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Feuilleton

Welche Art Gesellschaft gestalte ich mit?

1945 1960 1980 2000 2020

Anfang 2014 erfuhr Henning Mankell von seinem Tumor. Sein neues Buch "Treibsand" ist auch eine Auseinandersetzung mit der schweren Krankheit. Am 5. Oktober ist der schwedische Schriftsteller 67-jährig in Göteborg gestorben. Ein Nachruf.

1945 1960 1980 2000 2020

Anfang 2014 erfuhr Henning Mankell von seinem Tumor. Sein neues Buch "Treibsand" ist auch eine Auseinandersetzung mit der schweren Krankheit. Am 5. Oktober ist der schwedische Schriftsteller 67-jährig in Göteborg gestorben. Ein Nachruf.

"Ich weiß nicht, woran es lag, daß gerade ich überlebte, als dieses Schiff an den Felsen zerschellte und verzweifelte Menschen da unten im Dunkel des Laderaums mit Klauen und Nägeln kämpften, um hinauf- und herauszukommen. Aber ich weiß, daß diese Brücke, die wir alle zu sehen meinten, als wir da am Strand am nördlichsten Punkt von Afrika standen, dem Kontinent, von dem wir flohen und um den wir schon trauerten, ich weiß, daß diese Brücke gebaut werden wird. Denn so hoch wird der Berg von zusammengepreßten Leichen auf dem Boden des Meeres einmal werden, das versichere ich dir, daß der Gipfel sich wie ein neues Land aus dem Meer erheben wird, und das Fundament aus Schädeln und Rippen wird die Brücke zwischen den Kontinenten schlagen, die keine Wächter, keine Hunde, keine betrunkenen Seeleute, keine Menschenschmuggler werden niederreißen können. Erst dann wird dieser grausame Wahnsinn enden, bei dem man angstvoll Horden von Menschen, die desperat um ihr Leben fliehen, in die Tunnel der Unterwelt hinabzwingt, so daß sie zu den Höhlenmenschen der neuen Zeit werden."

Nicht nur in seinem Roman "Tea-Bag"(2001) engagierte sich Henning Mankell schon vor Jahren für eine Gesellschaft, in der es nicht notwendig sein sollte, sich Menschenschmugglern anzuvertrauen oder Identitäten zu fälschen um in Würde leben zu dürfen. Auch seine zahlreichen Theaterstücke (etwa "Butterfly Blues"), Kinderbücher und die berühmten Kriminalromane mit dem einsamen Kommissar Kurt Wallander aus Ystad machen sein politisches Engagement sichtbar.

Aufklärung und Widerstand

1948 in Stockholm geboren, wuchs Mankell mutterlos auf. Im Obergeschoss eines Gerichtsgebäudes wohnend, schlich sich das Kind manchmal in den Verhandlungssaal und hörte zu. Später schrieb Mankell über Verbrechen, "weil sie deutlicher als vieles andere die Widersprüche beleuchten, auf denen das menschliche Leben beruht." In seinen Kriminalromanen zeichnete er das Böse als Folge von Umständen, ging es ihm nicht bloß um spannend erzählte Unterhaltung, sondern um politische Aufklärung und um Widerstand: gegen Rechtsextremismus ebenso wie gegen die Ausbeutung der Erde, gegen politische und wirtschaftliche Machenschaften und zeitgenössische Formen der Sklaverei.

In den 70er-Jahren reiste er zum ersten Mal nach Afrika, es sollte ihm eine zweite Heimat werden. Mitte der 80er-Jahre übernahm er die Leitung des "Teatro Avenida" in Maputo, wo er unter anderem mitten im mosambikanischen Bürgerkrieg ein zweitausend Jahre altes Stück "über den verzweifelten und mutigen Kampf einer Handvoll Frauen gegen die Barbarei des Krieges" aufführte. Seine Erfahrungen mit Straßenkindern fanden Eingang in Werke wie "Der Chronist der Winde". Mit "Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt" veröffentlichte er ein Buch über so genannte Memory Books, Erinnerungsbücher, die aidskranke Eltern für ihre Kinder schreiben, damit den Waisen dann wenigstens diese Erinnerung bleibt.

Als Anfang 2014 die Metastase eines Lungentumors am Hals entdeckt wurde, "ernst" und "unheilbar", machte der Schriftsteller seine Krebserkrankung öffentlich, schrieb in der "Atempause" und in der Hoffnung auf weitere Jahre Leben zwischen Chemotherapien sein Buch "Kvicksand", das soeben auf Deutsch erschienen ist und das er seiner Frau, der Theaterregisseurin Eva Bergman gewidmet hat (eine Tochter Ingmar Bergmans). In "Treibsand", so der deutsche Titel, erzählt Mankell persönliche Erlebnisse und Begegnungen, reflektiert er die Bedeutung von Erleichterung und Angst, auch die Angst, "so lange tot zu sein". Er betont die Notwendigkeit, Fragen zu stellen, und das Provisorische von Wahrheiten. "Ein Schiff, das von einer Reise zurückkehrt, ist ein anderes Schiff als jenes, das einst in See stach. Aber die Wahrheit reist in meinem Kopf und in meinem Leben mit. Damit diese Wahrheiten überleben, muss ich sie manchmal in Frage stellen und eine Veränderung suchen."

