nimmt, und diese Foltermethoden ausbuchstabiert, ist an sich nicht so verwerflich. Unangenehm ist mir dagegen, in diesem Hype zu sein, den dieser mittelmäßige Film ausgelöst hat.

Michael Bünker: Es ist ja nicht der erste Jesus-Film, über den kontrovers diskutiert wird. Schon "Der Galiläer" 1921 - an den Mel Gibson bewusst anschließt - wurde ja sehr kontrovers diskutiert.

Es sind immer die gleichen Themen: Wie lässt sich das, was Christen als Erlösungswerk verstehen, im Film darstellen? Lässt es sich überhaupt darstellen? Es gab gravierende Stimmen, die meinten, das sollte überhaupt nicht verfilmt werden; man erinnere sich an die Scheu, die William Wyler noch 1959 in "Ben Hur" hatte - er zeigte Jesus nie von vorne! Weiters: Was bedeutet es - nach 2000 Jahren einer Missbrauchsgeschichte der Passion durch christlichen Antijudaismus - so zu tun, als würde man einfach nur den biblischen Bericht abfilmen? Ein drittes ist die Frage, wie es denn mit der Darstellung von Gewalt im Film, besonders im Hinblick auf eine Erlöserfigur steht.

Als Film ist Gibsons "Passion" nicht originell. Er täuscht eine Historizität vor - etwa durch die Sprachen - die nicht gegeben ist. Der Film ist anderen Quellen mehr verpflichtet als der Bibel. Und in der Ausdehnung der Gewaltszenen ist er streckenweise widerwärtig.

Richard Ames: Für mich ist dieser Film eine sadomasochistische Gewaltorgie, der meine jüdische, aber auch die christliche Religion beleidigt - als ob die Konzilserklärung "Nostra Aetate" über das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum nie erschienen wäre! Ein amerikanischer Priester hat mir erzählt, für ihn sei es schrecklich zu entdecken, dass Nostra Aetate nicht nur nicht an der Basis angekommen ist, sondern dass es auch die Bischöfe nicht genug berücksichtigen. Ich kann nicht verstehen, dass man die letzten 12 Stunden im Leben Jesu nimmt und das auf diese sadomasochistische Weise darstellt, dass man die Geschichte eurer Evangelien pervertiert zu Gunsten der Erinnerung von Anna Katharina Emmerich und ihrem deutsch-romantischen Weiden am Leid!

Man nimmt dann ein Küchen-Aramäisch und ein Küchen-Latein und täuscht Intellektualität vor. Wenn Christen sich über das Judentum informieren wollen, müssten sie zu den Ursprüngen des Judentums zurückgehen, zu Christus als Diaspora-Juden in einem Dorf namens Nazaret und sehen, wie aus ihm der Mensch wurde, der er war. Ich kann Jesus nicht als den Sohn Gottes akzeptieren, aber in all den biblischen Legenden ist er eine der reinsten Figuren der beiden Testamente. Man muss wissen: Was wollte er erklären? Man kann es nicht aus dieser grausamen amerikanischen Kitschorgie - ich sage das als Amerikaner - lernen! Die Gewalt im Film ist abscheulich, es ist furchtbar, sich daran zu weiden!

Philipp: Ich kann Ihre Verletztheit nachvollziehen: Der Film diskriminiert jeden in seiner Intelligenz. Man hätte diesen Film ja auch vor dem Hintergrund eines Vergleiches USA-Rom abführen können: Pilatus ist doch der klassische scheiternde Invasions-Gouverneur, dem die Situation zu entgleiten droht.

Mir scheint aber, dass die Debatten um den Film in einer Weise gesteuert werden, die mit einer normalen Kritik des Films nichts zu tun haben. Tatsache war, dass sowohl in den USA als auch hierzulande der Film den Filmkritikern zuallerletzt gezeigt wurde. Es gab x Berichte, dass dieser Film in irgendwelchen katholischen oder sonstigen Hinterzimmern irgendwelchen Leuten auf DVD gezeigt wird, man hat einen Großteil der Gratispropaganda für diesen Film so gefahren. Wenn der Film herausgekommen wäre, wie es vor einem Jahr ausgesehen hat, als Mel Gibson um einen Verleih kämpfte, wäre er in irgendeinem obskuren Esoterikregal verschwunden, wo er, meiner Meinung nach, am besten aufgehoben wäre .

Feichtlbauer: Jesus-Darsteller Jim Caviezel ist vom Papst empfangen worden. Er hat danach Journalisten erzählt, er trage immer Reliquien vom hl. Franz von Assisi, vom hl. Pater Pio und von Anna Katharina Emmerich mit sich, er sei ein großer Anhänger von Medjugorje und sehr katholisch - und er bestätigt das auch von Regisseur Mel Gibson, der einer Kirche angehört, die sich von einer katholischen Traditionalisten-Gruppe abgesplittert hat. Trotzdem wird er überall als katholischer Regisseur verkauft.

