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Feuilleton

Auch das war Wien

1945 1960 1980 2000 2020
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Im Nachlass von David Vogel wurde 66 Jahre nach dessen Ermordung ein Roman entdeckt, der unverfroren das Wien der Jahrhundertwende als Pflaster für Herumtreiber, Größenwahnsinnige und Spintisierer zeigt.

Wir befinden uns in Arthur Schnitzler-Land. Die Leute, denen wir begegnen, sind Bohemiens, Künstler, Lebemänner, Glücksritter. Sie haben Zeit und Geld und werden deshalb ihrer gepflegten Langeweile nicht Herr. Ihr Metier ist das Kaffeehaus, wo sie unter ihresgleichen bleiben und sich über Belanglosigkeiten austauschen. Selbst die armen Schnorrer, die als Bohemiens durchgehen, weil sie sich eine Scheinexistenz als Künstler anmaßen, fühlen sich erhaben über die Durchschnittlichkeit des gewöhnlichen Erwerbstätigen, der nicht links und rechts schaut, um sich über Wasser zu halten.

David Vogel springt Schnitzler bei in der Beschreibung einer Welt, die einzigartig war. Das Wien der Jahrhundertwende wird bei ihm zum Pflaster für Herumtreiber, Größenwahnsinnige, Spintisierer, Hochstapler, Ich-Agenten, Maulhelden, allesamt Gestalten von zweifelhafter moralischer Ausstattung, gestützt von einem unermesslichen stolzen Selbstbewusstsein. Vogel geht nah ran an die Wirtshaustische, um Gespräche zu belauschen, die allesamt durch geringen Tiefsinn erstaunen. Dennoch bringt Vogel dem merkwürdigen Völkchen insgeheim seine Bewunderung entgegen, verstößt es doch gegen die Regeln bürgerlicher Wohlanständigkeit. Das merkt man besonders dann, wenn er jene, die sich den Gesetzen der Biederkeit unterwerfen, auf den Platz der Lächerlichkeit verweist. Gewiss nimmt er jene nicht ganz ernst, die sich, und sei es noch so kläglich, um Aufmerksamkeit bemühen und aus der Rolle fallen, auf dass ein kleines bisschen Glanz auf sie abstrahle. Aber es gefällt Vogel, wie sie sich nicht redlich abmühen, sondern ihr Ich in Stellung bringen. Da kann kein braver Bürger mithalten.

Charakterstudie eines haltlosen Egomanen

Als Hauptfigur hat sich David Vogel einen überaus windigen Charakter gewählt. Michael Rost kommt im Alter von achtzehn Jahren nach Wien. Er verfügt über keine bemerkenswerten Fähigkeiten, an Ehrgeiz, es aus eigener Kraft zu etwas zu bringen, mangelt es ihm erheblich. Macht nichts. Er kommt den Leuten charmant, er blendet sie, bezaubert sie durch Eleganz und sicheres Auftreten, in Verlegenheit zu bringen ist er auch in edler Gesellschaft nicht. Hier läuft er sogar zu besonderer Form auf. Er findet einen Gönner, der ihm ein stattliches Auskommen verschafft, einfach so, weil er sympathisch ist. Würde man den Roman an Ansprüchen strenger Glaubwürdigkeit messen, müssten wir ihn der Fahrlässigkeit zeihen. Zu viel ist dem Zufall geschuldet, zu üppig bedient sich Vogel an den Vorgaben des Kolportageromans, zu leichtfertig setzt er auf den raschen Effekt. Sein Roman aber ist kein reines Gesellschaftsporträt, Authentizität ist ihm ein Hohnbegriff. Wien, wie es singt und lacht, leidet und dürstet, sich aus Sehnsucht verzehrt und in Leidenschaft vergeht, bedeutet für Vogel nicht das eigentliche Anliegen seiner Arbeit. Er ist der Kontrollbeamte des menschlichen Verhaltens. Dafür ist er bereit, sich hemmungslos der Stilmittel der Übertreibung und des Überzeichnens zu bedienen. So bekommen wir keine Figuren aus dem prallen Leben zu sehen, die der realistische Roman zu seinen Hoffnungsträgern zählt, sondern Gestalten, die unter verschärft ungewöhnlichen Bedingungen etwas mehr als gewöhnlich über die Stränge zu schlagen sich angewöhnt haben.

