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Was würde Kardinal König heute sagen?

Am 13. März jährt sich der Todestag Kardinal Königs zum fünften Mal. Erinnerung an einen großen Mann- gerade in aktueller Kirchenzeit.

Der 5. Todestag von Kardinal König fällt in eine sehr aufgeregte Zeit der Kirche. Umso wehmütiger denkt man an den großen Toten. Er hat das Konzil mitgeprägt, hat es konsequent umzusetzen versucht und hat bei der Bischofsernennung in Linz 1981 die Hand im Spiel gehabt. Was würde er uns heute gerne sagen?

Einer der großen Konzilsväter

Seinen Einfluss auf das Konzil im Detail aufzuzählen, wird Aufgabe einer gründlichen Untersuchung sein. Aber einiges ist bekannt und markant. König hat mit seinem theologischen Berater Karl Rahner SJ sicher viel in das Kirchenschema eingebracht. Besonders wichtig war die Wiederentdeckung der Communio-Ekklesiologie, die die Mitverantwortung der Bischöfe mit dem Papst und die Eigenständigkeit der Ortskirchen betonte. Bis zu seinem Tod hat König aber mehrmals in der Öffentlichkeit geklagt, dass dies kaum zum Tragen kam, der Zentralismus sogar gewachsen sei. Er hätte sich nun über das selbstbewusste Verhalten der Bischofskonferenz im Fall der Ernennung eines Weihbischofs in Linz gefreut. Warum gab es solche Stellungnahmen nicht schon bei früheren Ernennungen?

Sicher ist Königs Mitwirkung bei der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den Juden. Den Text hat er offenbar gemeinsam mit Prälat Österreicher konzipiert. König würde heute tief enttäuscht sein, dass nun im Verhältnis zu den Juden mehrfache Irritationen entstanden sind, die eigentlich unerklärlich, ja unentschuldbar sind.

In "Gaudium et Spes" wird als eine Wurzel für den Atheismus auch das Verhalten von Christen genannt, "insofern man sagen muss, dass sie durch Vernachlässigung der Glaubenserziehung, durch missverständliche Darstellung der Lehre oder auch durch die Mängel ihres religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Lebens das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhüllen als offenbaren" (GS 19) An dieser Aussage soll König mitgearbeitet haben. Das empfahl ihn wohl, später das Sekretariat für das Gespräch mit den Nichtglaubenden zu leiten.

Schließlich faszinierte König die Aussage des Konzils über die rechte Autonomie der irdischen Wirklichkeiten. Das merkte man an seinem Respekt vor den Wissenschaften. Er setzte nie Meinung gegen Meinung, wahrte stets die je eigene Kompetenz - etwa hier Naturwissenschaft, dort Glaube und Theologie. Er hörte aufmerksam zu, fragte beharrlich, aber jeweils bestens informiert. Ein Bischof muss nicht nur ein guter Theologe sein, sondern soll auch in Humanwissenschaften den letzten Stand der Forschung kennen.

König hat zu den großen Konzilsvätern gehört und das Konzil auch gegen aufkommende Gegenstimmen verteidigt. Mehr noch, er hat es in Wort und Leben glaubwürdig interpretiert. Erstaunlich, dass bei seinem Requiem vor fünf Jahren im Stephansdom davon kaum etwas zu hören war.

Konzil glaubwürdig interpretiert

In der eigenen Diözese geschah das vor allem auf der Wiener Diözesansynode 1969-71. Das Interesse an den Themen erreichte die kleinsten Pfarren. Vor allem ging es um die Erneuerung der Liturgie, die Einführung der Pfarrgemeinderäte und damit um die Mitverantwortung der Laien. Auf der Synode wurde viel diskutiert, auch gestritten. Und doch hat sie auf Jahre hinaus ein Pastoralkonzept entworfen, das bis heute längst nicht ganz erfüllt ist. Freilich gab es auch in der Kirche von Wien verschiedene Richtungen. König hatte aber zu allen Kontakt, beobachtete vieles, ließ manches in Eigenverantwortung zu und verhinderte damit eine Polarisierung, die in anderen Diözesen zu harter Polemik führte.

