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Plädoyer für die Langsamkeit

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„Reizüberflutung” und „Tempo” sind zum ernsthaften Thema geworden, sowohl für Sozialwissenschaftler als auch für Religionspädagogen.

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„Reizüberflutung” und „Tempo” sind zum ernsthaften Thema geworden, sowohl für Sozialwissenschaftler als auch für Religionspädagogen.

Die Sinne sind das Einfalls- und Ausfallstor des Menschen. Über sie nehmen wir Kontakt auf zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und zu Gott. Sind die Sinne nicht geschult, sind es auch diese Kontakte nicht. Ein Mensch kann nichts lernen, wenn er sich nicht in einer bestimmten Situation auf ganz bestimmte einzelne „Reize” konzentrieren kann. Um das zu können, muß er alle anderen Elemente ignorieren. Diese Konzentration der Sinne auf einen Gegenstand ist ein zentrales Anliegen jeder Meditation. Ein Kind muß also kontinuierlich vor Reizüberflutung geschützt werden und aber auch über lange Zeiträume hinweg die Möglichkeit haben, sich einzelnen wenigen Reizen intensiv widmen zu können.

Reizüberflutung führt schon im frühen Kindesalter zur Unfähigkeit, angenehme von unangenehmen Reizen zu unterscheiden. Niedrige Reizwerte lösen bei Neugeborenen Reaktionen der Annäherung aus, hohe Reizwerte dagegen bewirken den Rückzug der Kinder. Wenn Jugendliche heutzutage die Reizüberflutung (Techno-Rhythmus, Dauerberieselung) als angenehm empfinden und das Fehlen von Reizen (Stille) als unangenehm, dann ist dies bereits eine Folge dieser Dauerüberreizung in den prägenden frühen Phasen.

Lernen bedeutet Zuwendung der Sinne, Konzentration der Sinne als Fähigkeit, alle Sinne auf ein Zentrum hinzubündeln. Um die Welt mit den Sinnen zu erproben, muß sich ein Kind nachhaltig der Welt und seinen Beziehungen zuwenden können.

Hypermobilität der Kinder ist Folge einer ständigen Reizüberflutung

Eine solche Konzentration der Sinne kann nur dann geschehen, wenn die Beziehung des Kindes zur stimulierenden Umwelt durch niedrige Reizwerte gekennzeichnet ist. Die derzeit von Lehrern zahlreich beklagte Hy-permobilität und Hyperaktivität der Kinder ist Folge einer ständigen Reizüberflutung. Die Kinder haben nicht gelernt, einen Reiz nach dem anderen zu „beantworten”, sondern müssen zwischen den vielen Reizen hin und her springen. Bevor ein Reiz beantwortet ist, folgt der nächste und so fort.

Auch der bekannte Psychologe Rene Spitz hat festgestellt, daß in der Krankheitsgeschichte der „Motorischen Störung” eine Übersättigung mit Reizen, eine Überdosis affektiver Stimulierung zu finden ist. Er nennt dies auch emotionale Überforderung. Das noch nicht ausgereifte Wahrneh-mungssystem der Kinder wird überlastet mit Reizen, mit denen es noch nicht umzugehen versteht, weil es sie noch nicht verarbeiten kann.

Rene Spitz fand die Ursachen für Reizüberlastung bereits in der frühen nonverbalen Kommunikation, im vorsprachlichen Dialog zwischen Mutter und Kind. Dieser „Aktions-Dialog” ist hochsensibel. Bei einer Reizüberlastung geschieht folgendes: Jeder soziale Kontakt löst eine angeborene oder erlernte Beaktion aus. Wenn nun zu viele Kontakte pro Zeiteinheit folgen, dann können nur wenig Reaktionen ihren normalen Ablauf bis zur „Erledigung” nehmen.

