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"Wer nicht vergeben kann, ist nicht lebendig"

1945 1960 1980 2000 2020

Schreiben bedeutet für Lily Brett schlichtweg "alles". In ihren neuen Buch "Zu viele Männer" will die Tochter zweier Auschwitz-Überlebender einfühlsam vermitteln, dass wir am Ende doch "alle gleich sind". Mit der furche sprach sie über ihr Buch, ihre Ansichten zu Österreich und ihre Arbeit als Schriftstellerin.

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Schreiben bedeutet für Lily Brett schlichtweg "alles". In ihren neuen Buch "Zu viele Männer" will die Tochter zweier Auschwitz-Überlebender einfühlsam vermitteln, dass wir am Ende doch "alle gleich sind". Mit der furche sprach sie über ihr Buch, ihre Ansichten zu Österreich und ihre Arbeit als Schriftstellerin.

die furche: Mit Ihrem neuen Buch "Zu viele Männer" ist Ihnen wieder ein Bestseller gelungen. Sie sagten einmal, Sie hätten "eine Ewigkeit" darauf gewartet, es zu schreiben. Warum?

Lily Brett: Für mich ist dieses Buch eine Ansammlung von all dem, worüber ich viele, viele Jahre nachgedacht habe. Ich konnte das Buch so lange nicht schreiben, bis ich ganz genau verstand, was ich sagen wollte. Zwei Dinge wollte ich erreichen: Ich wollte zunächst eine Liebesgeschichte erzählen. Der Kern des Buches ist die Liebe zwischen einem Vater und einer Tochter. Es ist die Liebe eines Mannes, der allen Grund hatte, kein Glück mehr in seinem Leben zu empfinden. Und dann wollte ich die Lebensgeschichte von jemanden erzählen, der eine bedeutende Rolle in der Nazi-Partei gespielt hat. Mein Ziel war es, einen bedeutenden Nazi als einen sehr gewöhnlichen Menschen zu zeigen. Jemand, der so ist, wie Sie und ich. So wie Rudolf Höß, der Lagerkommandant von Auschwitz.

Ich wählte ihn aus, weil nicht so viel über ihn bekannt ist. Wir können versuchen, ihn wie einen normalen Menschen zu sehen. Aus diesem Grund können wir verstehen: Das ist es, wozu wir fähig sind! Er war kein schlechter Ehemann, ein hingebungsvoller Vater und ein harter Arbeiter, jemand, der in seinem Beruf sehr gut war. Wenn Sie verstehen, dass Rudolf Höß "nur" jemand wie Sie und ich und wie Teil von uns allen ist, dann erfahren Sie, wozu Menschen fähig sind.

die furche: In Ihrem Buch fährt die amerikanische Geschäftsfrau Ruth Rothwax mit ihrem Vater Edek, einem Auschwitz-Überlebenden, nach Polen. Es ist eine Reise in die Vergangenheit und in das Polen von heute. Sie bringen dabei etwa die geisterhafte Stimme von Rudolf Höß ein, der mit Ruth spricht. Zitat: Ruth: "Ich glaube nicht, dass man Sie jemals für einen Helden halten wird." Höß antwortet darauf "Wir werden sehen ...".

Brett: Rudolf Höß versteht Menschen möglicherweise besser als Ruth Rothwax. Er weiß: Obwohl er im Moment in Ungnade gefallen ist, gibt es immer die Möglichkeit zurückzukommen und als Held angesehen zu werden. Für mich hat er eine realistischere Haltung als Ruth. Wenn Sie sich heute Österreich anschauen und sehen, wie viele Menschen Jörg Haider wählen und wie viele Menschen wirklich denken, dass Türken und Homosexuelle geringwertiger sind als sie selbst, dann hat Rudolf Höß vielleicht doch recht: Vielleicht wird er einmal keine schändliche Figur in Österreichs Geschichte sein. Möglicherweise wird er zurückkommen und ein Held sein. Möglicherweise hat er sogar recht. Ich hoffe jedenfalls sehr, er liegt falsch.

die furche: Existieren für Sie als Vertreterin der Zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden die Worte "verzeihen und vergeben"?

Brett: Ich sage immer wieder, dass man vergeben muss. Das ist das Wichtigste. Ein Mensch, der im Leben nicht vergeben kann, ist nicht wirklich lebendig ... Ich will niemanden verantwortlich machen, der nicht dort war. Menschen mit 70 Jahren "abwärts" waren nicht dort! Sie waren nicht dort! Sie waren keine Erwachsenen. Sie waren damals noch nicht geboren. Natürlich muss man vergeben. Man muss schauen und erkennen und vergeben. Im Moment gibt es nichts zu vergeben, weil 85 Prozent der Täter nicht mehr leben.

die furche: Wir hatten kürzlich Wahlen in Wien. Die Partei, der vorgeworfen wurde, den Wahlkampf mit antisemitischen Tönen zu bestreiten, erhielt vom Wähler eine klare Absage. Ist Österreich nach den EU-Sanktionen wieder rehabilitiert in Ihren Augen?

Brett: Als ich die Resultate gesehen habe, fühlte ich mich sehr glücklich. Ich hoffe, dass es diese Entwicklung nicht nur in Wien gibt. Wenn sich das in den weiteren Wahlen in Österreich ausbreiten würde, wäre das ein geniale Sache, einfach brillant! Wenn Wien es schafft ein Beispiel zu sein, welchem ganz Österreich folgt, dann, vielleicht, würde die Welt Österreich wieder mit anderen Augen betrachten.

die furche: Welchen Eindruck haben Sie generell von Österreich?

