Ein Spiegel des Jahrhunderts

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn die Pummerin zu Silvester 2001 den Beginn eines neuen Jahres einläutet, läutet sie auch das Ende des Schillings ein. Heuer feiert er nochmals ein Jubiläum - seinen 75sten Geburtstag. Ein dreiviertel Jahrhundert mit Höhen und Tiefen ist der Schilling ein Spiegel der jüngeren Geschichte Österreichs.

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn die Pummerin zu Silvester 2001 den Beginn eines neuen Jahres einläutet, läutet sie auch das Ende des Schillings ein. Heuer feiert er nochmals ein Jubiläum - seinen 75sten Geburtstag. Ein dreiviertel Jahrhundert mit Höhen und Tiefen ist der Schilling ein Spiegel der jüngeren Geschichte Österreichs.

Die Geburt des Schillings war nicht einfach. Die 20er Jahre dieses Jahrhunderts waren eine Zeit der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umwälzung. Der Erste Weltkrieg war verloren, die Monarchie in Trümmer zerfallen, die Wirtschaft lag zerrüttet am Boden.

Die damalige Währung, die Krone, geriet in eine Hyperinflation. 1920 stieg der Geldumlauf von zwölf auf 30 Milliarden Kronen, 1921 waren es bereits 174 Milliarden, im August 1922 überschritt der Umlauf an Kronen die Billionengrenze. Gleichzeitig verdoppelten sich die Preise zwischen 1914 und 1921 Jahr für Jahr. Löhne auszuzahlen war mitunter ein Transportproblem.

1922 erreichte die Inflation ihren Höhepunkt. Eine neue Währung sollte eine neue wirtschafts- und währungspolitische Ära einleiten. Für den Namen der künftigen Zahlungseinheit gab es zwei Vorgaben: einerseits die Krone als eines der letzten Relikte der Monarchie zu ersetzen, andererseits sollte sie keine Bezeichnung tragen, die in anderen Ländern verwendet wurde.

Kurz wurde der "Ecu" in Betracht gezogen. Ein im 13. Jahrhundert in Frankreich geprägtes Goldstück mit hohem Nennwert, das sich als Zahlungsmittel zwar nie durchsetzen konnte, jedoch als Meßeinheit diente. Der Ecu fand keine Freunde, der "Skilling" gefiel da schon mehr.

Skilling und Stüber Der "Skilling" wurde um 550 erstmals erwähnt. Karl der Große verfügte um 800, daß "20 Schilling auf einen Pfund" gehen sollten. 1266 wurde der sich an den Schilling anlehnende "Solidus" als Geldstück geprägt (zum römischen Solidus besteht allerdings keine Kontinuität). Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war der Schilling als "langer Schilling" (50 Pfennig) im süddeutschen Raum und in Österreich, der "kurze Schilling" im restlichen Deutschland bekannt.

Unterteilt sollte der neue österreichische Schilling in 100 "Stüber" werden, eine Ableitung vom holländischen "Stüver".

In die beinahe endlosen Diskussionen um die Namensgebung mischten sich auch die Medien ein. So schlug etwa Karl Kraus in seiner Zeitung "Die Fackel" vor: "Nennt das österreichische Geld doch so wie es ist: Neandertaler."

Der Name Schilling setzte sich durch. Im Gegensatz zum Stüber, der letztlich durch den - ursprünglich von Regierung und Nationalbank als zu deutsch- und böhmenlastig abgelehnten - Groschen ersetzt wurde. Am 20. Dezember 1924 wurde das "Schilling-Rechnungsgesetz" mit Wirksamkeit vom 1. Jänner 1925 beschlossen. Der Umrechnungskurs: 10.000 Kronen = ein Schilling.

Banknoten der neuen Schilling-Währung in Form von 100-Schilling- Scheinen gab die Nationalbank im März 1925 heraus, 5-, 10-, 20-, und 1.000-Schilling-Scheine folgten im Mai und Juni. Die Krone verlor ihre Zahlungskraft endgültig mit 31. Dezember 1926.

Der Schilling wurde auf den Devisenmärkten freundlich aufgenommen. Er erwies sich als harte Währung, insbesondere gegenüber dem Dollar, und erhielt den Beinamen "Alpendollar".

Dennoch: Österreichs Wirtschaft lag im argen, 1935 waren 38,5 Prozent aller Österreicher ohne Job.

Trotz dieser tristen Situation hielt die Regierung an der Hartwährungspolitik fest. Der Schilling erreichte in den ersten 14 Jahren seines Bestehens eine Kaufkraftstabilität, die er nie wieder erreichen konnte. "Angesichts der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen sollte er das auch nie mehr wieder tun", mahnt der Autor Ernst Hofbauer in seinem jüngst erschienenen Buch: "Das war der Schilling - Eine Erfolgsgeschichte mit Hindernissen".

