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Begegnung mit dem Bösen

Die literarischen Texte von Patricia Highsmith führen in menschliche Abgründe - und tiefer.

Eine zunächst alltägliche Situation: zwei Fremde treffen sich im Zug, kommen ins Reden. Der eine hat Probleme mit seinem Vater, der andere mit seiner Frau, von der er sich scheiden lassen will. Dann plötzlich der Vorschlag des einen: Bring meinen Vater um, dann schaff ich dir deine Frau vom Hals. Sein Gegenüber ist ein Mensch wie ich und du, wehrt daher natürlich entsetzt ab: Das kann doch nicht ernst gemeint sein! Doch später, man ist längst auseinander gegangen, wird seine Frau ermordet. Und die Gegenleistung wird eingefordert ...

Keine Krimis

Patricia Highsmiths erster, 1950 veröffentlichter Roman "Strangers on a Train" ("Zwei Fremde im Zug") wurde von Alfred Hitchcock (verändert) verfilmt und machte sie berühmt (siehe Foto). Erst 1967 erschien unter dem Titel "Alibi für zwei" ihr Roman auf Deutsch, ihre Zuordnung zum Kriminalroman war damit besiegelt, obwohl sie selbst mit Recht beteuerte, keine Krimis zu schreiben. In ihren Büchern geht es nicht unbedingt um Mord und Totschlag, schon gar nicht um deren Aufklärung. Sie sind psychologische Studien, etwa über Menschen, die plötzlich aus dem geordneten Leben fallen - was jedem passieren kann. Selbst wenn die "Helden" ihrer Texte alles versuchen, um das Schreckliche zu verhindern - tun sie es oft nicht entschlossen genug.

Das charakteristische Qualitätsmerkmal und der Verstörungsfaktor Nummer eins: es gibt keine Wertungen. Highsmith lockt den Leser dem Tun und Denken ihrer Figuren nahe, sehr nahe, ohne jeden moralischen Kommentar. Und so findet man sich unversehens auf der Seite des Bösen wieder, falls man die Seiten überhaupt noch unterscheiden kann. Außerdem kommt das Böse oft freundlich verkleidet daher, ist sympathisch und irgendwie auch bekannt.

Wahnsinn und das Böse

Schon als Kind hat Highsmith Karl Menningers "The Human Mind" gelesen, Fallstudien über "abnorme" Verhalten, die ihre Phantasie angeregt und ihr Schreiben geprägt haben. Einige ihrer Figuren sind klassisch schizophren, haben verdoppelte Identitäten. In jedem Menschen schlummert aber nicht nur der Wahn, sondern auch das Böse. Jeder ist fähig, Böses zu tun - und in jedem kann sich die Fähigkeit wahrzunehmen, was Gut und Böse ist, verschieben. Highsmith, die sich selbst da gar nicht ausnimmt, schreibt nach Abschluss ihres ersten Ripley-Romans in ihr Tagebuch, sie habe das Gespür für Gut und Böse verloren. Und das ist wohl durchaus wörtlich zu nehmen.

Graham Green, der sie als Dichterin der Beklemmung bezeichnete, beschrieb in seinem Vorwort zu ihrer Kurzgeschichtensammlung "Der Schneckenforscher" das Phänomen ihrer literarischen Texte knapp und einfach: "Jenseits dieser Grenze gibt es keine Gewißheit mehr. Die Welt, die wir dort vorfinden, ist nicht die, welche wir zu kennen glauben, und doch erscheint sie uns auf beängstigende Weise wirklicher als das Haus unseres Nachbarn."

Mr. Ripley ist eine der bekanntesten Gestalten aus diesem unheimlichen Highsmith-Universum, nicht zuletzt aufgrund der Verfilmungen. Mr. Ripley ist im Morden ebenso talentiert wie im Tarnen und Täuschen. Dabei ist Tom Ripley so ein netter junger Mann. Er wird nach Europa geschickt, um Dickie Greenleaf zur Rückkehr zu bewegen, beschließt dort aber, Greenleafs Leben zu leben und bringt den Freund um. Es wird nicht der erste Mord bleiben, und wie alle weiteren wird er nie aufgeklärt ...

Wichtige Themen sind in diesem vielleicht bekanntesten, 1955 erschienenen und 1999 wieder verfilmten Roman enthalten: dazu gehört der Kleiderwechsel, der den Identitätenwechsel andeutet, ebenso wie die Homosexualität, unter der Highsmith als junge Frau sehr litt, bis sie sich durchringen konnte, dazu zu stehen.

Gentleman-Verbrecher

Ripley, der Verbrecher mit dem Sinn für Ästhetik und dem ehrbaren Gentelman-Auftritt, wird seine Schöpferin durch ihr ganzes Leben begleiten: von 1955 bis 1981 erstreckt sich die Phase, in der sie die fünf Romane schreibt, die Ripleys weiteren Werdegang erzählen. Es sind rastlose, erschöpfende Jahre für Patricia Highsmith, die - von Enttäuschungen, Trennungsschmerzen und Einsamkeit überschattet - ihre Spuren in unzähligen Tagbucheinträgen hinterlassen.

Geboren wurde die Autorin am 19. Jänner (sie teilte also mit Edgar Allan Poe, den sie sehr bewunderte, den Geburtstag) 1921 in Fort Worth, Texas. Ihre Eltern trennten sich kurz nach ihrer Geburt, Patricia wuchs bei der Großmutter auf und kam im Alter von sechs Jahren zu Mutter und Stiefvater nach New York. Ihre Kindheit bezeichnete sie als Hölle, sie schrieb ihr prägende Funktion für ihr Leben und Leiden zu. In New York versuchte sie mit Krampf, eine "normale" Beziehung einzugehen, bis sie vor sich selbst zugeben konnte, lesbisch zu sein. Als Comictexterin hielt sie sich über Wasser. Mit ihrem ersten Roman erreichte sie schließlich die Öffentlichkeit.

