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Schleierzug für eine Frauenverfinsterung

1945 1960 1980 2000 2020

Seit Jahren gilt er als Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur: Der albanische Erzähler Ismail Kadare wurde vor 80 Jahren geboren.

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Seit Jahren gilt er als Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur: Der albanische Erzähler Ismail Kadare wurde vor 80 Jahren geboren.

Eine Geschichte von gestern, die Ängste von heute aufwühlt: Schleier sollen geliefert werden mitten hinein ins christliche Europa. Eine Karawane mit tausenden Stoffschleiern ist im Auftrag des Sultans der Türken unterwegs nach Westen. Die Frauen dort sollen unter die Vollverschleierung ihres Körpers gezwungen werden. Mit der Anführung der Schleierkarawane wird ein sinnlich empfänglicher Emissär betraut: Hadschi Milet hat noch nie so viele unverhüllte Frauen gesehen, als er in Albanien ankommt.

Das macht den gläubigen Moslem staunen. "Zuvor hatte Hadschi Milet nicht einmal gewusst, dass es Gegenden im Reich gab, in denen Frauen ohne Schleier gingen, ja, er war geradezu erschüttert gewesen, als er das erfuhr. Doch einer seiner Freunde hatte ihn mit den Worten beruhigt, es seien halt die Gegenden, die das Osmanische Reich ganz spät erobert hatte, so dass seine Macht dort erst jetzt richtig Fuß fasste."

Indes, dieser Karawanenführer, der den Islam ins "Reich der Ungläubigen" tragen soll, ist weder ein religiöser Eiferer noch ein asketischer Zelot. Im Gegenteil: Der Anblick von Frauen, deren Augen offen und unverdeckt auf ihm ruhen, entzückt ihn: "Nie zuvor in seinem Leben hatte sich Hadschi Milet glücklicher gefühlt. Die Welt erschien ihm plötzlich strahlend, wie in einem Licht von Freudentränen gebadet. Wie die meisten Burschen und Männer seines großen Landes war er durch Ehevermittlung verheiratet worden. Das war freilich keine Liebe. Liebe war, wenn die Frau die Freiheit besaß, ihre Blicke überall verweilen zu lassen, und wenn sie dann unter allen Wesen dieser Welt allein dich erkor und keinen anderen."

Seine Bewunderung der weiblichen Freiheit des Westens wird dem Osmanen bei seiner Rückkehr übel vergolten. Von Spitzeln verraten, wird Hadschi Milet alsbald verhaftet, in den Kerker geworfen und schließlich zu Tode gemartert. Eine Abweichung vom "ruhmreichen Erlass" der Verschleierung duldet der eroberungssüchtige Sultan der Türken nicht.

Frauenverfinsterung

Was der Herrscher in Stambul will, soll in allen eroberten Ländern mit Zwang durchgesetzt werden: in Albanien ebenso wie in Griechenland, Serbien, Bosnien, Rumänien, Bulgarien, Ungarn. Jede Frau soll dort "von nun an ihr Antlitz mit einem Schleier verhüllen müssen, sobald sie das dreizehnte Lebensjahr erreicht hat, genauso wie alle anderen Muselmaninnen". Betrübt verzeichnet der Chronist: "Zwei Arten von Verfinsterungen hatte es schon immer gegeben, Sonnen- und Mondfinsternis. Nun war eine dritte Art hinzugekommen, die Frauenverfinsterung. Die Welt geriet gänzlich aus dem Lot."

Vor mehr als dreißig Jahren hat der große albanische Epiker Ismail Kadare diesen Prosatext aus dem tiefen Geschichtsbrunnen der osmanischen Herrschaft auf dem Balkan geschöpft. "Die Schleierkarawane" heißt die im einfachen Legendenton gehaltene Erzählung, die in einer Neuübersetzung von Joachim Röhm im S. Fischer Verlag erschienen ist. Sie trifft auf eine Leserschaft, die in einer Zeit von Kopftuchdebatten und islamistischer Frauenunterdrückung umso hellhöriger auf das Thema reagiert.

