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Feuilleton

Spione, Habsburger und LESEABENTEUER

1945 1960 1980 2000 2020

Ins 17. Jahrhundert und doch weit darüber hinaus führt Péter Esterházys erfrischender neuer Roman in einer "Mantel-und-Degen-Version" samt Fußnoten.

1945 1960 1980 2000 2020

Ins 17. Jahrhundert und doch weit darüber hinaus führt Péter Esterházys erfrischender neuer Roman in einer "Mantel-und-Degen-Version" samt Fußnoten.

Eine Buchhandlung in Deutschland. Ich suche Péter Esterházys neues Buch "Die Mantel- und-Degen-Version". Auf dem Tisch der Neuerscheinungen liegt es nicht. Im Romane-Regal finde ich ein Werk des Autors, aber nicht dieses. Ich frage die Buchhändlerin und muss Esterházy dreimal buchstabieren. Dann der Treffer: Das Buch ist vorrätig, ich habe nur falsch gesucht. Es findet sich im Regal "Historische Romane". Da hätte ich es zuletzt gesucht, sage ich. Die Buchhändlerin reagiert leicht verschnupft und zeigt auf den Buchumschlag: "Geheimagenten und Doppelspione, Herzöge und Feldherrn, ein homosexueller Meisterkoch und eine schöne, gefährliche Frau: Kabale, Liebe, Verrat im 17. Jahrhundert zwischen Pressburg und Konstantinopel" stehe da -wenn das kein historischer Roman sei!

Verrutschte Zeitpunkte

Wo sie recht hat, hat sie recht. Und doch eben nicht ganz. Unter diesem von ihr vorgelesenen Abschnitt findet sich ein (leicht verändertes) Zitat, ein kleiner Hinweis: "Lasst uns, wie es heißt, eine Atempause machen und sehen, wo wir eigentlich sind. Unsere Zeitpunkte verrutschen zwar etwas, aber wann sollen sie verrutschen, wenn nicht im siebzehnten Jahrhundert, vorausgesetzt, wir betrachten vom einundzwanzigsten aus."

Diesen Hinweis zu beachten, kann hilfreich sein. Einen historischen Roman zu erwarten, dessen Kennzeichen ist, die jeweilige Zeit, von der er erzählt, nicht zu verlassen, würde beim Lesen wohl zu Enttäuschungen führen. Auch weil hier der Erzählfluss ständig mutwillig unterbrochen wird. Esterházy-Leser haben einen klaren Vorteil: Sie wissen schon, was sie von diesem Autor zu erwarten haben. Jedenfalls ganz sicher keine einfache Geschichte, die der Untertitel weis machen möchte, der da lautet: "Einfache Geschichte Komma hundert". Dieser Untertitel bildet im ungarischen Original übrigens den eigentlichen Titel. Eine angeblich einfache Geschichte "Komma hundert" also wird hier erzählt, und zwar die Mantel-und-Degen-Version davon, das heißt eine Erzählversion, wie sie der Buchumschlag verspricht. Spektakel in vergangener Zeit, Haudegen, Liebschaften und politische Ränke, Kutschen, Küchenjungen, Pistolen und was halt so dazugehört.

Ja, so etwas bietet Esterházy tatsächlich. Dazu Türken und Habsburger. Und Ungarn: "Die drei Einheiten von Ort, Zeit, Handlung: Wenn der Vorhang hochgeht, sehen wir, wenn auch nicht bestürzt, so doch mit der kribbelnden Aufregung und dem Missmut der Überraschung das siebzehnte Jahrhundert, das heißt, der Rücken der Pferde dampft, auf den eifrigen Degen blitzt das schwache Licht der weißen Mondsichel, und der Herrgott lenkt noch die Welt. Das Bühnenbild zeigt das in drei Teile zerrissene Ungarn, als Einheit, in grellen Farben, im Maßstab 5:4, entsprechend der heroischen Regieabsicht."