König war sich seiner Mitverantwortung für die Weltkirche bewusst. En Beispiel dafür ist die sogenannte Maria Troster Erklärung. Das Konzil hatte die "Verantwortete Elternschaft" ausgerufen, aber nicht zu Ende diskutieren dürfen. Als 1968 in der Enzyklika "Humanae vitae" dafür lediglich die Wahl der empfängnisfreien Tage im Zyklus der Frau als sittlich erlaubt angesehen wurde, war das für viele Eheleute eine große Enttäuschung, kaum lebbar. Unter seiner Leitung erklärten die österreichischen Bischöfe, da es sich ja nicht um eine unfehlbare Lehrentscheidung handelt, sei der Fall denkbar, "dass jemand meint, das lehramtliche Urteil der Kirche nicht annehmen zu können. Wer auf diesem Gebiet fachkundig ist und durch ernste Prüfung, aber nicht durch affektive Übereilung, zu dieser abweichenden Überzeugung gekommen ist, verfehlt sich nicht, wenn er bereit ist, seine Untersuchung fortzusetzen und der Kirche im Übrigen Ehrfurcht und Treue entgegenzubringen."

Die Bischöfe zeigten damit große Verantwortung gegenüber den betroffenen Eheleuten, aber auch innerhalb der Kirche, weil dadurch ein drohender Imageverlust verhindert wurde. Und als 1980 auf der römischen Bischofssynode zu Ehe und Familie die Frage der Empfängnisverhütung leider nicht wie erwartet neu überlegt und weitergedacht wurde, haben die österreichischen Bischöfe erneut auf die Bedeutung des Gewissensentscheids hingewiesen.

Erst nach der Emeritierung Königs meldeten sich neu ernannte Bischöfe zu Wort und wollten einen Widerruf. War inzwischen etwa die Haltung zu "Humanae Vitae" in der Frage der Empfängnisverhütung zum Kriterium der "Rechtgläubigkeit" für Bischofskandidaten geworden?

Königs Hilfe für die Diözese Linz

Nach dem Rücktritt von Bischof Franz Zauner in Linz gestaltete sich die Ernennung eines Nachfolgers schwierig. Alois Wagner, langjähriger Weihbischof, der in den letzten Jahren, als Zauner zunehmend kränklich war, die Diözese eigentlich schon leitete und so der logische Nachfolger war, wurde in die "Wüste" - nein, nur bis Rom! - geschickt. Wer hat das beeinflusst? Scheinbar waren dann mehrere Kandidaten im Gespräch, darunter der Abt von St. Lambrecht in der Steiermark, Maximilian Aichern. Aber dieser lehnte offenbar ab. Nach fast einem Jahr gelang es, Aichern zur Annahme zu bewegen, wobei Kardinal König, eine wesentliche Rolle spielte.

Unter Aichern hat die Diözese Linz fruchtbare Jahre der Seelsorge erlebt. Und die Bischofskonferenz hatte in Aichern einen engagierten Verfechter der sozialen Frage und der Katholischen Aktion. Aichern trug wesentlich die Verantwortung für den Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe 1990. Und seinem fast grenzenlosen Optimismus war es zu verdanken, dass es 2003 zu dem beispielhaften Ökumenischen Sozialwort kam.

In der Diözese erlebte Aichern immer wieder heftige Kritik von stark konservativen Kreisen. Ein Teil davon war im sogenannten "Linzer Priesterkreis" versammelt, der sich jährlich zu einer Sommerakademie in Aigen-Schlägl traf. Aichern ging mehrmals hin, um Kontakt zu halten, konnte aber die tiefer werdende Kluft zum übrigen Klerus nicht verhindern. Gerhard Wagner, der Pfarrer von Windischgarsten, hat sich im Linzer Priesterkreis stark engagiert.

Vor fünf Jahren ist Kardinal König gestorben. Bis zu seinem Tod war er einer der gefragtesten Referenten und Gesprächspartner in der Öffentlichkeit. Für viele war er der Garant, dass sich die Kirche im Geist des Konzils weiterentfaltet, weil sie nur so die neuen Herausforderungen in der säkulareren Gesellschaft erfüllen kann. Das Gedenken an König wäre ein Anlass, sich seines "Erbes" zu erinnern und sich gleichsam zu fragen, was er in seiner tiefen Liebe zur Kirche und in seiner Weisheit uns heute raten würde.

* Der Autor ist emeritierter Weihbischof in Wien.

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