Krätzl: Interessant ist, dass der Film von sehr konservativen Kreisen überaus gelobt wird - bis zur von Rom getrennten Lefebvrianer-"Bruderschaft Pius X.". Ich habe ein Heft dieser Bruderschaft, das den Film überaus lobt und alle, die den Film kritisieren, an den Rand des rechten Glaubens stellt. Ich frage mich, wie weit wir in der Kirche gekommen sind, dass wir glauben, so ein Film muss kommen, damit wieder über Jesus geredet und der Glaube gestärkt wird. Was da jetzt innerkirchlich geschehen ist, kann ich eigentlich nicht ganz orten. Tatsache ist: Je konservativer die Kreise sind, umso mehr wird der Film gelobt.

Feichtlbauer: Der Film wurde also von einer ganz "katholischen" Mannschaft gedreht, und trotzdem finden sich in Amerika nichtkatholische evangelikale Gruppen, die sich mit Lobpreisungen überstürzen. Wieso fallen viele auf so ein "katholisches Machwerk" herein?

Bünker: Interessant ist die Frage: Vor welchen gesellschaftlichen Zuständen stehen wir, wenn mit so einem Film Identität herbeigeführt werden soll? Ich habe den Verdacht, da sind etwa Bilder von Schiiten in Basra im Kopf, die sich selbst verletzen und blutüberströmt Prozessionen vollziehen. Da kommen jetzt die Christen nach dem Motto: Blutmäßig brauchen die uns nichts vormachen, das können wir selber auch.

Diese Frage müssen wir uns selbstkritisch stellen: Wie steht es mit Christentum und Gewalt? Wie steht es mit dem Verhältnis ums erlösende Bild? Bei diesen Fragen müssen wir in unserer eigenen Geschichte oder im Keller unserer Heiligtümer nachschauen gehen. Es ist auffällig, dass - das zeigt der Film - 200 Jahre kritische Bibelwissenschaft offensichtlich folgenlos geblieben sind. Eine sehr ernüchternde Bilanz, wo dieser Film doch auch einen deutlichen Rückschlag für das christlich-jüdische Gespräch darstellt: Gegen all das, was in den letzten Jahrzehnten mühevoll erlernt wurde, spricht der Film eine deutliche Botschaft, die da heißt: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns."

Es ist schon interessant, dass der Film zum Prüfstein gemacht wird: Wer den Film kritisiert, so die Argumentationskette, kritisiert ja die Evangelien und damit das Erlö

sungswerk Jesu, kritisiert den Glauben selbst. Das ist schon eine merkwürdige Ideologie, weil wir sprechen ja nur über ein Stück der modernen Kulturindustrie. Und das kann doch nicht die Frage sein, die über Glauben oder Unglauben entscheidet. Aber dazu wird der Film hochstilisiert und in die religiöse Arena geworfen - als Prüfstein "Lässt sich das christliche Abendland noch organisieren?"

Philipp: Man sieht mediale Kanäle bei vielen Produktionen, die aus Amerika kommen - Harry Potter, Herr der Ringe, Krieg der Sterne: Es geht um Verstärkersysteme, mit denen man gewisse Slogans so lange aufbläst, bis sie gegen jede andere Information tragfähig sind: Starke Bilder entwickeln, die es locker auf jede Titelseite schaffen, Glaubensbekenntnisse formulieren - Mich hat der Blitz bei der Bergpredigt gestreift!, Ich war Alkoholiker und Jesus hat mich erlöst! - das erinnert mich an Gründerväter, die mit Pferd und Hut über die Prärie ziehen und die Westernstädte mit fundamentalistischen Glaubensschriften versorgen: Diese Kanäle werden derzeit benutzt!

Bünker: Alle genannten Filme vereint ein dualistisches Weltbild: Es gibt die Guten, das sind immer wir. Und es gibt die Bösen, die werden vernichtet. Aber der christliche Glaube spricht eben nicht von der Vernichtung der Bösen, sondern von der Überwindung des Bösen.

Das ist ein großer Unterschied. Auch der Gibson-Film verbreitet eine Weltsicht, die gnostisch ist und die heute gut in die globalen Zustände passt. Ich halte diese Weltsicht für gefährlich.

Flos: Jesu Leidensgeschichte ist die am meisten gefilmte Geschichte. Bei jedem Film wird überlegt - weil es sich um eine kapitalintensive Industrie handelt -, möglichst viele Zuschauer ins Kino zu bringen. Man nimmt daher Bestseller, eben auch die Bibel. Es war von Mel Gibson aber nicht wirklich planbar, dass das so ein Blockbuster wird. Ich kann auch frivol sagen, dass ich die Gewalt nicht so schlimm finde, die ist in vielen Filmen viel schlimmer.

