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Ungehorsam und Widerstand

Im Aufstand der Pfarrer wird auch etwas von den Widerstandspotentialen in Politik und Gesellschaft manifest. Die Kirche wird das - auch theologisch - ernst nehmen müssen.

Ungehorsam bewegt die katholische Kirche. Seit dem Aufruf der Pfarrer-Initiative im Juni letzten Jahres wird um diesen Begriff gestritten. Ist er nicht ein unangemessenes Verhalten für Priester, die bei ihrer Weihe Gehorsam versprochen haben, und damit nicht zuletzt in zugespitzten, krisenhaften Zeiten ihren Bischöfen Verlässlichkeit garantieren? Andererseits: Bleibt Priestern eine Alternative, wenn ihren schon seit Langem kirchenintern geäußerten Sorgen keine erkennbare Bewegung der Kirchenleitung folgt?

Die polarisierende Einschätzung des Ungehorsams als Kampfbegriff (Kardinal Schönborn) oder als Sorge, die schlichtweg angebracht ist (Pfarrer Schüller), ist längst kein Streit zwischen höherem und niederem Klerus mehr. Nachdem sich nun auch der Papst kritisch-ablehnend, aber auch konstruktiv-bedenkend darauf bezogen hat, sind die angeschlagenen Themen eine weltkirchlich-globalisierte Problematik. Der Streit um den streitbaren Ungehorsam lässt tief in das Seelenleben einer Kirche blicken, die mit ihren Machtpotenzialen auch ihre Selbstsicherheit verloren hat. Und sie hat Wurzeln in der zerklüfteten Landschaft einer Gesellschaft, die massive Umbrüche erfährt und ihres eigenen Schicksals ungewiss geworden ist. Sind die Pfarrer dieser Initiative nur widerspenstig oder leisten sie notwendigen Widerstand? Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied und eine Differenz von enormer politischer Bedeutung.

Auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet

In der kirchlichen Ungehorsamsdebatte wird ein Thema angeschlagen, das repräsentativ für viele Lebenslagen heutiger Menschen ist. Der Gegensatz von zwei Gruppierungen wird sichtbar, die einander schlicht nicht ausweichen können. Denn beide sind auf das angewiesen, worum gestritten wird. Beide verstricken sich immer weiter und scheinbar unweigerlich in einen asymmetrischen Machtkampf, den zwar keine Seite wirklich jemals gewinnen, den aber jede zu jeder Zeit verlieren kann. Auf der einen Seite stehen die, die oben sind und innerkirchlich durchaus noch Macht haben, weil sie Positionen mit Entscheidungskompetenz besetzen, über Geld und Stellen verfügen, mit Rechten und Privilegien ausgestattet sind. Und doch können sie der eigenen Macht nicht wirklich trauen, weil diese ihnen nur fragil zu Gebote steht und jeder Gebrauch unweigerlich deren Brüchigkeit offenbart. Nutzen sie ihre Macht, verlieren sie Autorität, die dann verstärkt gerade auf jene übergeht, gegen die sie die Macht anwenden.

Auf der anderen Seite stehen jene, die daran leiden, dass "die da oben“ die Gestaltungsmacht, die sie noch besitzen, so wenig kreativ zu gebrauchen wissen. Während über die unten ständig verfügt und ihr Arbeitsumfeld Zug um Zug prekärer wird, weigern sich die Oberen verschämt, mit ihrer Macht etwas anzufangen, was sie selbst in Probleme mit anderen bringt und ihre eigene Stellung gefährdet. Der Nichtgebrauch der Möglichkeiten oben schädigt auch die Position unten und führt zu einem Vertrauensverlust der gemeinsamen Organisation und des alle aneinander bindenden Anliegens. Es ist nicht ein Gegenüber von Tätern und Opfern, sondern von Menschen, die von dem, was sie so ganz unterschiedlich beherrscht, an kurzen Ketten gehalten werden, Ketten, die sie zugleich miteinander verbinden und nicht zueinander kommen lassen.

Zwischen Widerspenstigkeit & Widerstand

Der Streit um den Ungehorsam als Unbotmäßigkeit oder als einzig noch zu Gebote stehendes Mittel, den hier die Kirche austrägt, der aber auch anderswo zurzeit aufflammt, wird weder mit einem einfachen Sieg enden noch wird darin eine Niederlage zu verhindern sein. Keine der Seiten wird sich am Ende durchsetzen, aber jede wird mit Verwundungen rechnen müssen. An diesem Punkt greift die Differenz zwischen Widerspenstigkeit und Widerstand.