Mit anderen Worten: Die Reaktionen werden nicht mehr realisiert Kaum daß ein Mensch beginnt auf einen Reiz zu reagieren, wird schon durch einen neuen Kontakt eine neue Reaktion ausgelöst. Es folgt eine dritte, eine vierte und so weiter, so kommt es mit der Zeit zu einer völligen Desorientierung. Diese Desorientierung führt zu einer Gleichgewichtsstörung, zu einem wachsenden Chaos der psychischen und sozialen Aktionszyklen. Es ist bewiesen, daß eine ständige Unterbrechung dieser Zyklen das psychische Funktionieren schädigt.

Diese psychologische und sozial -wissenschaftliche Analyse ist im Blick auf die Thematik Meditation und spezifisch „Themenzentrierte Meditation” eine wesentliche Herausforderung. Das Lamentieren über ein rasches Anwachsen einer immer sadistischer werdenden Jugendkriminalität, von Teenagerverbrechen, von schweren psychischen Schädigungen und seltsamen Formen von sozialer Gruppenbildung bis hin zu Satanskulten allein hilft nicht. Es stellt sich die Frage, welche Kinder und Jugendliche werden in unserer Gesellschaft wie geprägt und welche Rolle spielt dabei Erziehung, näher hin religiöse Erziehung. Wenn man das Problem der Zeitvorgabe und des Tempos analysiert, dann ist festzuhalten, daß die Schule seit der Einfuhrung der allgemeinen Schulpflicht (Mitte des 18. Jahrhunderts) von ihren Zeitstrukturen her mehr eine Kaserne und ein Fabrikationsort ist, als eine wirkliche „schola” - vom Wortsinn verbunden mit Ruhe, Muße beziehungsweise Innehalten.

Die Kinder werden in der Schule nach Jahrgängen rekrutiert, die Schule orientiert sich in ihrem Zeitverständnis und in ihrer Zeitdisziplin an den Zeitmustern der Abnehmer in Fabriken, Betrieben, Technologiezentren und Verwaltungsapparaten. Zeitdisziplin ist schon immer das wichtigste Ziel des „Heimlichen Lehrplanes”.

Was wird denn mehr belohnt als Pünktlichkeit, blitzschnelles Reagieren, schnelles Auffassen und Verarbeiten und die Fähigkeit des schnellen Reproduzierens?

Wenn die sogenannten „Pausen” wenigstens ein „Innehalten” bedeuten würden. Sie werden nicht als wichtiger Teil des Bildungsprozesses gesehen. Sie sind Unterbrechungen •zum Zweck der Frischluftzufuhr und der Notdurftregulierung. Auch die Pausen sind vertaktet und richten sich nicht nach den individuellen oder sozialen Bedürfnissen.

Die Schüler müssen lernen, ein vorgesehenes Lernpensum zu bewältigen - und zwar in einer Zeit, die von anderen festgelegt wurde. Wenn sie den Anschluß an das Lerntempo der Klasse verlieren, dann droht der Knick in der Schulkarriere. Wenn sie das vorgesehene Lernziel schneller erreicht haben, dann droht ihnen die Langeweile. „Und wenn einmal hier und da Schülerinnen und Lehrerinnen in einer Religionsstunde ,Zeit vergessen' um eine Frage ringen und der Nachdenklichkeit Raum geben oder wenn sie sich Zeit lassen um ihre Betroffenheiten auszutauschen , dann signalisiert der vollautomatisierte Schulgong, daß es Zeit ist, sich für einen anderen Lernstoff oder für eine andere Konstellation von Lerngruppen bereitzuhalten”, schreibt der Regensburger Religionspädagoge Georg Hilger.

Kein Wunder, daß „Die Entdeckung der Langsamkeit” zum Bestseller wurde Kein Wunder, daß der Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit” von Sten Nadolny ein Bestseller wurde. Die Hauptperson dieses Romans fordert einen neuen Typ von Schule: „Kampf gegen unnötige Beschleunigung, sanfte, allmähliche Entdeckung der Welt und der Menschen. Schulen sollen Einrichtungen werden, ,die nicht Ausnutzung, sondern dem Schutz der individuellen Zeit dienten, Reservate für Sorgfalt, Zärtlichkeit, Nachdenken. Auch schienen ihm Schulen möglich, in denen nicht mehr das Lernen unterdrückt und die Unterdrückung gelehrt wurde.' -Junge Menschen brauchen Zeit, wenn sie frei sein wollen für eigene Wahrnehmungen. Die Schüler müssen entdecken lernen. Vor allem ihre eigene Art des Sehens und ihre Geschwindigkeit, jeder für sich.”