Ich habe aber den Verdacht, dass die Leute nicht deswegen massenhaft ins Kino gehen, weil sie näher an den christlichen Glauben kommen wollen, sondern da ist das alte Voyeursversprechen: Kommt, in einem ethisch akzeptablen Bereich könnt ihr euch das anschauen - in der Karwoche, vor Ostern, da kann man einen ethisch hochstehenden Film sehen, weil es eben Christi Passion ist, aber man kann sich da von Herzenslust daran weiden, dass das Blut spritzt.

In manchem muss ich den Film fast verteidigen, in einigen Szenen finde ich etwas, was mich weiterbringt: Es gibt Momente der Empathie, des Mitleidens mit diesem gepeinigten Menschen. Vielleicht sind sie zu kurz, aber sie sind da.

Ames: Man kann im Internet Duplikate der Nägel, mit denen der Film-Christus ans Kreuz geschlagen wurde, bestellen usw. Es ist eine gigantische Geldmacherei seitens der extremen Rechten der katholischen Kirche! Man wird sich auch den osteuropäischen Markt nicht entgehen lassen. Der Film kommt gerade zu einer Zeit, wo 56 ungarische PEN-Mitglieder zurückgetreten sind, weil der designierte PEN-Chef von Ungarn so viel Antisemitismus propagiert hat. Das wird in Osteuropa genauso sein wie im Mittelwesten meiner Heimat USA, wo die Leute wenig differenzieren.

Bünker: Eindrücklich ist die Geschichte mit dem alten Jesusfilm "Der Galiläer" aus 1921: Der Film wurde gemacht, um die europäischen Passionsspiele nach Amerika zu "liefern". Diesem Film war von allen Fachleuten beschieden worden, er sei historisch korrekt. Dann kam er in die USA und konnte nicht verkauft werden, weil er massiv antisemitisch war: Augen rollende Hohe Priester, die verschlagen um sich blicken und die Menge steuern (das sehen wir bei Gibson wieder!). Den Filmemachern in Deutschland war aber nicht aufgefallen, dass der Film antisemitisch ist. Daher interessiert es mich nur sehr begrenzt, was der Herr Gibson will. Wenn es stimmt, dass der Antisemitismus die Begleitkrankheit des christlichen Antijudaismus ist, dann merkt es der Kranke oft selbst gar nicht.

Ich bin der Meinung, der Film ist antisemitisch. Er bedient eine ganze Reihe von Klischees, und tut so, als wären wir nicht nach Auschwitz. Der Film verfolgt die Tendenz, dass die Juden zunehmend belastet und die Römer zunehmend entlastet werden - man sieht das schon in diesen Exekutionspeletons, die da antreten und Jesus zu Tode quälen: je höher der militärische Rang, desto nachdenklicher wird man offensichtlich. Und an der Spitze steht Pilatus als verkappter Seneca-Verschnitt, ein nachdenklicher Typ, der das alles nicht will, und eigentlich ist seine Frau schon eine Krypto-Christin, sie weiß es nur noch nicht. Das ist alles historisch falsch. Und auch wenn in den Evangelien diese Tendenz schon drinnen ist, dann heißt das, die Evangelien genau und sie "nach Auschwitz" zu lesen!

Mel Gibson weiß das alles sehr genau. Es gibt die berühmte Szene, wo das vor Pilatus versammelte Volk nach "Kreuzige!" weiterruft: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" (Mt 27,25) - Einschrecklicher Vers! Er hat durch Jahrhunderte Judenpogrome begründet: Sie sind ja selber schuld! Was macht Mel Gibson damit? Er lässt diesen Satz drinnen, aber nur im aramäischen Text. Im Untertitel wird er gestrichen! Das heißt: Gibson weiß genau, was er tut.

Krätzl: Was ich wirklich antisemitisch finde, ist, dass nicht nur der Vorhang des Tempels zerreißt, sondern, dass der Tempel in die Luft fliegt. Das ist scheinbar eine Abrechnung des Bisherigen. Das ist vom Evangelium her falsch, aber überaus zeichenhaft. Etwas zweites in diesem Zusammenhang: es müsste auch alles, was über den Antisemitismus gesagt worden ist, dürfte das nicht passieren, wenn man Nostra Aetate ernst nimmt. Die katholische Kirche hat, Gott sei Dank, sehr deutliche Aussagen zum Antijudaismus gemacht.

So kurz nach seinem Tod muss betont werden, dass Kardinal König auf dem Konzil fürs Judenkapitel in Nostra Aetate wesentlich mitverantwortlich war. Seither ist es unmöglich zu sagen: "Die Juden haben Jesus getötet." Das ist gegen die Lehre des Konzils! Es ist aber nicht von ungefähr, dass sehr konservative Kreise den Film unterstützen weil er sich über die Erkenntnisse des II. Vatikanums hinwegsetzt.

Redaktion: Otto Friedrich

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