Digital In Arbeit

Kontinuität und Brüche

Die katholische Kirche tut sich schwer mit Reformen, weil sie über der großen Perspektive ihrer Tradition die konkrete geschichtliche Entwicklung zu übersehen droht. Damit verstellt sie freilich oft den Blick auf ihre eigentliche Botschaft.

Nach menschlichem Ermessen wäre die Kirche kaum noch zu retten. Eine Firma, die dermaßen viel an Glaubwürdigkeit und Vertrauen verspielt hat, bei der die Treuesten der Treuen unter den Mitarbeitern wie Kunden zwischen Resignation, Trauer und Wut schwanken – eine solche Firma müsste man auf der grünen Wiese völlig neu aufstellen.

Gewiss, manche Schlagzeile dieser Tage, die von der „schwersten Kirchenkrise“ oder Ähnlichem spricht, mag überzogen sein. Man sollte mit solchen Superlativen – zu denen die in der Aktualität gefangenen Medien naturgemäß neigen – behutsam umgehen: In historischer Perspektive relativiert sich manches, und eine seriöse Einordnung dramatischer Geschehnisse ist immer erst mit einiger zeitlicher Distanz möglich.

Auf Fels gebaut

Denn nach menschlichem Ermessen dürfte es die Kirche eigentlich nicht mehr geben, hätte sie längst das Schicksal anderer Imperien und Kulturen ereilen müssen: Spaltungen, Kämpfe mit weltlichen Herrschern und geistlichen Konkurrenten, zuletzt, im 19. und weit ins 20. Jahrhundert hinein, Verbunkerung im „Antimodernismus“ – all das hat die Kirche hart in Bedrängnis gebracht. Ihr Fortbestand über zwei Jahrtausende allen Verwerfungen zum Trotz kann als realer Grund einer an sich nur in der Perspektive des Glaubens möglichen Hoffnung gelten: dass diese Kirche „auf Fels gebaut“ sei und „die Mächte der Unterwelt“ (die auch in ihr selbst am Werk sind) sie „nicht überwältigen“ werden.

Das enthebt die Kirche freilich nicht ihrer Verpflichtung, sich den jeweiligen Herausforderungen der Zeit immer neu zu stellen, wie das Johannes XXIII. mit „aggiornamento“ auf den Begriff gebracht hat. Hier kommt indes ein grundsätzliches Problem zum Tragen – die Spannung zwischen Kontinuität und Brüchen.

Zu Recht hält die Kirche an der heilsgeschichtlichen Dimension der Kontinuität im Sinne einer apostolischen Tradition fest. Aber die einseitige Fixierung darauf verstellt den Blick auf ihre konkrete historische Entwicklung mit all ihren Brüchen. Darin liegt wohl der tiefste Grund, weswegen sich die katholische Kirche mit Reformen so schwer tut. Und von daher wird auch verstehbar, dass Reformen – die es ja unbestreitbar gegeben hat, wie etwa beim letzten Konzil – nie als solche bezeichnet werden, sondern noch einmal im Modus der Kontinuität dargestellt werden.

Das hängt eng mit dem Selbstverständnis der Kirche als „societas perfecta“ (vollkommene Gesellschaft) zusammen, das der (gewiss nicht „linke“) Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann dieser Tage im Standard kritisiert hat. Die Kirche als solche kann demnach nicht irren oder schuldig werden, nur – wie beispielsweise bei den jetzt aktuell gewordenen Missbrauchsfällen – einzelne ihrer Mitglieder.

Hier müsste – nicht als Schnellschuss sondern theologisch fundiert – ein Umdenken (griech. metanoia) ansetzen: Sollte die Kirche nicht, gerade im Wissen auf ihre tiefe Verwurzelung (s. o.), eine innere Leichtigkeit auch im Blick auf sich selbst zu entwickeln fähig sein? Vielen, die sich in diesen Tagen zur Kirche äußern, wird man zu Recht unlautere Motive unterstellen dürfen, manche Betroffenheit wirkt geheuchelt. Aber weit über binnenkirchliche Kreise hinaus ist auch eine große Nachdenklichkeit zu spüren, eine Sorge, dass ein rapider Verlust an Ansehen und Reputation der Kirche ein Schaden für die ganze Gesellschaft wäre.

Leben in Fülle

Dies gilt beileibe nicht nur für die Werke der caritas, des Engagements im Sozial- und Integrationsbereich. Es gilt nicht minder für die großen Fragen der Suche nach (Lebens-)Sinn und Orientierung, für jene der persönlichen Lebensführung und, ja, auch für die leidige Sexualmoral. Sie ist gewiss nicht das wichtigste Thema der Kirche – aber jenes, bei dem die Diskrepanz zwischen Predigt und (eigener) Realität zuletzt am schmerzlichsten zutage getreten ist. Wie in allen anderen Dingen müsste es der Kirche auch hier gelingen, klarzumachen, dass es ihr nicht um ein moralisches Korsett, sondern um ein „Leben in Fülle“ zu tun ist.

* rudolf.mitloehner@furche.at

FURCHE-Navigator Vorschau