Ironisches Spiel

So könnte nicht nur ein Theaterstück, sondern auch ein Mantel-und-Degen-Roman beginnen, ein historischer Schinken, vorgeblich maßstabsgetreu und heroisch. Doch das Zitat bietet Signale der Brechung und verrät damit die Machart der Geschichte. Dass Esterházy diese Mantel-und-Degen-Version nicht so recht durchhalten mag, ist von Beginn an erkennbar, unter anderem aufgrund solcher metafiktionalen Einschübe, durch die man dem Autor scheinbar bei der Verfertigung dieser Version zusehen kann. Er (oder wer?) spricht übrigens wie einst Cervantes den Leser gleich zu Beginn an: "Kipling empfiehlt (lese ich in Mathias Énards faszinierendem Roman Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten): Erzähl ihnen von diesen, von Pferden, Teufeln und Engeln, aber vergiss auch nicht, ihnen von Liebe und dergleichen zu erzählen ... Ich nehme es durch: Schlacht, König, Ross, Deibel, Engel, Leben, alles wird es geben. Das Elefantenproblem muss ich noch lösen. Gürtet euch, ein jeder mit seinem Schwert."

Von Intertextualität, also dem Bezug auf andere Texte, ist der Roman denn auch im Folgenden durchzogen, auf die Texte findet sich in Fußnoten verwiesen, als würde sich hier ein Autor schützen wollen vor jeglichem Plagiatsvorwurf. Zugleich führt Esterházy denselben ad absurdum: Ist Literatur doch immer schon aus anderer Literatur entstanden, gibt es keinen Satz, den man schreiben kann, der nicht an andere Sätze erinnert. Kann ein Wort einem Autor gehören, etwa "naturgemäß" dem Thomas Bernhard?

Ein ironisches Spiel treibt Esterházy da, nicht unähnlich dem seines Vorgängers, der bereits im 18. Jahrhundert einen (postmodernen Roman schrieb: Laurence Sterne, der im berühmten "Tristram Shandy" den Erzähler zahlreiche Abschweifungen machen und nicht und nicht zur Geschichte (nämlich seines Lebens) kommen lässt. Das Lesevergnügen freilich liegt genau darin, diesen irrwitzigen Abschweifungen zu folgen.

So ähnlich könnte auch eine Lesehaltung in Bezug auf Esterházys Roman aussehen: Nicht unbedingt zu versuchen, der Mantel-und-Degen-Story zu folgen, auch wenn es eine solche gibt, sondern sich den unterschiedlichen Perspektiven hinzugeben (ja, wer spricht denn da überhaupt?) und den Fußnoten, nicht nur jenen von P. E., sondern auch jenen von der Übersetzerin Heike Flemming. Das klingt alles anstrengender als es ist, andererseits: Ein bisschen verwirrend ist es schon -aber in Zeiten zunehmender Einfachheit kann einem ruhig auch einmal etwas zugemutet werden. Es lohnt!

Blick des 21. Jahrhunderts

Und der "Stoff", dieses - für das zwischen dem Osmanischen Reich und den Habsburgern liegende Ungarn so bedeutende - 17. Jahrhundert? Gesehen, wie eingangs erwähnt, mit dem Blick des 21. Jahrhunderts? Was sieht man da? Da sieht man zunächst den Habsburger Ludwig III. im Geheimen nach Ungarn aufbrechen. Gefolgt von zwei Spionen, die Berichte verfassen, die mehr über den Kutschenhersteller "Meister Christoph Ransmayr" erzählen denn über jenen, der in der "Schweigekutsche" sitzt. Es ist jene Zeit nach der "Türkenbelagerung" vor Wien, in der, wie Esterházy in Interviews sagte, Verstand und Gefühl in Ungarn auseinandergingen.

Der Blick von heute zeigt sich in der Ironie, aber auch im Wissen. In Nebensätzen wird mitteleuropäische Geschichte erzählt und verrückt, die politische Gegenwart scheint durch, ohne explizit genannt werden zu müssen, die Fragen über Gott (ja, auch er ist mit dabei) und Welt scheinen nicht unaktuell (Ost und West, Nationalstaat versus Europa).