"Treibsand" ist kein angesichts des Todes deprimierendes Buch, sondern ein Plädoyer für das Leben, auch für jenes der anderen, für mehr Verantwortungsgefühl und für Menschlichkeit. "Welche Art von Gesellschaft will man mitgestalten? Diese Frage hat mein gesamtes Leben geprägt." Was Mankell damit meint, macht er in kleinen Geschichten deutlich, etwa jener von Thomas Clarkson, der für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte, oder jener von den beiden Straßenkindern, die in Maputo in Waschmaschinenkartons hausen.

Erzählungen vom Aufbruch

Mankell war nicht gläubig und wollte das auch nicht sein. Ihn prägte die Überzeugung, dass der Mensch aufgrund der Lebenslust überlebt. "Man spricht von vielen der illegal nach Europa kommenden Emigranten zuweilen verächtlich als von 'Glückssuchern'. Natürlich sind sie das. Das sind wir alle. Auch wenn das Wort 'Glück' abstoßend geworden ist, nachdem es auf sentimentale und kommerzielle Weise entwertet wurde, so sucht doch jeder nach der Möglichkeit für ein anständiges und auf Lebenslust gegründetes Leben. Warum haben sich Millionen von Europäern vor einhundertfünfzig Jahren auf den Weg nach Nordund Südamerika gemacht? Aus genau den gleichen Gründen."

Einst erlebte Mankell in Salamanca, wie ein Kellner plötzlich sein Tablett zu Boden warf und das Restaurant verließ. "Ich dachte daran, dass alle wirklich wichtigen Erzählungen von Aufbruch handelten. Sei es vom Aufbruch einzelner Menschen oder vom Aufbruch ganzer Gesellschaften, ob aufgrund von Revolutionen oder Naturkatastrophen. Zu schreiben, nahm ich mir vor, musste heißen, mit meiner Taschenlampe die dunklen Ecken auszuleuchten und nach bestem Vermögen das offenzulegen, was andere zu verbergen versuchten."

Treibsand

Was es heißt, ein Mensch zu sein

Von Henning Mankell

Zsolnay 2015

383 S. geb., € 25,60

Lesung von Axel Milberg. Hörverlag 2015, mp3-CD, € 28,10

"Ich weiß nicht, woran es lag, daß gerade ich überlebte, als dieses Schiff an den Felsen zerschellte und verzweifelte Menschen da unten im Dunkel des Laderaums mit Klauen und Nägeln kämpften, um hinauf- und herauszukommen. Aber ich weiß, daß diese Brücke, die wir alle zu sehen meinten, als wir da am Strand am nördlichsten Punkt von Afrika standen, dem Kontinent, von dem wir flohen und um den wir schon trauerten, ich weiß, daß diese Brücke gebaut werden wird. Denn so hoch wird der Berg von zusammengepreßten Leichen auf dem Boden des Meeres einmal werden, das versichere ich dir, daß der Gipfel sich wie ein neues Land aus dem Meer erheben wird, und das Fundament aus Schädeln und Rippen wird die Brücke zwischen den Kontinenten schlagen, die keine Wächter, keine Hunde, keine betrunkenen Seeleute, keine Menschenschmuggler werden niederreißen können. Erst dann wird dieser grausame Wahnsinn enden, bei dem man angstvoll Horden von Menschen, die desperat um ihr Leben fliehen, in die Tunnel der Unterwelt hinabzwingt, so daß sie zu den Höhlenmenschen der neuen Zeit werden."

Nicht nur in seinem Roman "Tea-Bag"(2001) engagierte sich Henning Mankell schon vor Jahren für eine Gesellschaft, in der es nicht notwendig sein sollte, sich Menschenschmugglern anzuvertrauen oder Identitäten zu fälschen um in Würde leben zu dürfen. Auch seine zahlreichen Theaterstücke (etwa "Butterfly Blues"), Kinderbücher und die berühmten Kriminalromane mit dem einsamen Kommissar Kurt Wallander aus Ystad machen sein politisches Engagement sichtbar.