Wenn es beim Ungehorsam um Widerspenstigkeit geht, dann gibt es zwei probate Mittel, um die Renitenz zu brechen: aussitzen und zugleich disziplinieren. Die katholischen Bischöfe scheinen noch nicht für sich klar entschieden zu haben, ob sie diese Mittel rigoros anwenden sollen. Sie scheinen auch nicht klar entschieden zu haben, ob ihnen eine weichere Form davon zur Verfügung steht. In keinem Fall wird damit die Verkettung aufzuheben sein, die beide aneinander bindet. Sie würde nur um einiges mehr schmerzen.

Wenn es beim Ungehorsam jedoch um Widerstand geht, dann tritt eine ganz andere Größe auf den Plan - und diese lässt sich nicht mit aussitzen und disziplinieren bewältigen. Widerstand ist nicht einfach Protest, er ergibt sich aus einer Empörung. Er ist die gesellschaftliche Seite dieser sehr persönlichen Erfahrung. Ungehorsam ist dann der Habitus derer, die von der Empörung gepackt werden. Stéphane Hessels Streitschrift "Indignez-vous!“ (Empört Euch!, Berlin: Ullstein, 14. Aufl. 2011) hat sich zur Bibel der Jugendproteste entwickelt, die seit 2010 in Europa und andernorts aufgetreten sind. Für den Fall der Kirche heißt das: Wenn der Ungehorsam der Pfarrer nicht aus Renitenz geboren ist, dann wird er nicht still zu stellen sein durch bischöfliche Maßnahmen und kritischen päpstlichen Widerspruch. Denn Empörung, die sich in Widerstand fokussiert, ist nicht zu brechen. Pfarrherrliche Widerspenstigkeit wäre zu brechen, Empörung aber weitet sich unweigerlich aus, selbst wenn die, die widerstehen, gebrochen werden.

Ehrlichkeit wird nicht umsonst sein

Wenn es um Widerstand geht, dann werden die Bischöfe nicht mit Disziplinierungen ihrer Pfarrer im Stil der klassischen "Societas perfecta“-Kirche davon- kommen. Sie werden sich den Gründen für die kirchliche Empörung stellen müssen, aber dann werden sie selbst unweigerlich einen Ort schaffen müssen, auf dem sich der feine Unterschied des Widerstands zur Widerspenstigkeit entfalten kann. Diese Ehrlichkeit wird sie etwas kosten, aber sie können dann mit Solidarisierung rechnen. Weichen sie dem aus, weil ihnen die Kosten zu hoch sind, dann werden sie lang anhaltenden Widerstand erfahren. Gibt es diesen Ort und jene Ehrlichkeit in der österreichischen Kirche? Man hat die Initiative zu Katholikentagen abgelehnt: eine Chance weniger. Wo sind Orte, wo beide Seiten sich und ihrer Empörung nicht ausweichen können? Und wenn es sie noch nicht gibt: Wer hat die Kraft und den Mut, sie überhaupt zu schaffen?

Wenn es so weitergeht wie bisher, wird dieser innerkirchliche Konflikt eskalieren, keine innerkirchliche Kreativität hervorbringen und gleichzeitig irrelevant bleiben für die Entwicklung der gesellschaftlichen Widerstandsprozesse. Darauf aber käme es auch an. In den Ungerechtigkeitsschüben der globalisierten Zeit wird es immer mehr Gründe zur Empörung geben. Sie sind schon mit Händen zu greifen: die schreienden Ungerechtigkeitskonsequenzen des Finanzmarktes, die apokalytisch-drohende Erderwärmung, die offenbar wuchernde Korruption der politisch-ökonomischen Netzwerklandschaften.

Natürlich führen weder die Pfarrer der Initiative noch die Bischöfe eine Auseinandersetzung stellvertretend für die Empörungsgründe in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft. Und doch geschieht hier etwas, was signifikant ist für die Widerstandspotenziale heute. Man darf gespannt sein, was an Widerständigkeit in und außerhalb der Kirche noch sichtbar wird, wo Kirche und Gesellschaft ihnen nicht ausweichen können und wie sie damit umgehen.

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