Man schaue sich nur diesen Michael Rost an. Er ist aller Welt Freund, zum Freund des Lesers aber kann er nicht werden, weil der ihn in all seinen unsympathischen Zügen durchschaut. Vogel setzt ja auch reichlich Arbeitskraft in die Anstrengung, diesen Burschen als Person von sinisterem Charakter ins Licht der Denunziation zu stellen. Er bezieht Quartier in einem Haushalt, und die Vermieterin verfällt dem Fiesling sofort. Weil die eine Liebesgeschichte zu wenig ist, macht er sich auch gleich an deren Tochter heran, die ihn sieht und sofort schwach wird. Kitschig irgendwie, nicht? Stimmt, aber nehmen wir das als Charakterstudie eines haltlosen Egomanen, der sich seinen Vorteil holt, wo immer er sich gerade bietet, dann zählt nicht so sehr die Sensation, sondern dann halten wir uns an die Strategie des Täuschens, die hier einer zur Perfektion beherrscht. Nicht die - man muss das so sagen - bescheuerte Gesellschaft all jener, die hinters Licht geführt werden, die nichts kapieren und billiges Futter für einen Taktiker des Gefühls abgeben, bedeuten Vogel in seiner Darstellung viel, sondern der Abenteurer der Heimtücke. Die einen hängen mit ihrem Herzen an der Geschichte voller Leidenschaft, die der andere kaltschnäuzig als Spiel betrachtet. "Derlei Beziehungen, ohne jegliche Verpflichtung der einen oder anderen Seite, sollten nicht in eine so törichte Tragödie umschlagen. Er würde sich die Zügel nicht entgleiten lassen.“

Wunderbare Ergänzung zu Schnitzlers Welt

Die Brüchigkeit ist ein Motiv, das der Roman in Variationen durchbuchstabiert. Beziehungen taugen nicht viel, sie bestehen auf Zeit, sind für die Dauer nicht vorgesehen. Eine Liebschaft hier, eine Prostituierte zwischendurch, das geht alles so leicht und gedankenlos, weil Gefühle nicht daran hängen. All diese Unverbindlichkeiten sind nur ein Spiegel der Gesellschaft, die in ihrer Brüchigkeit zum Absterben verdammt ist. "Sehen Sie, dieses ganze Gebäude, das Gebäude der Monarchie, wird letztlich zusammenbrechen, es besitzt kein festes Fundament, alles verrottet und degeneriert in den oberen Etagen.“ So hellsichtig äußert sich ein Offizier, und "Rost rauchte schweigend“.

David Vogel, Jahrgang 1891, kam als Ostjude 1912 nach Wien, wo er bis zu seinem Wechsel nach Paris im Jahr 1925 ein reichhaltiges literarisches Werk verfasste. Nachdem Frankreich von den Nazis okkupiert worden war, wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er 1944 ermordet wurde. Diesen Roman entdeckte Lilach Netanel erst 2010 im Nachlass Vogels in Tel Aviv. Jetzt liegt er in einer gut lesbaren Übersetzung aus dem Hebräischen auf Deutsch vor. Man sieht dem Roman an, dass er sich noch nicht zu einem geschlossenen Ganzen runden durfte, so unausgeführt, nahezu skizzenhaft wirken gerade gegen Schluss manche Passagen.

Es ist schön, das Buch jetzt verfügbar zu haben. Wenn Schnitzler bedächtig und schwermütig wirkt, geht Vogel unverfroren vor. Eine wunderbare Ergänzung, noch nicht große Literatur, aber auf dem Weg dorthin.