Esterházys faszinierender Roman ist politisch, aber er ist politisch in seiner Poetik. Und vielleicht ein Beispiel dafür, "dass mit einem Satz die Wirklichkeit entsteht", wie es in einer Fußnote einmal heißt. "Doch ich könnte auch ein anderes Beispiel bringen. Freilich, auch Gegenbeispiele. - P.E."

Eine Buchhandlung in Deutschland. Ich suche Péter Esterházys neues Buch "Die Mantel- und-Degen-Version". Auf dem Tisch der Neuerscheinungen liegt es nicht. Im Romane-Regal finde ich ein Werk des Autors, aber nicht dieses. Ich frage die Buchhändlerin und muss Esterházy dreimal buchstabieren. Dann der Treffer: Das Buch ist vorrätig, ich habe nur falsch gesucht. Es findet sich im Regal "Historische Romane". Da hätte ich es zuletzt gesucht, sage ich. Die Buchhändlerin reagiert leicht verschnupft und zeigt auf den Buchumschlag: "Geheimagenten und Doppelspione, Herzöge und Feldherrn, ein homosexueller Meisterkoch und eine schöne, gefährliche Frau: Kabale, Liebe, Verrat im 17. Jahrhundert zwischen Pressburg und Konstantinopel" stehe da -wenn das kein historischer Roman sei!

Verrutschte Zeitpunkte

Wo sie recht hat, hat sie recht. Und doch eben nicht ganz. Unter diesem von ihr vorgelesenen Abschnitt findet sich ein (leicht verändertes) Zitat, ein kleiner Hinweis: "Lasst uns, wie es heißt, eine Atempause machen und sehen, wo wir eigentlich sind. Unsere Zeitpunkte verrutschen zwar etwas, aber wann sollen sie verrutschen, wenn nicht im siebzehnten Jahrhundert, vorausgesetzt, wir betrachten vom einundzwanzigsten aus."

Diesen Hinweis zu beachten, kann hilfreich sein. Einen historischen Roman zu erwarten, dessen Kennzeichen ist, die jeweilige Zeit, von der er erzählt, nicht zu verlassen, würde beim Lesen wohl zu Enttäuschungen führen. Auch weil hier der Erzählfluss ständig mutwillig unterbrochen wird. Esterházy-Leser haben einen klaren Vorteil: Sie wissen schon, was sie von diesem Autor zu erwarten haben. Jedenfalls ganz sicher keine einfache Geschichte, die der Untertitel weis machen möchte, der da lautet: "Einfache Geschichte Komma hundert". Dieser Untertitel bildet im ungarischen Original übrigens den eigentlichen Titel. Eine angeblich einfache Geschichte "Komma hundert" also wird hier erzählt, und zwar die Mantel-und-Degen-Version davon, das heißt eine Erzählversion, wie sie der Buchumschlag verspricht. Spektakel in vergangener Zeit, Haudegen, Liebschaften und politische Ränke, Kutschen, Küchenjungen, Pistolen und was halt so dazugehört.

Ja, so etwas bietet Esterházy tatsächlich. Dazu Türken und Habsburger. Und Ungarn: "Die drei Einheiten von Ort, Zeit, Handlung: Wenn der Vorhang hochgeht, sehen wir, wenn auch nicht bestürzt, so doch mit der kribbelnden Aufregung und dem Missmut der Überraschung das siebzehnte Jahrhundert, das heißt, der Rücken der Pferde dampft, auf den eifrigen Degen blitzt das schwache Licht der weißen Mondsichel, und der Herrgott lenkt noch die Welt. Das Bühnenbild zeigt das in drei Teile zerrissene Ungarn, als Einheit, in grellen Farben, im Maßstab 5:4, entsprechend der heroischen Regieabsicht."