Noch im Februar 1938 beschwor Bundeskanzler Kurt Schuschnigg den von Österreich eingeschlagenen Wirtschafts- und Währungskurs. Drei Wochen später standen Hitlers Truppen in Österreich. Fünf Tage nach dem Einmarsch wurde der Schilling durch die deutsche Reichsmark ersetzt. Umrechnungskurs: 1,50 Schilling ist gleich eine Reichsmark.

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte Chaos. Neben der Reichsmark (Okkupationsmark) kursierten auch sogenannte "Alliierte Militärschillinge". Das Scheidemünzengesetz vom 30. November 1945 beendete das Währungswirrwarr, der Schilling wurde wieder alleiniges Zahlungsmittel. Sogenannte "Interimsschillinge wurden ausgegeben, Umwechslungkurs: eine Reichsmark ist gleich ein Schilling. Die eigentliche Währung dieser Zeit waren aber die Tausch- und Schwarzmarktwährungen: Schokolade, Zucker und vor allem Zigaretten.

Erst eine neuerliche Währungsreform am 19. November 1947 stoppte die Schattenwirtschaft des Schwarzmarktes. Alle Banknoten wurden im Verhältnis eins zu drei gegen neue Schillinge eingetauscht. Lediglich 150 Schilling pro Person wurden gegen Eintragung auf die Lebensmittelkarten voll honoriert.

Hofbauer konstatiert: "Die Geschichte des Schillings bis zu dieser Zeit war die Geschichte vieler Sparer, die von Generation zu Generation um ihr Erspartes gebracht wurden, und sie ist die Geschichte von Kriegsgewinnlern, Schiebern, Spekulanten und Schuldenmachern, die durch jede Währungsreform ,belohnt' wurden." In den darauffolgenden Jahren erlangte der Schilling an Image im In- und Ausland und wurde zum Vorbild für andere Währungen. Ernst Hofbauer schreibt darüber: "Erst ab dem Zeitpunkt der Währungsreform von 1947 kann von der Erfolgsgeschichte des Schillings gesprochen werden."

Daß der Schilling zwischen 1948 und 1954 30 Prozent seines Wertes einbüßte und seine Kaufkraft auf ein Achtel sank, ist dabei nur sekundär.

Eine kurze Talfahrt des Schillings in den 50er Jahren konnte durch das budget- und währungspolitische Konzept des Finanzministers Reinhard Kamitz, das eine sparsame Finanzpolitik vorsah, gestoppt werden. Bei Amtsantritt Reinhard Kamitz' lag die Inflation bei 39 Prozent.

Erst als der legendäre Raab-Kamitz-Kurs zu greifen begann, war das Österreichische Wirtschaftswunder eingeleitet. Ende 1959 fiel die Arbeitslosenrate auf unter zwei Prozent, der Gold- und Devisenschatz der Österreichischen Nationalbank stieg so hoch, daß Österreich seinen Importbedarf für 210 Tage aus den Reserven der Nationalbank hätte decken können.

Das Ende einer Ära Im Oktober 1955 prägte die Nationalbank erstmals wieder Silbermünzen. Anläßlich des Staatsvertrages und der Eröffnung der Staatsoper und des Burgtheaters wurden 25-Schilling-Silbermünzen herausgegeben. 1959 wurden die ersten Silbermünzen mit einem Nennwert von 50 Schilling geprägt. 1976 kam die erste 100-Schilling-Silbermünze auf den Markt, 1980 die erste 500-Schilling-Münze - alles begehrte Sammelobjekte der Österreicher.

Der konservative Wirtschaftskurs der 60er Jahre war der Grundstein für die Expansionspolitik der 70er Jahre. Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky, dem ein paar Millionen Schilling Schulden lieber waren als ein Arbeitsloser, verfiel der Wert des Schillings. Die Inflation stieg Anfang der 70er Jahre auf sieben Prozent, Ende der 70er Jahre pendelte sie sich bei sechs Prozent ein. Die Geldmenge erreichte Zuwachsraten von 20 und mehr Prozent. Die Staatsschuld explodierte von zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes 1974 auf 70 Prozent im Jahr 1996.

Mit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union und dem Vertrag von Maastricht wurde ein Umdenken eingeleitet, die österreichischen Staatsfinanzen werden nach den Maastrichter Konvergenzkriterien saniert.

Mit 1. Jänner 2002 geben nun 15 europäische Nationen freiwillig einen entscheidenden Teil ihrer nationalen Identität ab. Sie verzichten zugunsten des Euro auf ihre eigene Währung. Und auch der Schilling wird zu diesem Zeitpunkt nur mehr eine Reminiszenz an die Geschichte Österreichs in einem vergangenen Jahrhundert sein.

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