Eine Wiener Romanze

Von David Vogel,

aus dem Hebräischen von Ruth Achlama,

Aufbau 2013. 316 Seiten, gebunden, e 23,00

Im Nachlass von David Vogel wurde 66 Jahre nach dessen Ermordung ein Roman entdeckt, der unverfroren das Wien der Jahrhundertwende als Pflaster für Herumtreiber, Größenwahnsinnige und Spintisierer zeigt.

Wir befinden uns in Arthur Schnitzler-Land. Die Leute, denen wir begegnen, sind Bohemiens, Künstler, Lebemänner, Glücksritter. Sie haben Zeit und Geld und werden deshalb ihrer gepflegten Langeweile nicht Herr. Ihr Metier ist das Kaffeehaus, wo sie unter ihresgleichen bleiben und sich über Belanglosigkeiten austauschen. Selbst die armen Schnorrer, die als Bohemiens durchgehen, weil sie sich eine Scheinexistenz als Künstler anmaßen, fühlen sich erhaben über die Durchschnittlichkeit des gewöhnlichen Erwerbstätigen, der nicht links und rechts schaut, um sich über Wasser zu halten.

David Vogel springt Schnitzler bei in der Beschreibung einer Welt, die einzigartig war. Das Wien der Jahrhundertwende wird bei ihm zum Pflaster für Herumtreiber, Größenwahnsinnige, Spintisierer, Hochstapler, Ich-Agenten, Maulhelden, allesamt Gestalten von zweifelhafter moralischer Ausstattung, gestützt von einem unermesslichen stolzen Selbstbewusstsein. Vogel geht nah ran an die Wirtshaustische, um Gespräche zu belauschen, die allesamt durch geringen Tiefsinn erstaunen. Dennoch bringt Vogel dem merkwürdigen Völkchen insgeheim seine Bewunderung entgegen, verstößt es doch gegen die Regeln bürgerlicher Wohlanständigkeit. Das merkt man besonders dann, wenn er jene, die sich den Gesetzen der Biederkeit unterwerfen, auf den Platz der Lächerlichkeit verweist. Gewiss nimmt er jene nicht ganz ernst, die sich, und sei es noch so kläglich, um Aufmerksamkeit bemühen und aus der Rolle fallen, auf dass ein kleines bisschen Glanz auf sie abstrahle. Aber es gefällt Vogel, wie sie sich nicht redlich abmühen, sondern ihr Ich in Stellung bringen. Da kann kein braver Bürger mithalten.

Charakterstudie eines haltlosen Egomanen

Als Hauptfigur hat sich David Vogel einen überaus windigen Charakter gewählt. Michael Rost kommt im Alter von achtzehn Jahren nach Wien. Er verfügt über keine bemerkenswerten Fähigkeiten, an Ehrgeiz, es aus eigener Kraft zu etwas zu bringen, mangelt es ihm erheblich. Macht nichts. Er kommt den Leuten charmant, er blendet sie, bezaubert sie durch Eleganz und sicheres Auftreten, in Verlegenheit zu bringen ist er auch in edler Gesellschaft nicht. Hier läuft er sogar zu besonderer Form auf. Er findet einen Gönner, der ihm ein stattliches Auskommen verschafft, einfach so, weil er sympathisch ist. Würde man den Roman an Ansprüchen strenger Glaubwürdigkeit messen, müssten wir ihn der Fahrlässigkeit zeihen. Zu viel ist dem Zufall geschuldet, zu üppig bedient sich Vogel an den Vorgaben des Kolportageromans, zu leichtfertig setzt er auf den raschen Effekt. Sein Roman aber ist kein reines Gesellschaftsporträt, Authentizität ist ihm ein Hohnbegriff. Wien, wie es singt und lacht, leidet und dürstet, sich aus Sehnsucht verzehrt und in Leidenschaft vergeht, bedeutet für Vogel nicht das eigentliche Anliegen seiner Arbeit. Er ist der Kontrollbeamte des menschlichen Verhaltens. Dafür ist er bereit, sich hemmungslos der Stilmittel der Übertreibung und des Überzeichnens zu bedienen. So bekommen wir keine Figuren aus dem prallen Leben zu sehen, die der realistische Roman zu seinen Hoffnungsträgern zählt, sondern Gestalten, die unter verschärft ungewöhnlichen Bedingungen etwas mehr als gewöhnlich über die Stränge zu schlagen sich angewöhnt haben.