In den 60er Jahren verließ sie Amerika, über dessen Politik sie sich oft vernichtend äußerte. Sie lebte in England und Frankreich, zuletzt in der Schweiz. Einzige Konstante in ihrem unsteten Leben mit vielen Wohnort- und Beziehungswechseln: das Schreiben. Ihre zahlreichen Aufzeichnungen führte Highsmith in fünf verschiedenen Sprachen: englisch, deutsch, französisch, spanisch und italienisch. Mit dem deutschen Wort "Keime" etwa benannte sie die ersten Ideen in den Notizbüchern, anhand derer man das komplizierte Entstehen der einzelnen Romane nachvollziehen kann.

Flucht ins Schreiben

Wie lebensnotwendig Schreiben sein kann, hielt sie auch in ihren Romanen (über 20 sind es schließlich) fest, besonders eindringlich in "Ediths Tagebuch" (1977). Eine Frau mit drei Männern im Haus - ihrem Mann, der sie aber wegen einer Jüngeren verlässt; ihrem alkoholsüchtigen Sohn und dem Onkel, den sie pflegen muss - flüchtet sich aus der unerträglichen Wirklichkeit ins Tagebuch, erfindet ihr Leben neu. Die Grenze zwischen Wahn und Kunst ist nicht mehr erkennbar. So klar zu trennen war sie wohl auch bei Highsmith nicht immer, die sich mit Katzen und Schnecken umgab und letztere in der Tasche auch samt dazugehörigem Salatkopf mit sich führte.

Dass es ihr nicht um Krimis ging, beweist dieser Roman ebenso wie der Roman "Das Zittern des Fälschers" (1969). Hier kommt es nur ein einziges Mal zu einer direkten Gewalttat: die Hauptperson Ingham, ein amerikanischer Schriftsteller, der sich in Tunesien aufhält, wirft einem Araber, der nächtens in sein Zimmer schleichen will, eine Schreibmaschine auf den Kopf. Ob das Opfer daran stirbt, bleibt offen. Der Täter schließt nämlich schnell die Tür und schaut nicht nach. Hört nur, wie draußen einheimische Angestellte des Hotels flüsternd das Opfer von der Veranda schleifen. Es braucht keinen erwiesenen Totschlag, schon gar nicht dessen Aufklärung, um dennoch ins Zentrum moralischer Fragen zu führen und ein Maximum an Beklemmung hervorzurufen: es genügen die ungeheuerlichen Äußerungen, die wie nebenbei fallen (was ist ein Araber schon wert?) und die Konzentration auf den verloren gegangenen Hund Hasso, um den man viel mehr bangt - langsam, aber sicher geht das moralische Gerüst verloren.

Teuflische Mischung

Vieles erscheint, liest man den Roman heute wieder, aktuell: Da gibt es Adam, den amerikanischen Patrioten, der es richtig findet, dass man anderen Ländern durch Krieg die (christliche) Demokratie bringt. Diesen Apostel für "Weltanschauung und Lebensstil" nennt Ingham wulst (im englischen Original owl für "Our Way of Life"). Er ist - wie Ingham auch! - nicht richtig abstoßend, sondern auch sympathisch und vor allem als einziger an der Aufklärung des Falles interessiert. Gerade diese Mischung ist so teuflisch. Angesichts dieses Buches und der klaren Äußerungen der Autorin gegen Kriege, sei es Vietnam oder sei es der Irak-Krieg unter George Bush senior, ist es umso erstaunlicher, dass Highsmith in Paranoia und Misanthropie glitt (was sie selbst bemerkte). Ihre "schlimme" Seite äußerte sich in rassistischen Notizen gegen Schwarze, die zu ihrer liberalen Einstellung überhaupt nicht passten, ebenso wie in antiisraelischen, ja antijüdischen Bemerkungen, die seit dem Sechstagekrieg zunahmen.

Widersprüchliche Frau

Angesichts dieser so widersprüchlichen Person, die am 4. Februar 1995 in Locarno starb, wirft man Erklärung suchend wieder einen Blick in ihre literarischen Texte und stößt unweigerlich auf das, was Paul Ingendaay in einem seiner ausführlichen Nachworte treffend so ausgedrückt hat: "Man muß sich nicht lange in der Welt von Patricia Highsmith aufhalten, um zu erkennen, dass die volkstümliche Rede vom Abgrund' der menschlichen Seele eine Konvention ist, um heikleren Einsichten auszuweichen. Etwa der, dass zwischen richtigem und falschem Handeln kein Gefälle besteht, sondern dass beide im selben Leben stattfinden, auf derselben Ebene, in benachbarten Augenblicken, die oft nur der Zufall trennt."

Die Neuübersetzungen, die mit umfangreichen Nachworten im Diogenes Verlag erscheinen, laden ein, die Autorin neu zu entdecken. Von 32 Bänden sind 21 bereits

erhältlich, davon elf als Taschenbuch.

Andrew Wilson hat in seiner Biografie "Schöner Schatten" (2003 im Berlin Verlag) das

Leben von Patricia Highsmith

anhand ihrer privaten Dokumente

sowie von Interviews mit Freunden akribisch nachgezeichnet. Im Herbst 2005 erscheint die Biografie als Taschenbuch.

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