Der konfessionslose Ismail Kadare, Sohn muslimischer Eltern, hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er die ein halbes Jahrtausend lange osmanische Herrschaft über Albanien als ein Verhängnis für sein Land betrachtet. In seinem an Romanen und Erzählungen überreichen Lebenswerk gibt es kaum ein Buch, das sich nicht auf mehr oder weniger poetisch rätselhafte, verschlüsselte Weise mit der zerrissenen Geschichte seiner archaischen Heimat auseinandersetzt. Etliche davon führen zurück in die Jahrhunderte der Unterdrückung durch die Hohe Pforte, die sich erst nach dem nationalen Aufstand 1908 zu einigen Lockerungen durch die Jungtürken, nicht aber zu der erhofften Autonomie bereitfand. Von Österreich-Ungarn aus machtpolitischem Kalkül unterstützt, proklamierte das Land der Skipetaren 1912 seine nationale Unabhängigkeit. Neben der Titelgeschichte gibt es in dem Band "Die Schleierkarawane" eine weitere Erzählung, die Kadares Kritik an der islamischen Unterwerfung Albaniens fortsetzt. Verführerisch für alle Sinne schildert der Autor die Vorbereitungen für ein Festbankett, das anlässlich der Versöhnung zwischen der osmanischen Zentralgewalt und einer Gruppe aufständischer Oberhäupter in Albanien stattfand. In pittoresken Farben werden die Vorkehrungen in Küche und Keller vor dem Leser ausgebreitet - nur um ihn am Ende umso stärker mit dem Umsturz des Festes in ein von den Türken angerichtetes Blutbad an den albanischen Notabeln zu schockieren.

Kadare bezieht sich bei seiner parabelhaften Erzählung auf ein Ereignis der albanischen Geschichte von 1830, weist damit aber ebenso auf jüngere Erfahrungen mit der Willkür von Diktaturen hin. An eigener Kenntnis mangelt es ihm nicht: Unter der 40 Jahre langen Herrschaft des kommunistischen Despoten Envar Hodscha war der vor 80 Jahren, am 28. Jänner 1936, geborene Erzähler abwechselnd in Gnade und Ungnade, letztlich aber hauptsächlich auf die Sonnenseite der Günstlinge gefallen. In dem Spätwerk "Der Nachfolger" hat er mit der List des mit allen Wassern gewaschenen Epikers eine Rechtfertigung künstlerischer Botmäßigkeit in der Vorhalle der Mächtigen versucht.

Faszinierendes Geschichtsbild

Im Zweiten Weltkrieg erlebte Kadare als Knabe in seiner südalbanischen Heimatstadt Gjirokastra die wechselnde Okkupation durch die italienische, griechische und deutsche Armee sowie die Angriffe der britischen Luftwaffe. Diese Zeit der Umbrüche und Wirrnisse hat er aus der Sicht eines hellwachen Halbwüchsigen, ergänzt um die Wahrnehmung der Erwachsenen und einer von den wechselnden Besatzungsmächten bestimmten Stadtchronik, in seinem epischen Hauptwerk "Chronik in Stein" meisterhaft geschildert. Die Magie einer frisch entdeckten Weltsicht wechselt hier mit dem Schock über die Kriegstaten, Schönheit und Entsetzen bündeln sich zu einem faszinierenden Geschichtsbild.

Begonnen hat Kadare sein Erzählwerk mit dem 1964 erstmals erschienenen Roman "Der General der toten Armee", der bald schon in über 30 Sprachen übersetzt wurde. Darin folgt ein italienischer General zwei Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs dem makabren Auftrag, seine in albanischer Erde begrabenen Soldaten heimzuholen. In der düsteren Atmosphäre des nebelverhangenen Landes fahndet er nach den Knochen seiner gefallenen Landsleute, doch statt der Gebeine exhumiert er die Gräuel des Krieges - eine Parabel über das verhängnisvolle Unterfangen, mit den Leichen der Geschichte eine politische Absicht der Gegenwart zu rechtfertigen.

Seit Jahren gilt Ismail Kadare, dieser von Mythen und Legenden bewegte Erzähler, als probater Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Für sein mehr als 25 Bände umfassendes Werk hätte er ihn längst verdient. Der Vorbehalt, der den abwechselnd in Tirana und Paris lebenden Autor begleitet, gilt ausschließlich seiner wetterwendischen politischen Haltung.

Die Schleierkarawane

Erzählungen von Ismail Kadare

Übersetzt von Joachim Röhm

S. Fischer 2015

208 S., geb., € 19,99

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