Aufklärung und Widerstand

1948 in Stockholm geboren, wuchs Mankell mutterlos auf. Im Obergeschoss eines Gerichtsgebäudes wohnend, schlich sich das Kind manchmal in den Verhandlungssaal und hörte zu. Später schrieb Mankell über Verbrechen, "weil sie deutlicher als vieles andere die Widersprüche beleuchten, auf denen das menschliche Leben beruht." In seinen Kriminalromanen zeichnete er das Böse als Folge von Umständen, ging es ihm nicht bloß um spannend erzählte Unterhaltung, sondern um politische Aufklärung und um Widerstand: gegen Rechtsextremismus ebenso wie gegen die Ausbeutung der Erde, gegen politische und wirtschaftliche Machenschaften und zeitgenössische Formen der Sklaverei.

In den 70er-Jahren reiste er zum ersten Mal nach Afrika, es sollte ihm eine zweite Heimat werden. Mitte der 80er-Jahre übernahm er die Leitung des "Teatro Avenida" in Maputo, wo er unter anderem mitten im mosambikanischen Bürgerkrieg ein zweitausend Jahre altes Stück "über den verzweifelten und mutigen Kampf einer Handvoll Frauen gegen die Barbarei des Krieges" aufführte. Seine Erfahrungen mit Straßenkindern fanden Eingang in Werke wie "Der Chronist der Winde". Mit "Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt" veröffentlichte er ein Buch über so genannte Memory Books, Erinnerungsbücher, die aidskranke Eltern für ihre Kinder schreiben, damit den Waisen dann wenigstens diese Erinnerung bleibt.

Als Anfang 2014 die Metastase eines Lungentumors am Hals entdeckt wurde, "ernst" und "unheilbar", machte der Schriftsteller seine Krebserkrankung öffentlich, schrieb in der "Atempause" und in der Hoffnung auf weitere Jahre Leben zwischen Chemotherapien sein Buch "Kvicksand", das soeben auf Deutsch erschienen ist und das er seiner Frau, der Theaterregisseurin Eva Bergman gewidmet hat (eine Tochter Ingmar Bergmans). In "Treibsand", so der deutsche Titel, erzählt Mankell persönliche Erlebnisse und Begegnungen, reflektiert er die Bedeutung von Erleichterung und Angst, auch die Angst, "so lange tot zu sein". Er betont die Notwendigkeit, Fragen zu stellen, und das Provisorische von Wahrheiten. "Ein Schiff, das von einer Reise zurückkehrt, ist ein anderes Schiff als jenes, das einst in See stach. Aber die Wahrheit reist in meinem Kopf und in meinem Leben mit. Damit diese Wahrheiten überleben, muss ich sie manchmal in Frage stellen und eine Veränderung suchen."

"Treibsand" ist kein angesichts des Todes deprimierendes Buch, sondern ein Plädoyer für das Leben, auch für jenes der anderen, für mehr Verantwortungsgefühl und für Menschlichkeit. "Welche Art von Gesellschaft will man mitgestalten? Diese Frage hat mein gesamtes Leben geprägt." Was Mankell damit meint, macht er in kleinen Geschichten deutlich, etwa jener von Thomas Clarkson, der für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte, oder jener von den beiden Straßenkindern, die in Maputo in Waschmaschinenkartons hausen.

Erzählungen vom Aufbruch

Mankell war nicht gläubig und wollte das auch nicht sein. Ihn prägte die Überzeugung, dass der Mensch aufgrund der Lebenslust überlebt. "Man spricht von vielen der illegal nach Europa kommenden Emigranten zuweilen verächtlich als von 'Glückssuchern'. Natürlich sind sie das. Das sind wir alle. Auch wenn das Wort 'Glück' abstoßend geworden ist, nachdem es auf sentimentale und kommerzielle Weise entwertet wurde, so sucht doch jeder nach der Möglichkeit für ein anständiges und auf Lebenslust gegründetes Leben. Warum haben sich Millionen von Europäern vor einhundertfünfzig Jahren auf den Weg nach Nordund Südamerika gemacht? Aus genau den gleichen Gründen."

Einst erlebte Mankell in Salamanca, wie ein Kellner plötzlich sein Tablett zu Boden warf und das Restaurant verließ. "Ich dachte daran, dass alle wirklich wichtigen Erzählungen von Aufbruch handelten. Sei es vom Aufbruch einzelner Menschen oder vom Aufbruch ganzer Gesellschaften, ob aufgrund von Revolutionen oder Naturkatastrophen. Zu schreiben, nahm ich mir vor, musste heißen, mit meiner Taschenlampe die dunklen Ecken auszuleuchten und nach bestem Vermögen das offenzulegen, was andere zu verbergen versuchten."

Treibsand

Was es heißt, ein Mensch zu sein

Von Henning Mankell

Zsolnay 2015

383 S. geb., € 25,60

Lesung von Axel Milberg. Hörverlag 2015, mp3-CD, € 28,10