Im Religionsunterricht ist tatsächlich für „Langsamkeit” zu plädieren, nicht zum Trödeln, sondern zu einer Langsamkeit, die Achtsamkeit ermöglicht. Es geht um eine nachgedachte, nachempfundene, gefragte, gesuchte, überlegte, experimentierte Thematisierung von Ünterrichtsin-halten. Es muß geklärt werden, wie lange Fragen offen bleiben dürfen, Erfahrungen, Eindrücke und Begriffe nachwirken, wie Unsicherheiten ausgehalten werden.

Durch meditative Dimensionen im Beligionsunterricht wird Wahrnehmen, Denken, Verarbeiten und Reagieren verlangsamt, dadurch kann Achtsamkeit entstehen. Meditatives Lernen ist keine Lernautobahn. Meditatives Lernen ist der ruhige, achtsam gegangene Wanderweg, auf dem Menschen Intensiveres aufgeht als auf der Schnellstraße. Ein solche produktive Langsamkeit kann Unterbrechungen der glatten und zu schnellen Lernwege provozieren. Georg Hilger meint: „Nicht nur weniger kann mehr sein, auch langsamer kann mehr sein! Effizient im Sinne religiösen Lernens ist auch das, was den Menschen öffnet für Neues, Fremdes, Unerwartetes. Warten, Ruhe, Unterbrechungen können produktiv sein. Dies sagt doch wohl auch das priesterschriftliche Schöpfungslied, wenn es Unterbrechung und die Ruhe des Schöpfers am siebten Tag als Höhe- und Zielpunkt der Schöpfung besingt.”

Es fehlt vielen Schülern für einen „Minimalkonsens” das Wertbewußtsein Es gehört ohne Frage zu den größten Herausforderungen für schulische Bildung, mit den Problemen fertig zu werden, die aus der Beizüberflutung und dem Zeitdruck der Gesellschaft entstanden sind, weiter entstehen und sich möglicherweise noch zuspitzen. Immer mehr Schüler fallen durch mangelnde Konzentration, fehlende Motivation, durch massives Stören und durch Hyperaktivität auf. Gewalt in der Schule und Boykott des Unterrichts (sei es durch Stören, sei es durch Zuspätkommen oder Fernbleiben) machen eine produktive Form der Klassengemeinschaft unmöglich.' In vielen Klassen kann ein positives Lernklima nicht hergestellt werden. Außerdem fehlt es bei vielen Schülern an einem Wertbewußtsein, so daß auch hier nicht einmal ein ,Minimalkonsens' vorausgesetzt werden kann.

In diesen Fällen erscheint das Angebot von Meditation wie der Versuch, ein loderndes Feuer mit Benzin zu löschen. In einer nervösen Klasse mit hohem Lernpegel können die verschiedenen Formen von Meditation nicht ohne weiteres eingeführt werden. Es bedarf hierzu eines Mediums, das die Schüler erst wieder sensibel macht für diese Form der Wahrnehmung. Dieses Medium ist die Stille. Stille ist nicht ein Teil der Meditation, sondern ihre Voraussetzung. Wo keine Stille ist, kann Meditation sich gar nicht erst entfalten.

Stille ist ein Weg innerer Erfahrung, ein Weg der Imagination, innerer Bilder. Stille hat Rildungsbedeu-tung. Hubertus Halbfaß vergleicht Stille-Übungen mit einem „Sprung in den Brunnen”. Wer diesen Sprung wagt, kehrt verändert und mit einer neuen ,Wachheit' und Aufmerksamkeit zurück.

Kinder und Jugendliche, die immer wieder einen solchen Konzentrationsprozeß erfahren, entdecken ihre eigene Stärke, nehmen sich als Subjekt ihrer Arbeit wahr, werden zu einer starken Selbstdisziplin fähig und finden sich selbs.

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