Ironisches Spiel

So könnte nicht nur ein Theaterstück, sondern auch ein Mantel-und-Degen-Roman beginnen, ein historischer Schinken, vorgeblich maßstabsgetreu und heroisch. Doch das Zitat bietet Signale der Brechung und verrät damit die Machart der Geschichte. Dass Esterházy diese Mantel-und-Degen-Version nicht so recht durchhalten mag, ist von Beginn an erkennbar, unter anderem aufgrund solcher metafiktionalen Einschübe, durch die man dem Autor scheinbar bei der Verfertigung dieser Version zusehen kann. Er (oder wer?) spricht übrigens wie einst Cervantes den Leser gleich zu Beginn an: "Kipling empfiehlt (lese ich in Mathias Énards faszinierendem Roman Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten): Erzähl ihnen von diesen, von Pferden, Teufeln und Engeln, aber vergiss auch nicht, ihnen von Liebe und dergleichen zu erzählen ... Ich nehme es durch: Schlacht, König, Ross, Deibel, Engel, Leben, alles wird es geben. Das Elefantenproblem muss ich noch lösen. Gürtet euch, ein jeder mit seinem Schwert."

Von Intertextualität, also dem Bezug auf andere Texte, ist der Roman denn auch im Folgenden durchzogen, auf die Texte findet sich in Fußnoten verwiesen, als würde sich hier ein Autor schützen wollen vor jeglichem Plagiatsvorwurf. Zugleich führt Esterházy denselben ad absurdum: Ist Literatur doch immer schon aus anderer Literatur entstanden, gibt es keinen Satz, den man schreiben kann, der nicht an andere Sätze erinnert. Kann ein Wort einem Autor gehören, etwa "naturgemäß" dem Thomas Bernhard?

Ein ironisches Spiel treibt Esterházy da, nicht unähnlich dem seines Vorgängers, der bereits im 18. Jahrhundert einen (postmodernen Roman schrieb: Laurence Sterne, der im berühmten "Tristram Shandy" den Erzähler zahlreiche Abschweifungen machen und nicht und nicht zur Geschichte (nämlich seines Lebens) kommen lässt. Das Lesevergnügen freilich liegt genau darin, diesen irrwitzigen Abschweifungen zu folgen.

So ähnlich könnte auch eine Lesehaltung in Bezug auf Esterházys Roman aussehen: Nicht unbedingt zu versuchen, der Mantel-und-Degen-Story zu folgen, auch wenn es eine solche gibt, sondern sich den unterschiedlichen Perspektiven hinzugeben (ja, wer spricht denn da überhaupt?) und den Fußnoten, nicht nur jenen von P. E., sondern auch jenen von der Übersetzerin Heike Flemming. Das klingt alles anstrengender als es ist, andererseits: Ein bisschen verwirrend ist es schon -aber in Zeiten zunehmender Einfachheit kann einem ruhig auch einmal etwas zugemutet werden. Es lohnt!

Blick des 21. Jahrhunderts

Und der "Stoff", dieses - für das zwischen dem Osmanischen Reich und den Habsburgern liegende Ungarn so bedeutende - 17. Jahrhundert? Gesehen, wie eingangs erwähnt, mit dem Blick des 21. Jahrhunderts? Was sieht man da? Da sieht man zunächst den Habsburger Ludwig III. im Geheimen nach Ungarn aufbrechen. Gefolgt von zwei Spionen, die Berichte verfassen, die mehr über den Kutschenhersteller "Meister Christoph Ransmayr" erzählen denn über jenen, der in der "Schweigekutsche" sitzt. Es ist jene Zeit nach der "Türkenbelagerung" vor Wien, in der, wie Esterházy in Interviews sagte, Verstand und Gefühl in Ungarn auseinandergingen.

Der Blick von heute zeigt sich in der Ironie, aber auch im Wissen. In Nebensätzen wird mitteleuropäische Geschichte erzählt und verrückt, die politische Gegenwart scheint durch, ohne explizit genannt werden zu müssen, die Fragen über Gott (ja, auch er ist mit dabei) und Welt scheinen nicht unaktuell (Ost und West, Nationalstaat versus Europa).

Esterházys faszinierender Roman ist politisch, aber er ist politisch in seiner Poetik. Und vielleicht ein Beispiel dafür, "dass mit einem Satz die Wirklichkeit entsteht", wie es in einer Fußnote einmal heißt. "Doch ich könnte auch ein anderes Beispiel bringen. Freilich, auch Gegenbeispiele. - P.E."