Man schaue sich nur diesen Michael Rost an. Er ist aller Welt Freund, zum Freund des Lesers aber kann er nicht werden, weil der ihn in all seinen unsympathischen Zügen durchschaut. Vogel setzt ja auch reichlich Arbeitskraft in die Anstrengung, diesen Burschen als Person von sinisterem Charakter ins Licht der Denunziation zu stellen. Er bezieht Quartier in einem Haushalt, und die Vermieterin verfällt dem Fiesling sofort. Weil die eine Liebesgeschichte zu wenig ist, macht er sich auch gleich an deren Tochter heran, die ihn sieht und sofort schwach wird. Kitschig irgendwie, nicht? Stimmt, aber nehmen wir das als Charakterstudie eines haltlosen Egomanen, der sich seinen Vorteil holt, wo immer er sich gerade bietet, dann zählt nicht so sehr die Sensation, sondern dann halten wir uns an die Strategie des Täuschens, die hier einer zur Perfektion beherrscht. Nicht die - man muss das so sagen - bescheuerte Gesellschaft all jener, die hinters Licht geführt werden, die nichts kapieren und billiges Futter für einen Taktiker des Gefühls abgeben, bedeuten Vogel in seiner Darstellung viel, sondern der Abenteurer der Heimtücke. Die einen hängen mit ihrem Herzen an der Geschichte voller Leidenschaft, die der andere kaltschnäuzig als Spiel betrachtet. "Derlei Beziehungen, ohne jegliche Verpflichtung der einen oder anderen Seite, sollten nicht in eine so törichte Tragödie umschlagen. Er würde sich die Zügel nicht entgleiten lassen.“

Wunderbare Ergänzung zu Schnitzlers Welt

Die Brüchigkeit ist ein Motiv, das der Roman in Variationen durchbuchstabiert. Beziehungen taugen nicht viel, sie bestehen auf Zeit, sind für die Dauer nicht vorgesehen. Eine Liebschaft hier, eine Prostituierte zwischendurch, das geht alles so leicht und gedankenlos, weil Gefühle nicht daran hängen. All diese Unverbindlichkeiten sind nur ein Spiegel der Gesellschaft, die in ihrer Brüchigkeit zum Absterben verdammt ist. "Sehen Sie, dieses ganze Gebäude, das Gebäude der Monarchie, wird letztlich zusammenbrechen, es besitzt kein festes Fundament, alles verrottet und degeneriert in den oberen Etagen.“ So hellsichtig äußert sich ein Offizier, und "Rost rauchte schweigend“.

David Vogel, Jahrgang 1891, kam als Ostjude 1912 nach Wien, wo er bis zu seinem Wechsel nach Paris im Jahr 1925 ein reichhaltiges literarisches Werk verfasste. Nachdem Frankreich von den Nazis okkupiert worden war, wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er 1944 ermordet wurde. Diesen Roman entdeckte Lilach Netanel erst 2010 im Nachlass Vogels in Tel Aviv. Jetzt liegt er in einer gut lesbaren Übersetzung aus dem Hebräischen auf Deutsch vor. Man sieht dem Roman an, dass er sich noch nicht zu einem geschlossenen Ganzen runden durfte, so unausgeführt, nahezu skizzenhaft wirken gerade gegen Schluss manche Passagen.

Es ist schön, das Buch jetzt verfügbar zu haben. Wenn Schnitzler bedächtig und schwermütig wirkt, geht Vogel unverfroren vor. Eine wunderbare Ergänzung, noch nicht große Literatur, aber auf dem Weg dorthin.

Eine Wiener Romanze

Von David Vogel,

aus dem Hebräischen von Ruth Achlama,

Aufbau 2013. 316 Seiten, gebunden, e 23,00