Brett: Was ich in Österreich sehe, ist nicht dieselbe Art von Schuld wie ich ihr in Deutschland begegne. In Deutschland sehe ich eine junge Generation, die sehr gerne die Dinge ändern möchte, damit niemals mehr Hass gegen bestimmte Kulturen geschürt wird. In Österreich sieht man diese Art von Verantwortung nicht. In Österreich scheint es mir so zu sein, dass die Leute sehr schnell sagen: "Wir waren es nicht." Es scheint, sie haben den "Anschluss" vergessen und die Begeisterung, mit der sie Hitler sahen.

Von meiner Erfahrung her kann ich sagen, dass die jungen Leute in Deutschland mit einer großen Last, Schuld und Verantwortung aufwachsen, die sie nicht haben sollten. Es war nicht ihr Werk. Ich habe mit vielen Menschen in ganz Deutschland gesprochen. Sie haben mir erzählt, dass sie mit einem schlechten Gefühl aufwuchsen, weil sie Deutsche sind. Sie sagten, sie schämten sich, Deutsche zu sein. Ich habe noch keine Österreicher getroffen, die mir gesagt hätten, dass sie sich schämen, Österreicher zu sein.

In Österreich ist mein Publikum wundervoll. Sie erzählen mir, wie bewegt sie sind von dem, was ich erzähle und wie viel es ihnen bedeutet. Aber da ist dennoch ein Unterschied zu Deutschland.

die furche: Glauben Sie, dass Sie von Ihrer Zuhörerschaft gleich auf die gesamte Bevölkerung schließen können?

Brett: Nein! Aber ich habe eine Buchpräsentation in Deutschland gemacht, in etwa sieben Städten geredet und in jeder Stadt bin ich rund 500 Menschen begegnet. Diese Menschen sagen immer wieder dieselben Dinge zu mir: Die Deutschen wuchsen mit einer großen Last auf. Die Generationen, die von den Opfern abstammen, fühlen sich schuldig und die Generationen, die von den Tätern abstammen, fühlen sich auch schuldig. Es gibt aber keinen Grund, mit Schuldgefühlen aufzuwachsen!

die furche: Wie machen Sie sich denn Ihr Bild von der Realität in Österreich?

Brett: Was ich weiß, das ist das, was ich fühle, wenn ich Buchpräsentationen mache und zum Publikum spreche, wenn ich die Fragen höre und mit Journalisten rede. Natürlich lese ich auch in den Medien. Ich behaupte aber niemals, dass ich eine Expertin bin.

dieFurche: In der Süddeutschen Zeitung werden Sie zitiert mit den Worten: "Ich zitterte, als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam." Was haben Sie bei Ihrem ersten Besuch in Österreich empfunden?

Brett: Genau dasselbe. Ich zitterte, weil Österreich ein Land ist, welches sehr eng mit Deutschland verbunden war. Heute fühle ich mich sehr gerührt von den österreichischen Lesern, die zu mir kommen. Als Schriftstellerin ist man sehr glücklich, wenn die Leute gerührt sind von dem, was man schreibt. Ich kenne wunderbare Menschen in Österreich. Ich habe einen österreichischen Verleger, und ich habe sehr enge Freunde in Österreich.

die furche: Was bedeutet Ihnen das Schreiben?

Brett: Alles. Es ist einfach alles für mich, weil die Macht der Worte und die Macht der Sprache etwas ist, was ich schon von einem sehr jungen Alter an verstanden habe. Ich hatte Eltern, die keine "Stimme", keine Sprache und keinen Einfluss hatten. Ich erkannte: wenn du schreibst, ist es egal, was du schreibst, ob du ein Anwalt bist, ein Journalist, ein Autor. Du hast sehr große Macht. Wörter und Sprache sind Macht. Man hat die Fähigkeit, jemanden etwas fühlen zu lassen. Das ist eine sehr große Verantwortung, ein großes Privileg im Leben.

Das Gespräch mit führte Christine Weeber.

Zur Person: Ein amerikanischer Traum wurde wahr Lily Brett wurde 1946 als Tochter zweier polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in einem Lager für "Displaced Persons" in Deutschland geboren. Ihre Eltern hatten im Ghetto von Lodz geheiratet, wurden im KZ Auschwitz getrennt und fanden einander erst nach sechs Monaten wieder. 1948 emigrierte die Familie nach Australien, wo aus der zweijährigen Luba Brajsztajn Lily Brett wurde. Mit 20 begann sie eine kurze Karriere als Rockjournalistin. Sie interviewte Musikgrößen wie Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison. 1986 erschienen "The Auschwitz Poems". Es folgten ihre Bestseller "Einfach so" (Just Like That, 1994), "Zu sehen" (In Full View, 1997) und "New York" (2000). Zu viele Männer (Too Many Men, 1999) wird als bislang wichtigstes Werk der Autorin eingeschätzt.

Lily Brett lebt mit ihrem Mann David Rankin, einem australischen Maler, und ihren drei erwachsenen Kindern seit über zehn Jahren in New York.

"Zu viele Männer" Von Lily Brett. Deuticke Verlag, geb., 655 Seiten,öS 364,-/e 26,45

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